Umtriebig war er und prägend für die hiesige Literaturszene in der Nachkriegszeit. In der von ihm gegründeten Zeitschrift für moderne Dichtung «hortulus» gelang es Hans Rudolf Hilty zwischen 1951 und 1964, praktisch alle zeitgenössischen Stimmen von Rang und Namen in Erstdrucken zu versammeln. In Zusammenarbeit mit dem Tschudy-Verlag gab er die «Quadratbücher» heraus.
Schriftstellerisch betätigte sich Hilty in allen literarischen Sparten. Er verfasste Lyrik, Prosa und Theaterstücke. Dafür wurde er 1986 für sein Schaffen mit dem St.Gallischen Kulturpreis gewürdigt.
«Gymnasiales Gemüse»
Familienname: Gilg. Vorname: Ekkehard. Sohn bürgerlicher Eltern aus einer bürgerlichen Stadt, aufgewachsen in der Dienstwohnung des Stadtbibliothekars, 40-jährig, Junggeselle, Klavierlehrer, Bach-Liebhaber, Studentenname Parsifal, verzehrt eine atomar verseuchte Thunfischkonserve. In der Folge leidet er an «radioaktivem Unwohlsein» und Weltekel und vertieft sich ins Studium der Atomphysik.
Sein Studienkollege Hermann Schlumpf vulgo Trotzki, erzliberal, verschafft ihm einen Kompositionsauftrag des Stadttheaters. Gilg soll eine Ballettmusik nach Saint-Exupérys Der kleine Prinz schreiben. Die junge Solotänzerin Rahel Aubépine soll diesen verkörpern. Er verliebt sich in sie.
In sieben Heften protokolliert Ekkehard Gilg seinen Kampf gegen die Bedrohung durch das Atom, gegen die Vereinnahmung durch seinen politisierenden Freund. Er notiert sein Ringen um einen der Zeit angemessenen künstlerischen Ausdruck und sucht nach einer ernsthaften Liebe.
«Man möge sich das Jahr 1957 als Zeit der Handlung vorstellen», heisst es im Vorspann. In der Tat wird der Leser in die Zeit des Kalten Krieges versetzt. Kernphysik, Versuche mit atomaren Megabomben, die sich ankündigende Raumfahrt, führen zu einem «vierdimensionalen» Weltbild.
Parsifal-Autor Hans Rudolf Hilty
Es ist stofflich viel, was Hilty in seinen Roman hineinzwingt, und das macht die Lektüre stellenweise harzig. Wir geben dem Autor Recht, wenn dieser sich in der Rückschau selbstkritisch äussert: «Ich empfinde heute, dass noch etwas gymnasiales Gemüse darin ist; es gibt noch manches, das ich einmal streichen würde, nicht das Zeitbezogene, sondern gewisse Gefühligkeiten.»
Anita, Lilian, Silke, Marion, Regula, Rahel – ein Reigen von Frauen kreuzt den Weg des Protagonisten. Hier würde ein kritisches Lektorat dem Roman sicher gut tun.
Parsifal, ein St.Galler Roman?
Parsifal, ein Musikerroman? Die Kapitelung in «Die sieben Hefte des Musikers Ekkehard Gilg» lassen das vermuten. Es ist ein langer Weg für einen, der noch nie eine Note geschrieben hat, zu einer «Meta-Tonalität», einer Neuen Musik, die sich in Parallelität zur neuen Physik orientiert. Glaubwürdig nachvollziehen lässt sich die musikalische Entwicklung Gilgs im Roman aber nicht.
Für Gilg werden Paul Klees Tagebücher und Kandinskys Schrift Das Geistige in der Kunst zu Quellen von Inspiration und Befreiung. Ob Der kleine Prinz, als geplantes Gesamtkunstwerk aus Wort, Musik und Tanz, instrumentiert für Flöte, Vibraphon, Xylophon und Klavier und Sprechstimmen, je komponiert werden wird? Der Roman lässt das offen.
Der Auftrag oder Ekkehard Gilgs Häutung. Szenische Lesung nach Parsifal von Hans Rudolf Hilty: 14., 16., 18. Mai, 20 Uhr, Kellerbühne St.Gallen
kellerbuehne.ch
Ist Parsifal ein St.Galler Roman? Der Lektüre eines teilweise vor Ort angesiedelten Romans ist immer etwas Geschmäcklerisches beigemischt. Man hat das alte Stadttheater am Marktplatz noch in Erinnerung. Ist das «Milster» das Café Seeger? Warum heisst der Theaterdirektor ausgerechnet Karl Hummel? Nur ist es so, dass die Stadt nicht erwähnt wird und einige Dinge bewusst auch topografisch nicht stimmen. Die Erfahrungen in Bezug auf St.Gallen seien mehr von der Atmosphäre ausgegangen, sagt Hilty 30 Jahre später.
Dazu ein pikantes Detail: Auf Seite 44 heisst es im Roman: «Nun wollten die Schwarzen den Auftrag schon wieder dem Domkapellmeister zuschanzen, der doch in den letzten Jahren drei Viertel aller Kompositionsaufträge in unserer Stadt bekommen hat.» Der hier Schreibende kann aus privatester Quelle vermelden, dass Domkapellmeister Johannes Fuchs nie komponierte!
Anstoss für eine Neuauflage?
Nachspiel: Hans Rudolf Hilty engagierte sich für die damalige Atomwaffenverbots-Initiative. «Beim St.Galler Tagblatt, wo ich regelmässiger Mitarbeiter war, hat man mir das übelgenommen. Das ist nicht St.Gallen; das St.Galler Tagblatt ist auch damals nicht St.Gallen gewesen, nur war es einer meiner Brotgeber», räsoniert er 1987, längst nach Zürich weggezogen.
Der Buchstadt St.Gallen wäre es jedenfalls würdig, über eine Neuedition des Romans nachzudenken. Hilty hat dazu in einem Interview in der Zeitschrift «Noisma» gesagt: «Wenn der Parsifal wieder aufgelegt werden könnte – und ich möchte eigentlich eine Taschenbuchausgabe, nicht eine Neuauflage des Leinenbandes –, dann würde es von mir aus so heissen: Parsifal. Protokoll einer Häutung.»
Dieser Beitrag erschien im Maiheft von Saiten.
Alexandre Pelichet, Matthias Peter und Simone Stahlecker bei der szenischen Lesung, im Hintergrund Pianist Urs Gühr und der Schauplatz des Romans: das alte Stadttheater am Bohl. (Bild: Kellerbühne)
Der FCSG kriegt beim Auswärtsspiel in Lissabon die Grenzen deutlich aufgezeigt. Sie verlieren das Spiel 0:5. Damit geht's für den FCSG jetzt gegen Sheriff Tiraspol in der Conference League weiter. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Notizen zu Christopher Nolans The Odyssey
Anja Braun lebte bereits 18 Jahre in der Schweiz, als sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschied, sich einzubürgern. Es war ein logischer Schritt. Das Verfahren war es nicht immer.
Neues Buch
Bereits 1971 eröffnete Ursula Krinzinger ihre erste Galerie in Bregenz. Bis heute prägt sie die Kunstszene weit über die Bodenseeregion hinaus. Nun befasst sich die Bregenzer Sommerausstellung im Palais Thurn und Taxis mit der Galeristin.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 5: Emil Brunner – «Berg Kind Welt», Rapid Openair und Kulturufer.
Der Spagat zwischen europäischen Nächten und biederem Superleague Alltag ist oft schwer. So auch heute. Eine Leistungssteigerung und die richtigen Wechsel in der zweiten Halbzeit reichen aber für die ersten drei Punkte der Saison.
In leichten Pastelltönen und dunklen Ölfarben setzt sich der deutsche Künstler Marcel Hüppauff mit dem Profiradsport auseinander. Dabei treten in seiner Schau im Chambre Directe-Schubiger in St.Gallen nicht nur Menschen, sondern auch Katzen in die Pedale.
Mit Hildegard Fässler (1951–2026) verstarb kurz vor ihrem 75. Geburtstag eine der profiliertesten Ostschweizer Politikerinnen an den Folgen einer schweren Erkrankung. Nachruf einer langjährigen Weggefährtin.
Versteckt im Sittertal produziert die Kunstgiesserei Werke renommierter Künstler:innen. Dabei gilt es oft, Neues auszuprobieren und Lösungen zu finden – mit Zucker, Wachs und natürlich Metall. Saiten erhält einen Einblick in das verrückte Schaffen am Rande St.Gallens.
Der FC St.Gallen gewinnt gegen den haushohen Favoriten aus Lissabon mit 2:1. Die grösste Sensation, die dieses Stadion je gesehen hat. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.