, 30. September 2019
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Glück und Tortur des Schreibens

Die sechste Ausgabe des «Mauerläufer» ist frisch erschienen. Das literarische Jahrbuch mit Texten von Autorinnen und Autoren rund um den Bodensee macht «Wahrnehmung» zum Titelthema.

Ruth mit Badekappe. (Bild aus: Stefanie Scheurell: RUTH.)

Das Herz aller Literatur- und Kunstfans seufzt laut auf beim Durchforsten des literarischen Jahresheftes, das es zum zweiten Mal auf die Longlist der Schönsten Deutschen Bücher geschafft hat. Und inhaltlich steht es dem äusseren Schein in nichts nach.

Unscharf ins Irgendwo

«Mörike stellte die Kamera auf» – so steht es auf dem Cover des literarischen Jahreshefts. Das Zitat stammt aus dem Text Alles wissen von Beate Rothmaier, in welchem die Autorin beschreibt, was Wahrnehmung bedeuten kann:

«…er zoomte, und was er da sah, war er selbst, wie er da stand, verlegen, die Hände in den Taschen der ausgebeulten Cordhosen, Standbein, Spielbein und darauf wartete, fotografiert zu werden.» Ein Blick auf sich selbst, der sich im Laufe des Textes wandelt, weiterschweift, den Mikrokosmos verlässt und alles umfasst: «Aus der Vogelperspektive sah er das Halbrund der Erdkugel und auf ihrer kaltgespannten Kruste den Weberknecht seines klumpigen Fotoapparates auf spirreligen Stativbeinen schwebend.»

Die Wahrnehmung – ein breites Thema also, wie gleich zu Beginn des Bandes deutlich wird und wie es auch das Cover zeigt: ein unscharfer Weg führt ins Irgendwo.

Das Irgendwo des «Mauerläufers» bewegt sich in fünf Kapiteln durch unterschiedliche Textgattungen und Bildbeiträge von Kunstschaffenden. Beginnend mit Lyrik, die von Bergen, Felsen, Pappeln, Eichen, Spinnen, Bussarden und Glockenblumen handelt, bis Jürgen Weing damit Schluss macht. Ein «Rasenroboter jault von rechts nach links» und Pflanzen werden «schikaniert, ausgemustert, gemobbt bis zum völligen greenout oder chlorophylerbrechen».

Ende der Naturromantik, es geht weiter in die Stadt, durch Cafés und endet mit Betrachtungen aus dem Augenwinkel. Illustriert ist dieses erste Kapitel mit wunderbar bunten Papierarbeiten aus den Notizbüchern des Künstlers Roland Dostal.

Jugend und Alter

Im zweiten Kapitel geht es um die Diskrepanz der Wahrnehmung von Jugend und Alter. Rückblicke auf die Kindheit, Beschreibungen von Elternfiguren, Gottesglaube, den Versuch, das Schicksal zu ändern, die Fehlbarkeit von Männern und Vätern – diese Themen werden in unterschiedlichen Texten aufgegriffen. Es sind rührende Zeilen, die man mit viel Ruhe und Luft lesen muss.

Katrin Seglitz beginnt ihren Text Würfeln mit einem harmlosen Kinderspiel, das in eine solche Schwere kippt, dass es schwer zu ertragen scheint.

Die Redaktion (von links oben nach rechts unten): Christa Ludwig, Katrin Seglitz, Eva Hocke, Hanspeter Wieland, Jochen Kelter, Hippe Habasch.

Christa Ludwig nimmt in ihrem Text Häuser bauklotz purzeln die Perspektive eines Kindes mit einer solchen Intensität ein, dass man traurig wird beim Lesen. «Als sie ausstieg, versuchte sie, den Teddy im Auto zu lassen, doch der Vater griff ihn und drückte ihn ihr in die Hände, nicht in die Arme, weil sie sich weigerte, Arme zu haben, nur Hände, fern den Schultern, dazwischen nichts. Aber die Häuser hatten Arme, da sie ja lebendig geworden waren, und in diesen Armen, Türen, Wänden, Decken schlief sie trotz allem sommerwarm und abendweich.»

Künstlerisch wird dieses Kapitel von Stefanie Scheurells Werk Ruth begleitet, mehr dazu hier. Ausserdem zeigt die Künstlerin Christiane Lehmann mit ihren Fotografien die Vergänglichkeit und Widersprüchlichkeit der menschlichen Existenz auf.

Mauerläufer 19/20, 6. Literarisches Jahresheft, 16 Euro

Bestellung: mauerlaeufer.org

Kapitel 3 widmet sich unter dem Titel «Kapitulationsstörungen» den Auseinandersetzungen von Menschen mit ihrer Umgebung. «Wäre ich doch klug / Klüger als ich bin / Müsste mich dann nicht / Mit einer Gabel kämmen», schreibt Monika Helfer, während Hermann Kinder eine Deutschland-Collage aus Zitaten der rechten Gesellschaftsecke verschiedener Zeiten zusammenstellt oder Stefan Keller vom letzten Henker der Ostschweiz berichtet.

Chris Inken Soppa beschreibt die Welt aus der Wahrnehmungsposition eines alternden Körpers: «Längst denkt er nicht mehr darüber nach, welchen Anblick er bietet. Ein alter Körper, der nur eingeschränkt funktioniert, hat das Recht, hässlich zu sein. Die tägliche Reinigung wird immer anstrengender. Sollen sich die Jüngeren um die Pflege des Körpers kümmern! Doch seine Neffen kommen so gut wie nie, und die Gurkenfrau verrichtet ihre Arbeit immer gleich.»

Hierzu finden sich Gemüse und Zeitungscollagen von Eva Hocke, die in ihrer Humorigkeit an den österreichischen Künstler Erwin Wurm erinnern. Die Grafikerin ist darüber hinaus verantwortlich für das gesamte Design des «Mauerläufers».

Muulart

Kapitel 4 taucht ein in die Schweizer Mundart, die laut Rainer Stöckli unterschieden werden muss von der «Muulart», wie er in einem Text über Kuhnamen referiert: «…man habe hierzulande nicht bloss ‹Muul›, sondern auch das schriftsprachlich anmutende ‹Mund› durchaus im Gebrauch, und zwar in Müntschi, Mümpfeli und Mundete (eine ‹Mundvoll›), ferner in Form von Mündli als Brotanschnitt, zuletzt im Kuhnamen Munda als Kuh mit einem weissen Mund…».

Aber auch Lyrik gelingt im Dialekt: «Häsch en gäärn / de tunkel See / Ggschpürsch en gäärn / de chaalti Wind / Am Uufer hätt s e bitzli Schnee / und d Häntschli vo-m-e Chind» (Alfred Wüger).

Schnee gibt es auch in einem herrlichen Text von Hippe Habasch, allerdings in Form von Eulen: Schneeeulen. Sie stehlen Holger und somit einem verdächtigen Mörder die Show: «zwei weissfedrige eulen erwogen angesichts des entsetzlichen lärms, erstmals einen winter mit den schwalben im süden zu verbringen. aber dann krächzte irgendein kauz auf einer weit entfernt stehenden tanne: vergesst nicht, dass ihr schneeeulen seid. schneeeulen.»

Es folgen Kindheitsbegradigungen von Volker Demuth, eine lyrische Kletterpartie von Wolfgang Haenle sowie eine Reise mit dem Postbus von Zsuzsanna Gahse. Illustriert findet sich dieses Kapitel mit Arbeiten von Stefanie Scheurell und der Stuttgarter Künstlerin Carmen Weber.

Der Prozess der eigenen Verortung

Im letzten Kapitel schliesslich wird der heimatliche Boden verlassen, es wird gereist – vom Gardasee über Moskau geht es nach Marokko und Havanna, bis ins Weltall. Vielleicht errät die geneigte Leserin, von welchem Reiseziel die folgenden Zeilen von Jochen Kelter stammen: «Das Leben wird vorgespielt / hier wird die Täuschung ergattert / hierher dringt nichts von draussen».

Eindrucksvoll ist ausserdem der Beitrag Fremde von Andreas Kirchgässner, der mit der Kulturgeschichte der arabischen Lehnworte das Zitat Horst Seehofers entkräftet, der Islam gehöre nicht zu Deutschland und Deutschland sei durch das Christentum geprägt.

Hier findet man auch prächtige Sätze über das Schreiben als Tätigkeit: «Für mich ist das der eigentliche Impuls zum Schreiben: Der Prozess der eigenen Verortung innerhalb einer Welt, die mir von früh an fremd erschien. Schreiben ist wie das Aussenden von Morsezeichen ins All: ‹Hallo, ist da noch jemand, der so empfindet, wie ich?› Danach bleibt es meistens still. Manchmal aber kommt eine Antwort, und dies sind die Glücksmomente, für die sich die Tortur des Reisens, des Schreibens lohnt.»

Dass es sich lohnt, das Schreiben, das spürt man, in all den Beiträgen dieses Projektes, an dem so viele Menschen unentgeltlich beteiligt sind. Und das Lesen – es lohnt sich auch!

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