, 24. September 2017
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Go all the way #11

Bulgarien hat uns. Kalt erwischt. Die Gastfreundschaft, die Hilfsbereitschaft: Alles kommt mir nach «weniger» vor. Und es stimmt und es ist vor allem falsch, schreibt Ruth Wili. Hier ist der elfte Bericht ihrer Fussreise von St.Gallen ans Schwarze Meer.

Wir sind in Dimitrovgrad über die Grenze gekommen. Auf einer alten Militärstrasse erst einmal auf Sofia zugewandert. Sofia eigentlich aussen vor lassen wollend. Was aber nicht sein sollte: taugliches Internet ist nur dort, ja sogar nur im Zentrum erhältlich. Die Grenze überschritten, ein Hochgefühl: Landeanflug. Nur noch 550 km. Schwindelerregend, das ist nichts mehr! Kopfsteinpflasterweg bis Dragoman. In der Mitte mal eine Pause. Polizei greift uns auf, echte oder unechte – davor wurde ich  gewarnt, auch wenn ich nicht konkret weiss, wie mit unechter umgehen – und will meinen Ausweis sehen. Dass wir ans Schwarze Meer wandern, löst Kopfschütteln aus. Aber uns wird kein Geld abgeknöpft und wir dürfen weiter da sitzen und Pause machen.

Dragoman, ein kühles Nest mit einem Hotel. Kühl ist es wohl nicht, vielmehr normal. Es ist nur nicht mehr diese legendäre, grossartige Gastfreundschaft. Meine Suche nach Internet ist ein Störlauf. An der Tankstelle stosse ich auf wirsche Antwort, im Dorfladen blockiere ich alles. Es gibt eine Simcard, die dann aber nicht aktivierbar ist.  Guthaben laden geht auch nicht hier.

Sofia also. In einer Nachtwanderung, das heisst um 4 Uhr beginnend – das ist 3 Uhr, wir haben eine Zeitzone verlassen –, ziehen wir los. Sternenhimmel! Noch ist Sofia zu weit, um mit Licht zu stören. Streuner nachts jagen mir Respekt ein, aber sie sind freundlich. Der Sonnenaufgang eine Neugeburt. Flache Landschaft, die uns nach Sofia zieht, voller grosser, gemähter Felder. Herbstfarben. Homer tobt sich aus und ich kann mich an seiner die Morgensonne fangenden Schönheit nicht sattsehen. Wir rutschen in Riesenschritten voran. Unterkunftbedingt. An den Stadtrand. Ein Fuhrwerk mit Pferd nach der Autobahnunterquerung. Ins Zentrum, wo wir zwei Nächte bleiben. Sofia ist eine Stadt mit breiten Gehsteigen, eine Stadt mit Platz, so kommt mir vor. Internet ist nun leicht zu haben und rasch erledigt. Weiter an den anderen Stadtrand. Und dann los, nordwärts zu den Hügeln, durch die ich ans Schwarze Meer zu gelangen gedenke. Der Weg nach Buhovo ist ein Lauf durch Industrie. Bei Lastwagen ist zum Teil nicht erkennbar, ob ein Nummernschild dran ist, schwarz in schwarz alles. Bergbau-Minen in den Hügeln, so erklärt mir drei Tage später ein Junge. Ein Kühlturm, der von weitem hoffen lässt, nicht mehr in Betrieb sein zu müssen. Stromproduktion. Alte Fabriken, in die Arbeiter uns entgegengehen. Ein Gebäude, wo ein einzelnes Stockwerk noch bewohnt ist, der Rest sich selbst überlassen.

Unterkunft gibt’s nicht. Nicht im grösseren Ort daneben, nicht in Buhovo. Auch privat finde ich nichts. «Schweizerischer» ist es hier, kommt mir in den Sinn, ich vermisse die Offenheit, die uns in den Staaten Ex-Yugoslaviens so warm getragen hat. Als ich mir vorzustellen versuche, hier zu übernachten, will es nicht gelingen, und ich kapiere: Wir gehen weiter, wir werden gar nicht hier übernachten. Ein Mensch hilft: GPS aktivieren, ab hier ist Piste – und nicht eine (wie Googlemaps suggeriert), sondern eine dauernd sich verzweigende. Und in ca. 7 km gebe es ein Haus, wo wir wohl nächtigen könnten! Fühlt sich gut an.

Wir ziehen los. Es ist 17 Uhr. Ein Jeep hält wackelnd neben uns, ein Mann, Alexander, fragt, was wir hier tun und wohin  wir wollen. Murgash, sag ich (das Haus). Alexander sagt, das sei keine gute Idee. Murgash sei verlassen. Ausserdem ca. 20 km weg von hier. Ich bin grummlig, trotzig. Wehre mich: Seine «Hilfe» will uns nach Sofia verfrachten und mit dem Bus ans Schwarze Meer. Kann ich nicht brauchen. Die Hilfe, um die ich frage – ob er uns in Buhovo Quartier zu geben bereit wäre, möchte er uns nicht geben. Etwas verkeilt sind wir. Er drückt mir seine Nummer in die Hand: ich soll anrufen, jederzeit, wenn wir Hilfe brauchen. Er komme uns holen. Ich nehme die Nummer an. Zwischen mulmig von seiner Vorsicht und dankbar für die Nummer, die aber irgendwie am meisten gegen seine Mahnungen und Warnungen helfen soll. Wacklig. Fühle mich abhängig und hilfsbedürftig. Grolle dagegen.

Das Aufstehen grausam eckig

Wir schreiten aus, rauf im Abendlicht, in die wilde Hügellandschaft. GPS IST nötig, das mit den Verzweigungen ist eine dauernde Tatsache. Eineinhalb Stunden später hält Alexander neben uns. «Steigt ein, ich zeig Dir Murgash.» «Wozu? Mit welcher Aussicht?» Wir verkeilen uns erneut. Ich kanns nicht brauchen, nur leck geschlagen zu werden. Wenn etwas, dann brauch ich Hilfe, eine Lösung. Das Zementieren von «keine Lösung» macht bloss überflüssig mürbe. Aber Alexander gibt nicht auf, zeigt mir Murgash durch den Feldstecher. Hält mit mir aus, keine Lösung zu haben, wie wir da oben auf einem der Hügel stehen, kapiert, dass er uns nicht zum Bus bringt. Und dann kommt ihm in den Sinn, da unten sei eine Hütte – er ist Pilzsammler, kennt daher hier jeden Stein und Baum – bringt uns hin. Eine Jagdütte. Hilft mir über eine Stunde nach dem Schlüssel suchen. Leider vergeblich. Fragt, ob er uns hier zurücklassen darf. Ich bin durch die Annahme seiner Hilfe meiner Bedürftigkeit bewusst, strample. Ein Motocrosser, der in der Nähe vorbeidonnert, erschreckt mich. Aber: Ja, es geht, er darf. Wir sind hier auf den drei Kissen, die draussen liegen wie für uns bereitgelegt, so gut versorgt wie überhaupt möglich. Unter einem Vordach. Holz, für den Fall, dass ich ein Feuer machen will, wozu mir in der Müdigkeit der Wille fehlt. Eine kleine Fledermaus hütet unsere Nacht. Bezauberndes Geschöpf! Wilde Tiere, mit denen Homer kommuniziert.

Die Nacht ist eisig und feucht. Die drei Kissen wollen auseinanderrutschen. Ich trage ziemlich alles an Kleidern, Homer trägt den Mantel, den er in Serbien geschenkt erhalten hat von Lela, einer der wunderbaren Stationen, die uns durch Caki geschenkt wurde. Wir sind zu Reglosigkeit und Aneinanderkuscheln verdonnert, um unsere Wärme nicht zu verlieren. Zwischendurch knirsche ich mit den Zähnen. Meine Hüftgelenke wiederholen den Schmerz von Kälte und Feuchtigkeit, den ich aus einmal Zelten im Herbst kenne und glücklicherweise lange nicht gefühlt habe. Selbst Hineinatmen will kaum helfen. Das Aufstehen grausam eckig. Meine Tage setzen ein und mir ist wund und bleischwer. Ich schätze, 25 km liegen noch immer zwischen uns und Botewgrad. Es kommt mir in jedem Schritt vor, sie seien nicht zu bewältigen.

GPS lotst uns durch grossartige Landschaft, und ich weiss nicht, was für ein Googlefahrzeug das je erfasst haben will: Die Piste ist zum Teil zugewuchert, wir schlagen uns durch Brombeerdornen, sie geht senkrecht bergauf und bergab. Wars vorher die Hüfte, so tut nun schier alles weh. Das Hotel in Botewgrad hängt mir fünfmal auf, als ich wenigstens sicher sein möchte, dass wir unterkommen. Ich halte keine weitere Nacht draussen aus. Homer ist ebenfalls k.o. Ich bin hoffnungslos. Heule verzweifelt am Strassenrand, bis nix mehr rauskommt. Auf der anderen Seite der Verzweiflung kann ich plötzlich die Möglichkeit wieder fühlen, dass uns gesorgt ist. Uns gesorgt WAR, letzte Nacht. Dass wir Alexander hatten. Ich schreibe ihm mein Danke. Kapiere, dass ich das Vergleichen loslassen soll. Wir erhalten Wärme. Und kann die Möglichkeit wieder einschliessen, dass wir unterkommen! Und so ist es. Eben in dem Hotel, das mir fünfmal aufgehängt hat. Wir liegen herum wie zwei Leichen.

Ich will vorwärts, aufs Schiff

Botewgrad. Ein Ort, dessen Zentrum auch Heimat von Trostlosigkeit ist. Sich leert, weil ein Grosseinkaufszentrum aussen eröffnet hat. Die Läden im Innern dicht machen. Ich kaufe eine wärmere Hose und eine Jacke. Unsere Etappen sind länger als früher, nicht nur unterkunftbedingt. Mich reissts ans Meer. Ich will vorwärts, aufs Schiff. Ich will rüber. Nach Georgien. Go, go, go…! And stop. Teteven. Homer frisst nicht recht die letzten Tage. Legt sich in den Schatten, schon kurz nach Aufbrechen. Homer, mein Freund und Spiegel. Ich will schnell sein. Aber es geht nicht darum, schnell anzukommen, sondern richtig unterwegs zu sein. Im richtigen Moment wird ein Schiff dasein. Nicht im schnellsten.

Wir gehen also von Dorfende zu Dorfende als Etappen. Schlafen. Ruhen. Ich massiere meinen treuen Gefährten, füttere ihn liebevoll mit Köstlichkeiten, wir sind und spielen. Vor uns liegt ein Pass. Schon einmal stockte ich und durfte etwas loslassen und der einen Seite des Berges, ehe wir rübergingen. Frage, was losgelassen sein will. Was uns aufhält. Falls wir überhaupt aufgehalten sind.

Ruth Wili, Jahrgang 1981, war bis Ende 2016 als Inspizientin am Theater St.Gallen tätig. Vor rund sieben Monaten ist sie aufgebrochen zu einer Fussreise von St.Gallen ans Schwarze Meer. Mit dabei: ihr Hund Homer. Auf saiten.ch berichtet sie von ihren Erfahrungen unterwegs.

 

 

 

 

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