, 2. Oktober 2017
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Go all the way #12

«Wir sind drei. Seit neun Tagen. Und unser Leben steht Kopf. Der dritte ist sehr sehr hungrig. Futterbeschaffung und Unterkunftbeschaffung: Darum dreht sich alles», schreibt Ruth Wili in ihrem jüngsten Tagebuchbeitrag aus Bulgarien, unterwegs zu Fuss ans Schwarze Meer.

Zwischen Skandalotno und Sevliewo war das mit schwarzem Fell bespannte Knochengerüst vom Müll her über die Strasse auf uns zugekrochen gekommen. Wir stoppten. Ich band Homer fest und packte die Portion Trockenfutter aus, die ich für Notfälle, oder wenn keine Einkaufsmöglichkeit vorhanden ist, dabei habe. Das Tier frass den Staub mit, wo das Futter hinkullerte. Kontrolliert abgeben war unmöglich. Ich heulte los über dem von Ungeziefer übersäten Tier.

Ich hatte spontan die Route geändert, da Gewitter gemeldet waren und die vorgesehene Etappe uns voll reingeführt hätte in ihrer Länge. Irgendwie sind Homer und ich am Verlangsamen, wir sind beide müde, und eine lange Etappe plus Gewitter, das war mir eins zu viel. Statt eins zu viel sind wir nun eins mehr.

Der Hund ist uns gefolgt. Die ganzen zehn Kilometer bis zu unserer Unterkunft. Ich habe in Bulgarien gelernt, dass ich spätestens ein, zwei Stunden vor der Ankunft schlicht und einfach ein Zimmer buche. Ich erlebe die Menschen hier immer wieder als sich öffnend, sobald eine Situation klar ist, aber oft misstrauisch, zurückhaltend, solange sie die Wahl haben. Was für uns heisst: In dem Fall stehen wir auf der Strasse. Nicht fragen, buchen. Selbst in «Haustier erlaubt»-Unterkünften. Sobald ich sage, ich habe reserviert, ist alles gut. Wenn ich das nicht tue: Nein.

Angemeldet in Debnevo war ich mit einem Hund. Nun kam ich mit zweien. Ein Glück, dass kein Zimmer frei war, ich einen Bungalow nehmen musste. Und die Frau, die mit einer Rose und frischem Gemüse auf uns wartete, nichts dazu sagte. Ich hatte eine behelfsmässige Leine gebastelt für die letzten Meter, damit wir als Team durchgehen könnten. Aber daraus wurde nichts, der Schwarze spreizte die Beine und stand da wie eine zitternde Spinne, den Bauch fast auf dem Boden, als ich wie selbstverständlich mit den beiden über die Schwelle treten wollte. Er blieb vor der Tür. Lag später k.o. draussen. Liess sich streicheln, aber nicht bewegen. Erst als ich mit einem Napf Futter in der Tür stand und nicht bereit war, es ihm draussen zu geben, war, was ihn erwartete, genug gross, um die Furcht anzugehen. Dasselbe Zitter-Szenario. Aber der Hunger siegte. Homer skeptisch, kriegte seine Schüssel im Schlafzimmer, der Schwarze mit viel Lob direkt nach der Schwelle. Danach aber sofort wieder raus.

Fünf Stunden und zwei weitere kleine Rationen später ist er drin. Homer beäugt jeden seiner Schritte, der Arme scheint sich am liebsten auflösen zu wollen. Wäre da nicht das Futter. Ich ernte Zecken, kille Flöhe, berührenderweise lechzt er nach Berührung. Die Ohren sind mit schwarzem Schmalz verklebt innen, das könnten Milben sein… da mal besser nicht grübeln, das muss jemand anschauen. Als er mein übriges Ernten über sich ergehen lässt und weiter zutraulich bleibt, lotse ich ihn ins Bad. Ihn wirklich zu behandeln gegen Ungeziefer traue ich mich nicht, der Kleine scheint einige Kämpfe hinter sich zu haben, hat Narben und einige offene Wunden. Aber falls er vor Wasser nicht scheut, ihn zumindest mal lauwarm abspülen. Mit diesen Tieren am Leib (das weiss ich selber seit Kroatien) ist schwer Zur-Ruhe-Kommen. Es schwimmen einige Parasiten den Abfluss runter. Der Schwarze mag Wasser. Und wir haben ein weiteres Mal Glück: Plättchenboden. Es ist nicht anzunehmen, dass diese Verdauung klaglos den Dienst aufnimmt, erst recht mit der Angst drinnen und unerfahren bezüglich menschlicher Hygienewünsche. Der Schwarze schläft bei der Tür, Homer bei mir.

Und wieder spielt das Leben das Herz-As aus

Ich poste einen Hilferuf auf Facebook für den treuen Mitgeher. Er muss ein Daheim finden. Und einen Übergang bis dahin. Viele tierliebende Menschen, mit denen ich durch die Kätzchengeschichte verlinkt wurde, teilen, suchen, setzen ihre Connections in Bewegung. Ich staune noch immer, wie das geht! Facebook ist grossartig für solche Situationen. Ich entschliesse mich, den Hund, wenn ers will und schafft, die 23 Kilometer nach Sevliewo mitzunehmen am nächsten Tag, damit er zum Tierarzt kommt.

Und er geht den ganzen langen Weg am nächsten Tag mit. 23 Kilometer. Ich habe eine Achtung vor diesem Tier! Futter gibt’s alle zwei Stunden in kleinen Portionen. Wasser. Ich habe keine Kapazitäten, irgendwas zu organisieren, bis auf den Termin beim Tierarzt. Der Schwarze kennt in seinem dauernden Hungerstress null Anstand. Läuft allem und jedem vor die Füsse. Einmal muss ich drei aufgebrachte Hunde von ihm lösen. Er ist wie ein freies Radikal, das planlos und richtungslos durch die Welt irrt.

Zwei Hunde: Das bedeutet mentalen Hochleistungssport. Ich habe am Vorabend ein Hotel gebucht für Homer und mich. Aber einen Strassenhund mit dabei? Keinen Plan. Letzte Sorge. Die Facebookmühlen laufen. Vielleicht gibt’s in Sevliewo jemanden. Binde den Schwarzen draussen an, als wir endlich vor dem kleinen Hotel stehen – sowieso will er nicht über die Schwelle. Gehe rein, erkläre die Situation. Sage, dass ich um 14 Uhr einen Termin beim Tierarzt habe mit ihm und dass ich dran bin, für den Hund ein Daheim zu finden. Und dass er vielleicht beim Tierarzt in einer Box bleiben könne über Nacht, aber wenn nicht… Der Schwarze hat ein paar Einladungen erhalten, aber keine hier, und ich denke, dass es am nächsten Tag darum gehen wird, ein  Auto zu mieten und zu schauen, wo er nun konkret hinkommt.

Und wieder spielt das Leben für uns das Herz-As aus. Die Hotelbesitzer sagen einfach: ja. Er darf im Notfall übernachten. Ich bringe Homer und den Rucksack rauf. Packe Futter aus, und die nächsten 20 Minuten machen wir Zentimeter für Zentimeter den zittrigen Weg rein und rauf. Biscuit für Biscuit für Biscuit. Homer versteht die Welt nicht, dass er dableiben muss und ich mit dem fremden Fötzel weggehe zum Tierarzt. Ohren anschauen und putzen lassen nicht vergessen, das kann ich allein nicht. Fieber? Nein. Blutwerte? Besser als befürchtet. Einige Mängel wegen Unterernährung. Aber keine Anämie wegen irgendeiner Krankheit, so die Resultate der kurzen Blutuntersuchung. Ich soll ihm für die Beschriftung der Laboranalyse einen Namen geben. Das ist doch nicht mein Privileg! Schneewittchen kommt mir in den Sinn. Schreibe irgendwas. Einen Namen kriegt er da, wo er bleibt. Und impfen kommt definitiv erst, wenn der Körper das verkraften kann. Nicht mit dem Untergewicht! Übernachten kann er nicht, da der Nationalfeiertag und ein verlängertes Wochenende bevorstehen. Ich kaufe hochwertiges Futter, Vitamine. Eine kleine Unterstützung zum Aufpäppeln. Zurück ins Hotel. Ich muss nun durchgehen, welche Einladung er annimmt. Sofia, Warna wären möglich, oder Serbien, mein Favorit, weil ich die Leute kennenlernen durfte. Und mich das Gefühl überkommt, ich müsse doch sehen, welcher der beste Ort für ihn sei, ich könne doch nicht einfach aufs Geratewohl irgendwo zusagen, nur weil es am nächsten sei. Aber Serbien? Ohne Impfungen wird das nix.Später! Es rattert im Kopf.

Klärung bringt das Gespräch mit Lauretta, der Coachin. Sie stellt die Frage, deren Antwort in mir bereit liegt, spätestens seit Homer sich auf dem Weg nach Sevliewo nach dem Schwarzen umgedreht hat und nicht weiterwollte, als er zurückblieb. Lauretta steht uns mit all ihren feinen Sinnen zur Seite. Pluto? Nero? Und der schöne, magere schwarze Hund wird unser Pluto. Wie stimmig: das Wesen aus der Unterwelt. Familienzuwachs. Ich muss, ich muss, ich muss…. Nacht eins im Hotel: viermal Wecker und raus. Plutos Verdauung hat noch keinen Rhythmus. Kein Risiko eingehen. Er muss das möglichst rasch lernen, schliesslich sind wir unterwegs. Wir dürfen zwei Nächte bleiben. Und Nacht zwei klappt ebenfalls grossartig mit nur noch zweimal raus.

Seither gehen wir zu dritt. In viel kleineren Etappen. Pluto braucht Erholung. Homers Eifersucht hat schon gewaltig nachgelassen, und Pluto ist mittlerweile der erste, der durch die Tür gehen will. Manchmal hat er dann drinnen plötzlich nochmal Schiss. Er hat noch immer wenig Ahnung von Nähe und Distanz.. Ein Hund, der den Dauerstress des Hardcoreüberlebens ablegen muss. Es ist anstrengend. Und wunderschön. Basics. Einmal hatte ich beide Näpfe draussen zubereitet – no way, neben Pluto –  stellte meine Tasche rein, holte die Futterzusätze raus. Als ich mit den fertigen Näpfen wieder reinkam, war Pluto daran, mein Frühstück zu fressen, an das in der Tasche ich nicht gedacht hatte. Manchmal muss ich sehr nachdrücklich sein, um durch seinen hohen Stresspegel zu dringen.

Aber erste Anzeichen von Entspannen sind erkennbar. Homer erzieht Pluto mit, wenn er zu aufdringlich wird. Ich bin: hundemüde. Und happy, wenn ich die beiden Jungs spielen sehe. Letzthin hat Pluto Homer eine Pranke auf die Schnauze gehauen im wilden Träumen, ein absolutes No go, und Homer hat es ohne weiteres toleriert. Pluto hat schon ein paar Gramm mehr auf den Rippen. Die Kräfte kommen! Himmel, er wird stark. Woche eins, einmal hat er mich umgerissen. Ich entwirre mich alle zwei Minuten, wenn er angeleint ist. Nun ist konsequentes Leinentraining angesagt.

Alles jeden Tag neu

Bulgarien hat uns bis auf gestern durchgehen lassen zu dritt. Wieder öffnet sich über ein Tier ein Land. Nur gestern mussten wir um 17.30 Uhr weiter, weil die Frau, die uns drei beherbergen sollte, die Hunde dann doch nicht ins Haus lassen wollte. (Wir sind, wie wir sind, und Pluto muss lernen, dass er ruhig in ein Haus geht, ohne an allen hochzuspringen. Das bedeutet manchmal zehn Minuten Training: vor, korrigieren, zurück, vor, korrigieren, zurück… ) Das wurde dann, ich erst glühend vor Zorn, unsere erste Abend-Nachtwanderung zu dritt bis zum nächstmöglichen Schlafort. Und, als wir ankamen, die Erkenntnis, dass wir gerade durch schwarze Nacht gegangen waren. Meine zwei Jungs und ich. Nur ein paar Menschen, die im Auto an uns vorbeifuhren, waren verstörend.

Mich spült Müdigkeit aus. Ich heule, frustriert über bereits zwei geschlissene Leinen, mittlerweile ist alles gebastelt, und den Rucksack während den Fesselrunden und Pluto, den Staubsauger, dessen Runden mit wachsendem Vertrauen mitwachsen, und wenn Homer mich ignoriert, weil ich grad mit Pluto was aushandle, manchmal wütend, über Neins, über Angst, Ablehnung. Am Anschlag ohne Daheim. Alles geht um Existenzsicherung. Futter, Futter, Futter. Ein Dach! Und immer wieder Aufbrechen. Alles jeden Tag neu. Wir haben nur Premieren. Und am nächsten Ort weiss ich wieder nicht, wo ich was finde, was wie geht. Geschweige denn: geschmeidig geht. Manchmal bin ich tierisch glücklich. Und manchmal auch traurig. Mit Pluto hat sich etwas verändert. Volles Leben. Für uns drei. Wir werden, wir wachsen zusammen. Ich über mich hinaus. Wir alle. Und ich mehr in mich hinein.

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Ruth Wili, Jahrgang 1981, war bis Ende 2016 als Inspizientin am Theater St.Gallen tätig. Vor rund sieben Monaten ist sie aufgebrochen zu einer Fussreise von St.Gallen ans Schwarze Meer. Mit dabei: ihr Hund Homer. Auf saiten.ch berichtet sie von ihren Erfahrungen unterwegs.

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