, 16. Januar 2018
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Go all the way #17

Weihnachten. Ich wusste nicht, ob ich das hinkriegen würde, schreibt die St.Gallerin Ruth Wili in ihrem Jahresend-Beitrag aus Varna am Schwarzen Meer. Und dann macht ihr Weihnachten gleich mehrere Geschenke.

Ich wusste nicht, ob ich das hinkriegen würde. Gut. Liebevoll. Weihnachten allein. Nicht allein; meine Vierbeiner-Familie ist mit ihrer steten Freude um mich, aber ohne meine Zweibeiner. Ohne Herkunftsfamilie.

Die Impulse, die kommen würden, umzusetzen, dazu hab ich mich committet. Ich trug die Frage mit mir rum, was eine äquivalente emotionale Höhe habe wie Weihnachten mit Menschen, die mir etwas bedeuten: Natur. Wilde, grossartige Natur. Und ein Feuer am Meer. Weihnachten fühlte sich nach drei Tagen an. Darauf hab ich ein Auto für drei Tage gemietet.

Als ich hinspaziere im Voraus, um die Reservation zu bezahlen, kriecht Einsamkeit in mir hoch. Stopp! Die fiese Nummer kenne ich. Es ist ok, mich einsam zu fühlen, aber das wird nicht aufs Automieten geklebt. Und schon gar nicht hält es mich davon ab, das zu tun. Es braucht noch mehr Durchhaltevermögen: Der Autovermieter ist trotz Anruf weg. Auf die Frage, ob ich nicht eine halbe Stunde warten wolle… Es ist kalt und dunkel. Nein. Da kipp ich innerlich weg. Lieber morgen nochmal kommen.

24.12.

Ich mache mit den Hunden eine kurze Runde, die zwei sind auf meine Küche wild, finden: komm, lass heimgehen. Dann skype ich noch mit meiner Mutter. Es ruckelt auf den ersten Metern zwischen uns. Nicht in Kälte gehen, Ruth!

Dann holt Deanna mich ab. Sie geht noch ein paar Dinge im grossen Einkaufscenter holen mit ihrem Auto und hat mir freundlicherweise angeboten, mich mitzunehmen. Aber dann macht ihr Auto schlapp und ich eiere mit meinem Entscheid, als sich (eigentlich absehbarerweise, wie mein Verstand mir süffisant unter die Nase reibt) der Einkauf der paar Dinge als zäh erweist. Ich fühle mich verloren in all den üppig Einkaufenden. Aber irgendwie holpern wir dann doch rechtzeitig zurück.

Und gleich noch eine Einladung-nach-unten-Welle: Das Mietauto schaut so neu aus. Damit in dieser Verkehrschaos-Stadt klarkommen ohne Beule? Ich könnte es ja einfach stehenlassen und am 27. den Schlüssel wieder abgeben? Nee, Schluss mit Ich-brauch-Drama, die Jungs warten, du hast ihnen gesagt, dass es ab ins Freie geht, dass sie sich austoben dürfen, bis ihnen der Sand aus den Ohren quillt…

15.09 Uhr ist es, als ich den Motor ausschalte. Nahe Shkorpilovtsi. Die zwei sind an der Leine nicht zu halten, selbst die paar Meter durch die Dünen nicht. Sandwolken. Wir gehen unseren Weg nordwärts am Meer. 24. Dezember am Meer. Allein UND in kostbarster Gesellschaft. Ich bin papieren. Und 16.30 wird’s dämmern, und als wir wenden und wieder südwärts gehen, fange ich an, Holz aufzulesen. Der Sonnenuntergang hinter dem kahlen Wald ist grossartig. Eine Wolkendecke in Leuchtgelb bleibt hängen. Und ein vom Meer in endlosem Lecken gesäuberter Baumstamm liegt am Strand. Hier will ich sitzen! Ich hole Zeitung und Feuerzeug aus dem Auto. Scharre eine Grube in den Sand. Pluto findet mein Spiel voll gut, schlägt dann aber vor, dass man die gesammelten Stöcke nun verteilen könnte. Rauch. Ich sitze da. Freue mich, dass ich das Feuer gemacht habe und hier sitze. Schaue den Hunden und der Dämmerung zu. Bin still. Singe. Weine. Danke für dieses grossartige Jahr. Ein einzelner Frachter zieht weit draussen vorüber.

Es ist das erste Feuer überhaupt, das ich auf dieser Reise mache. Ich weiss gar nicht, warum. Es ist so schön, in die Flammen zu starren. Und wann gehen wir heim? Triezt mein Verstand. Ich werds schon wissen. Als meine beiden Wildfänge sich langsam in meiner Nähe einfinden, glimmt orange Glut. Ihnen ist kühl geworden. Vorm Feuer haben sie gewaltigen Respekt, aber friedvollen. Sie können in der Distanz bleiben, die ihnen wohl ist. Noch einen Moment, dann schaufle ich feuchten Sand auf die Reste des Feuers und wir kehren zum Auto zurück. Nearer my god to you läuft im Radio. Uff. Ich muss laut und heulend mitsingen, dann fühl ich mich plötzlich glücklich und fahren wir heim. Kerzen. Fruchtsalat – das traditionelle Dessert. Hier nicht mit Kirsch, sondern mit Rhum zubereitet – Kirsch konnte ich nicht finden. Das Weihnachtsoratorium mit Hermann Prey. Wahnsinn. Es geht mir gut. Ich bin komplett, nichts fehlt.

25.12.

Frühstückskaffee. Pluto ist kurz vorm Durchstarten vor Aufregung, als ich wieder die beiden Hunde-Betten packe und ins Auto bringe (so reisen die beiden friedlich im Kofferraum). Nordwärts aus der Stadt diesmal. Premiere. Ich habe ein Naturschutzgebiet empfohlen erhalten, das wunderschön sei. Und gesehen, dass dort auch ein Leuchtturm ist. Da gehts jetzt hin. Der Beginn der Fahrt scheint mir ätzend. So viel verbaut. Grauslig. Wir wären doch besser südwärts… Nein! Erneut, wie beim Automieten: Wenn ich das tue, was aus mir kommt, den Impuls umsetze – zum neuen Leuchtturm diesmal –, kommen die Saboteure! Sie wollen nicht lockerlassen heute. Das ist fast bei der rumänischen Grenze, völlig irr, viel zu weit. Dann machen wir eben eine Pause. Unendliche Ebene. Windräder. Klippen. Die Jungs sausen eine Stunde rum und mir dreht sich schier der Magen: Pluto kennt auch an den Klippen kaum Zurückhaltung. Alles muss schnell getan werden. Homer dagegen hat Respekt vor den Klippen. Pluto schwirrt rum, lässt sich nach einer Weile einen eroberten Knochen sogar wegnehmen im Austausch gegen ein Leckerli. Ich zieh den Hut vor ihm. Homer hüpft selbstverständlich wieder hinten rein und Pluto verfrachte ich hinterher. So grenzenlos dieser Hund rasen kann und kaum Limits kennt: Ins Auto, das er kennt, hochzuspringen traut er sich nicht. Da kommt sofort sein Krabbelreflex. Genauso wenn er für eine Kuschelrunde zu mir aufs Sofa darf. Vorm Autofahren selber hat er keine Angst, glücklicherweise.

Ich halte noch einmal an, schaue mir eine alte Festung an. Etwas hat mich hergezogen, und als ich da bin, sehe ichs: Da ist ein weiterer Leuchtturm. Leider wieder Militärsperrzone. Ganz hin kann ich nicht. Welch eine Lage! Im Sommer muss es hier überrannt sein von TouristInnen, aber jetzt…! Es hat ein paar Häuser direkt um den Leuchtturm. Ich liebäugle. Wunderschön. Nicht ganz meins, aber wunderschön.

In gefühlten drei endlosen Geraden fressen wir die verbleibenden ca. 30 Kilometer durch die Ebene. Die Strasse ist kriminell fürs erlaubte Tempo. Entweder man geht nochmal massiv drüber, dann fliegt man über die Schlaglöcher und Bodenwellen, oder aber man nimmt sie mit 50 km/h. Allee, Sveti Nikola, Kamen Brjag, Tyulenovo. Nochmal 13 Kilometer sind angegeben. Am Ende der Geraden ragt ein Turm auf. Links noch vereinzelte Windräder. Rechts seltsame Kanister, wie Jaucheanhänger. Einer, zwei, manchmal drei nebeneinander. Planlos verstreut. Aber kein Vieh. Dahinter das Meer.

Shabla. Ich verpass die Abzweigung schier, so spitzwinklig geht sie ab. Der Turm ist der Leuchtturm! Wow! Im winzigen Dorf Shabla steht der älteste Leuchtturm Bulgariens. Ein kleines Grundstück rundum. Wieder Militärsperrzone. Aber hier schaut sie freundlich aus. Ein Häuschen. Ein Garten. Ein Hund verbellt mich. Die Ebene hört hier einfach auf und dann ist da das Meer. Kein Strand. Felsig ist es, und da, wo Sand zwischen den Felsen liegen könnte, liegen nur Muscheln. Ich stell das Auto etwas ausserhalb Shablas ab, der Katzenleben wegen. Wir erwandern Küste, Ebene, Tanks in der Nachmittagssonne. Komische, vertraute Gerüche. Jauche ist es nicht. Ähnlich unangenehm, aber irgendetwas zieht mich. Fast drei Stunden erstürmen wir das Grenzland.

Ein junger Mann ist daran, einen der Tanks zu besprayen, und ich frage ihn nach dem Inhalt. Dann wird mir meine Vertrautheit klar. Es ist Petrol. Und der Geruch, der damit einhergeht, ist Schwefel. Wie bei den Vulkanen in Rumänien! Daher dieses Daheim-Gefühl. Etwas in mir dehnt sich aus. Wow. Ein Mein-Ort. Völlig unerwartet. Natur ohne Ende, und Industrie, die mich, sosehr ich die Natur liebe, immer und immer wieder fasziniert. Die hammerartigen Pumpvorrichtungen sind gerademal zwei, zweieinhalb Meter gross. Der Leuchtturm. Vulkangeruch. Die kleinen Häuser und Barracken rundum.

Homer wird im Sonnenuntergang eine orange Fackel, die sich ins eisenhaltige Gestien schmiedet. Ich schiesse Bilder, Bilder, Bilder. In der Abenddämmerung fahren wir durch die erhaben drehenden Windräder zurück. Eine Weite im Herz, die mich berauscht. Shabla. Shabla. Richtiger-Ort-Gefühl. Ach ja, es ist ja Weihnachten. Shabla gefunden: Was für ein Weihnachtsgeschenk!

26.12.

Zurück nach Shabla, ich muss da gleich nochmal hin. Wenn mir an Tag zwei langweilig wird dort, ist alles gut, dann war Shabla einfach Weihnachten. Und alles ist gut. In Albena schliesst uns dichter grauer Nebel ein. Wenden? Doch südwärts, Ruth? Nee, lass mal, selbst wenns regnen sollte. Shabla! Die Fahrt ist verwunschen. Das satte Grün der Felder wird innert Metern vom Grau des Nebels verzehrt. Baumschemen ziehen an uns vorbei. Wie muss Shabla bei Nebel sein? Als wir Kavarna verlassen, reisst der Nebel auf und wir fahren durch funkelndes Sonnenlicht. Einzig die Flügel der Windräder umgibt noch Feuchtigkeit. Was für ein Bild! Ich kann nicht parken, es wird nichts mit Festhalten. Mag ich Ebenen?

Shabla. Auto ins Gras stellen und los. Homer lacht. Pluto galoppiert. Wir gehen bis Tyulenovo. Pluto überquert eine Felsbrücke und ich kotze schier, das geht verdammt tief runter hier und das Meer ist wild, keine Ausstiegsmöglichkeit. Pluto! Hoffentlich hält das Gestein! Es tut. Und weiter vorne klettere nun ich in die Klippen runter. Entdecke versteinerte Muscheln. Homer ist geflasht wie ich. Diese Erddämpfe, Schwefel! Tiefrote Eisenadern und Ablagerungen, weisse Knubbels, die samten ausschauen. Bor vielleicht. Kristalle, weisse, gelbliche, ganze Blüten davon. Ein paar einzelne nehm ich mit.

Pluto will spielen auf dem glitschig löchrigen Plateau. Es haut ihn einmal in einen Tümpel, so arg rutscht er aus. Pluto ist einfach hundert Prozent. Will er spielen, will er spielen. Hat er Angst, hat er Angst. Wie jetzt wieder beim Hochklettern. Ich zeige ihm jeden Schritt, er kehrt um, steht zitternd unten, jammert. Ich warte, klettere ihm wieder entgegen. Er schaffts. Die zwei sind groggy, als wir uns beim Wagen treffen.

Fütterung der Raubtiere, als beide drin sind. Und nein, Shabla zum zweiten war nicht langweilig. Nicht die Ebene, nicht derselbe Spaziergang. Ich sitze einen Moment einfach im Auto. Danke für den Ort! Danke für diese Weihnachten. Danke, dass Weihnachten so schön sein konnte. Allein. Spüre, auch Weihnachen ist kein Grund mehr, zurück zu müssen. Wir fahren dem untergehenden roten Feuerball entgegen heim.

27.12.

Morgen. Ich hab vorgekocht für die Jungs. Wir wollen zügig los, da ich um 14 Uhr das Auto zurückgebe. Shabla wäre zu weit. Südwärts also. Zurück zu unserem einsamen Strand nahe Byala. Das wird zeitlich hinhauen, spür ich. Wir finden einen Weg, der uns direkt ans südliche Ende des Strandes führt und ziehen ihn nordwärts hoch. 60 Minuten nur Meergeräusch, Plutos lautstarkes Spiel, Homers kurze Anstubser. Wir ergehen den Strand, bis er aufhört. Schauen zurück. Ich klettere in die Felsen, gefolgt von Homer. Pluto freakt, fühlt sich verlassen, der ca. 70 cm hohe Felsbrocken vor ihm ist für ihn unüberwindbar. Ich locke ihn. Diesmal vergeblich. Kehre zurück zu ihm. Er bleibt einige Minuten ganz nahe.

Ich gehe den Strand entlang, als wärs das letzte Mal. Der Ort ist ein Paradies. Ich möchte endlich weiter nach Georgien und hab doch auch Saugnäpfe, die sich hier in Bulgarien angedockt haben. Weil ich Bulgarien mag? Oder weil ich einfach eine Runde Schiss hab vor der neuen Ebene an Unbekanntem, das wartet? Shabla ist an einen Ort gefallen in mir, der sich nach Antwort anfühlt. Nicht nach Bedürftigkeit. Oder doch? Und dieser Ort hier? Nicht denken, nicht wissenwollen. Dasein!

Weitere dreieinhalb Stunden Natur sind in uns eingezogen, als ich uns heimchauffiere, die Jungs reinbringe und unsere Sachen auslade, das Auto von unseren Weihnachtsabenteuern putze. Den Tank füllen gehe (Ekont? Heisst das ökologisch?) und das Auto zurückbringe. Weihnachten. Ist vorbei.

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Ruth Wili, Jahrgang 1981, war bis Ende 2016 als Inspizientin am Theater St.Gallen tätig. Vor einem Jahr ist sie aufgebrochen zu einer Fussreise von St.Gallen ans Schwarze Meer. Mit dabei: ihr Hund Homer – und, in Bulgarien zugelaufen, Pluto, Hund Nummer zwei. Auf saiten.ch berichtet Ruth Wili von ihren Erfahrungen unterwegs.

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