, 20. Januar 2018
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Go all the way #18

Varna – die vorläufige Endstation der Reise bietet weitere Überraschungen. Ruth Wili, seit einem Jahr auf Fussreise von St.Gallen nach Georgien, berichtet davon in ihrem neuen Tagebuchbeitrag.

Plutos Werte sind gut. Über zwei Monate nach unserer Ankunft in Varna. Und zwei Tage, nachdem wir zufällig Zugang zum Hafen fanden. Wieder einmal: eine Tür aufgestossen und das Leben antwortet. Wir sind noch fern davon, die Bescheinigung, die uns die Weiterreise wirklich erlaubt, in der Hand zu halten, aber das Labor hat sich gemeldet: Plutos Titer (der Wert, der angibt, wie viele Antikörper gegen einen bestimmten Krankheitserreger vorhanden sind) ist gut, die Impfung ist wirksam. Luft in einem luftleeren Raum! Dieses Niemand weiss, wo die Sache stockt. Dieses Ist ist halt so, da muss man geduldig sein. Das war ein massiver Energiekiller.

Ich bin daran, die administrativen Dinge aufzugleisen, um wieder frei zu werden für unsere Weiterreise. Adminkram ist mir ein Graus, nun aus der Ferne und aus dem Gedächtnis heraus kommt eine latente Panik dazu, irgendetwas zu vergessen. Grr. Listen, Mails, Telefonate.

Die Entdeckung des Hafens

Aber die Tür: Vor einigen Tagen war ich mit Homer die grosse Runde am Drehen, und wir waren so flüssig unterwegs, dass eine Erweiterung angebracht war. Zwei bis zweieinhalb Stunden je für den grossen Spaziergang gilt es einzuhalten hier in der Stadt, die wilden Herzen wollen Energie loswerden. Jedenfalls waren wir ans Meer, den ganzen Strand hin- und zurückspaziert, als ich mit Blick auf die Uhr entschied, noch die Mole anzuhängen, die zum Leuchtturm führt. Diesmal auf der anderen Seite der Mauer. Erst sitzen wir einen Moment auf den gewaltigen Felsbrocken, welche die Wellen dämpfen, die an die Mole schlagen. Ich bleib noch einen Moment, als Homer auf eine kleine Erkundungstour geht. Das Terrain sagt ihm zu: Podencoschwanzwedeln.

Dann kapier ich: Er sucht darin – beeindruckend flink, aber bei weitem nicht flink genug – nach einer Katze. Der Unterschied zwischen flink und klettertauglich ist auch nach unten erkennbar. Die Katze taucht einfach ab zwischen den Brocken. Homer streckt sehnsüchtig den langen Hals hinterher, aber die Löcher bremsen ihn gnadenlos aus. Hat aber einen Heidenspass. Wir schlendern den schmalen Steg entlang, vorne über die Überführung und auf der anderen Seite der Strasse die Treppe runter. Da ist der Hafen. Ich hab nicht angenommen, dass er für Nicht-Passagiere frei zugänglich ist. Irgendwie hat mich dieser Adminkram verstört. Ich glaubte, erst ein Ticket oder eine explizite Erlaubnis zu brauchen, um da hin zu können. Jetzt sehe ich: Hier geht man am Sonntag hin und hockt sich auf eine Bank und schaut dem trägen Treiben zu. Oder trinkt etwas in einer der Bars. Heute ist ein Tag, an  dem der Frühling nah wirkt. Irgendwie lau. Man riecht sich ankündigende Wärme.

Wir betreten durch eine Gitteröffnung das Gelände und ich lasse Homer frei. Mal schauen, wos ihn hinzieht. Das muss ein Geruchserlebnis der Sonderklasse sein. Doch Homer hat Schiss. Da sind so viele Menschen und das Hafenwasser und die Taue und die Schiffe, die – unerkennbar, wie – kommen und gehen. (Wie RollbrettfahrerInnen: regloses Vorwärtslommen findet Homer ungeheuerlich.) Knarzen und Quietschen, wo Schiffe vertäut liegen. Homer hat den Vorwärts- und den Rückwärtsgang drin. Ich kauere nieder und breite die Arme aus. Er flüchtet sich immer mal wieder rein, schaut sich sofort um, wo ich bleibe, wenn Menschen den Sichtkontakt zwischen uns unterbrechen. Schnusel! Was für ein Glück, heute hier gelandet zu sein. Unser Warten in Varna hat soeben einen neuen Sinn erhalten: Hafenvertrauen wachsen lassen!

Einmal muss ich schallend lachen. Ein Tross schwarzer Limousinen steht geparkt, die Türen offen. Homer, mal eben wieder vor irgendetwas erschrocken, versucht kurzentschlossen, im Innern der nächsten Karrosse Zuflucht zu suchen. Zur Unbill der Uniformierten rundum, die ihn verscheuchen. Ich liebe es, dem Erkunden von Welt zuzuschauen. Wir schlängeln uns mit Leckerlisuchen durch seine Neugier und Furchtwellen. Leckerli auf Poller. Leckerli zu Tau. Leckerli in die Nähe von Knarzgeräuschen.

Und nun mit Pluto

Der erste Anlauf zum Hafen ist auch mit ihm ein veritables Abenteuer. Da biegen wir nicht zum Strand ab, sondern zum Hafen, unangemessen für das fordernde Tier. Und dann kurvt hinter der Mauer auch noch ein Junge ein ferngesteuertes Auto rum. Wir stehen mehr, als dass wir spazieren, Schauen ist dran. Und immer wieder beruhigen. Ich mache mir bewusst: Wir müssen nicht bis zu den Schiffen kommen heute. Das wird ein längres Unterfangen mit Pluto. Er macht Fortschritte. Hat kapiert, dass bei Nichtweiterwissen Kontaktaufnahme sich lohnt. Hockt sich manchmal berührend ratlos einfach hin. Das ist Gold wert in der Stadt mit tausend Einflüssen. Das sind Welten zwischen dem stressbedingten Dauerkampf an der Leine und diesen Momenten. Nicht dass das Tanzen durch wäre, oder das Sitzen bereits ein entspanntes, aber es gibt nun Tanzen und Nicht-Tanzen! Und es gibt Kontakt. Immer öfter.

Und dann ist zum Ende des Einzelspaziergangs ein kleines Wunder passiert: kein Fiepen, kein Bellen, kein Stirnrunzeln, kein Schwänzchenpeitschen, kein Minihelikoptern links von mir. Ein glänzender schwarzer Hund, der einfach an meiner Seite ging. Interessiert, nicht gestresst. Zwei Minuten vielleicht dauerte dieser grossartige Moment. Ein draussen noch nie dagewesener Zustand. Nicht in der Natur, nicht in Dörfern, schon gar nicht in der Stadt. Da war kurz… Pluto. Gute hundert Tage nachdem er zu uns fand! Am Tag, als wir den Hafen fanden.

Ruth Wili, Jahrgang 1981, war bis Ende 2016 als Inspizientin am Theater St.Gallen tätig. Vor einem Jahr ist sie aufgebrochen zu einer Fussreise von St.Gallen ans Schwarze Meer. Mit dabei: ihr Hund Homer – und, in Bulgarien zugelaufen, Pluto, Hund Nummer zwei. Auf saiten.ch berichtet Ruth Wili von ihren Erfahrungen unterwegs.

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