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Go all the way #24

Nebel! Burgas, die Hafenstadt am Meer, spannt Ruth Wili ein letztes Mal auf die Folter. Dann aber läuft das Schiff ein, das sie nach Georgien bringen soll. Hier der neue Bericht ihrer Fussreise von St.Gallen ans Schwarze Meer.
Von  Gastbeitrag

Unter uns dröhnt Metall, das gegen Metall stösst. Pluto steht gespreizt auf dem blauen Laminat und starrt mit schräggelegtem Kopf und Runzeln auf den Boden zwischen seinen Pfoten.  Das Klopfen hallt in unregelmässigen Abständen durch die Wände und Räume.

Der Nebel liegt suppendicht

Um halb sieben hat der Wecker geklingelt, nach einer kurzen Nacht. Gestern haben wir die letzten Gesundheitsbescheinigungen für die Hunde in Varna geholt, die Dokumente sind nun sowas wie sehr komplett. Was weiss ich: von «diese Bescheinigung ist unnötig» zu «die muss sein und kann ausserdem maximal 24 Stunden vor der Schiffreise ausgestellt werden, damit klar ist, dass die Hunde AKTUELL gesund sind» war alles drin. Ich habe sie geholt, was denn sonst. Und der Chef-Beamte war da und willig und hat sie ausgestellt. Ich umarme Manoela, «unsere» Tierärztin, die sich für uns in den Dschungel geworfen hat. Zurück in Burgas hat Ramon, der Housekeeper zugesagt, dass wir eventuell bis 14 Uhr noch im Zimmer bleiben dürften. Das wird noch genug Aufregung für die Hunde. Etwas kühl, aber er meint: ja, wir dürfen. Goldschatz! Das ist so wertvoll!

Ich mache mit den Hunden eine kurze Morgen-Runde zur Erleichterung. Ein Mann sagt: Podenco. Ich bin kurz verwirrt, dann kapiere ich, dass er uns vor zwei Tagen aus dem Auto heraus sah und mich fragte, was Homer für einer sei. Er verwickelt mich in ein Gespräch und ich merke plötzlich, wie ich innerlich abzweige: Heute ist so ein grosser Tag für uns, und dieser Mann plaudert mit mir, als wär nichts! Das geht doch nicht! Unsere Verständigung reicht nicht soweit, dass ich ihm das erklärt kriege, und ich verabschiede mich. Daheim Kaffee für mich, ein Glas Quittenschorle, auf die ich gestern gestossen bin. Quitte ist Kindheitsgeruch. Dann pack ich kurzentschlossen den Sack mit Hundefutter fürs Schiff und geb ihn an unserer Hafenpforte ab. Wir werden genug haben damit, unsere Sachen herzutragen. Wie alles in unsere Rucksäcke gehen soll, hab ich eh noch keinen Plan. Eine Schachtel Nicht-Outdoorklamotten kommt noch in den Secondhandladen, so meine Vorstellung. Aber der ist vor neun mit Sicherheit noch nicht geöffnet. Also später.

Ich reiche den beiden Portiers meinen Sack, sage ihnen, was drin ist und lasse sie etwas überrollt einverstanden damit zurück. Gehe kurz ins hohe Gebäude, frage dort den Portier, ob Drago schon da sei. Drago hat mir das Schiffsticket bestätigt. Ich will ihn fragen, ob er nun alles Notwendige für die Hundedokumentation hat. Er ist noch nicht da, aber dafür sagt mir der Pförtner behelfsmässig, dass der Hafen geschlossen sei. Der Nebel liegt suppendicht und das Schiff wartet draussen, Einlaufen sei leider nicht möglich. Ich solle nach neun mit Drago sprechen. Ok. Ich springe zurück ins Auto und fahre intuitiv zur Abgabestelle. Klappt, wie gut ist das denn?! Bin um 8.59 dort, neun Uhr ist ausgemacht. Diesmal ist mein Gegenüber pünktlich. Super! Und alles ok. Ich nehme das Depot entgegen, das ich hinterlegt hatte, und trolle mich auf die Toilette, wo ich kurz checke, ob ich fürs Bezahlen des Schiffs noch was holen muss oder nicht. Passt, muss nicht. Ich bin total im Schuss und kapiere: Päuschen machen, einen Kaffee trinken. Erden. Ich bestell an einer der ersten Bars, die öffnen, einen Espresso und krieg ihn etwas unfreundlich und restlos überteuert im Plastikbecher. Grrr! Trotzdem, Päuschen ist gut. Eine Unterkunft für Batumi, den Zielhafen in Georgien, ist noch zu reservieren, das darf ich nicht vergessen, ehe wir aufbrechen!

Am Hafen verlieren sich die Kräne im Nebel, nur die untere Hälfte ist sichtbar. Verwunschenes Meer und Industriewelt. Zu Drago werd ich diesmal ohne Begleitung vorgelassen und er meint, alles soweit gut für die Hunde. Wobei: Eigentlich gehe ihn das gar nicht viel an. Ich solle ihm noch meinen Pass schicken, damit die Dame beim Einchecken wisse, wer da komme. Und dann solle ich so gegen Lunchzeit mal anrufen, um zu erfahren, ob respektive wann absehbarerweise das Schiff einlaufe. Hmm – ich halte hoch, dass der Nebel sich lichtet, dass wir heute an Bord können. Ich fänds nur halbprickelnd, mit meinem 24-Stunden-Papier für die Hunde eine weitere Übernachtung hier aufgleisen zu müssen. Spaziere heim. Kaufe spontan im Stoffladen einen Meter Seide. Das wärmt so grossartig und ist winzig klein. Ein Stück hab ich schon. Dann können die beiden grossen Hundedecken ins Brocki. Wow, ungeplant eine Lösung im Vorbeigehen… Es hilft den Hunden, wenn sie nervös sind, wenn ich sie zudecke in ihren Betten. Und ich hab keine Lust, ihnen schon mal prophylaktisch Tropfen gegen Nervosität zu verabreichen. Erst mal schauen.

Wenn Frust, dann gemeinsam

In der wunderbaren Bäckerei hol ich mit einen flammkuchenartigen Fladen mit Tomaten und Peperonipaste drauf. Und bestelle für die Hunde Banitsa mit Spinat. Das lieben sie und haben nochmal was Grünes! Der Kunde vor mir wirkt irgendwie unglücklich und als ich später meine Tüte öffne, kann ich mir vorstellen, warum. Die grantige Verkäuferin hat mir anstatt zweimal Banitsa mit Spinat – und verstanden hat sie meine Bestellung, denn die Kundin hinter mir hat sie ihr übersetzt – frecherweise zwei alte Käsestullen eingepackt. Ich hab grosse Lust, ihr die Tüte zurückzubringen, aber das ist zeitlich nicht drin. Ich schieb meinen Ärger beiseite. Hunde austollen lassen am Quai, endlich packen, Anruf bei Drago und Brocki sind noch pendent. Pluto ist so hibbelig, kann überhaupt nicht hinhocken, damit ich ihm auch nur das Geschirr anziehen könnte. Ich legs beiseite nach dem x-ten Versuch, fange an zu packen. Hoffe, er kommt zur Ruhe, wenn ich ihn nicht beachte. Klappt. Bis ich ihn anschaue… Oooh! Nicht nerven, Ruth, er macht das nicht absichtlich! Ich steh einen Moment hilflos im Chaos, weiss nicht, wo anfangen, was nun zuerst dran ist. Kaffee und Tee! Dann entscheide ich: Hunde zuerst. So dass sie, während ich packe, dann noch einmal etwas zur Ruhe kommen können, ehe wir zum… hoffentlich!!! Der Nebel liegt weiter pappedick.

Ich nehme Pluto am Halsband, setze ihn hin, bis er das Geschirr schliesslich anhat. Dann machen wir uns auf zum Aussentor, wo er hinsitzen muss, bis es offen ist und ich ok sage. Eine Frau spricht mich durch die Gitter an auf Bulgarisch, fragt nach Kleidern, Socken und Unterhosen. Was? Sie wiederholt, ob ich ihr Socken und Unterhosen hätte. Pluto, der die Welt nicht versteht, wird zurückgelotst. Ich packe die Kiste mit dem, was ich an Kleidern ins Brocki bringen wollte, schicke ein Danke ans Leben und bringe sie der Frau. Mein einziges überflüssiges Paar Socken… Es hat so viele Löcher, das krieg ich ehrlich nicht hin, das da obendrauf zu legen. Und Unterhosen… pack ich auch nicht. Dazu sind sie handgewaschen, da ich hier keine Waschmaschine mehr hab. Die Frau geht mir nahe, aber das geht mir zu nahe. Immerhin: Zwei gesamte, gute Garnituren Kleider sind in der Kiste. Dazu, was ich sonst ins Brocki gebracht hätte, unter anderem die zwei Decken. Sie nimmt die Sachen gern. Und ich kriege gerade Zeit geschenkt!

Wir nehmen den Weg auf zum Park und zum langen ins Meer ragenden Steg. Sie werdens lieben, sich noch einmal auszutoben, ehe drei Nächte Kombüse dran sind. Wer weiss, ob sie auf dem Schiff tollen können. Als wir den Park erreichen und ich die Treppe betreten will, zischt eine Katze vor uns über den Weg und Pluto erreicht seinen Höchststand an Nervenbündelei. Ich atme. Das ist kein Zustand, um ihn freizulassen. Pluto wird nen Teufel tun, mit Homer zu spielen… Da steht anderes um Meilen weiter vorn auf dem Programm… Uff. Nach dem dritten Mal Runde drehen und neu versuchen, ruhig da runterzugehen, kapier auch ich: Es IST jetzt einfach so. Das mit dem Laufenlassen ist eben jetzt nicht dran. Und ich kann mich nun kirre machen, oder die Zeit, die wir hier haben, gut mit meinen Hunden verbringen. Heisst, in dem Tempo mit ihnen durch den Park spazieren, dass sie, insbesondere Pluto, sich eben beruhigen können. Es darf sich einfach nicht mehr lohnen, durchzudrehen. Einfach. Nicht. Hin oder her. Irgendwas ist ja immer. Da kapiere ich, dass ich seit Kaffee im Plastik und Käsestullen einfach Grant beiseite geschoben und auf Funktionieren geschaltet habe. Trotz Aufpassen. Ok, Jungs. Wir drehen jetzt Runden. Ich mit Euch und ihr mit mir. Wenn Frust, dann können wir den ja gemeinsam gut verbringen. Es sagt ja niemand, dass wir nicht frustriert sein dürfen. Besser! Viel besser. Meiner bleibt, dass sie (Pluto ist da sehr ansteckend) erneut zu tanzen beginnen, als wir uns der Katzenstelle nähern. Ruth, kapiers! Es ist so. Absichtslosigkeit ist so eine Kunst!

Wieder daheim ruf ich Drago an. Yeah, das Schiff hat anlegen können, wird nun entladen! Wann es wieder ablegt, wissen die Wettergötter, aber wir können heute voraussichtlich zwischen fünf und sieben an Bord! Und ehrlich gesagt: alles andere ist nicht meine Sorge! Ich buche ein Zimmer in Batumi, dann pflaster ich uns Dreien aus all den Essensresten etwas zusammen und mache mich ans Packen. Es ist immer noch viel, wird aber besser, sobald die Grenzformalitäten durch sind. Da ist einiges an Medikamenten und Vitaminen in Originalverpackung aus Glas. Das kommt danach in Plastiksäckchen. Es ist fast halb drei, als ich bei Ramon klopfe, er hat mich freundlicherweise einfach in Ruhe gelassen. Ich hab ihm ein Geschenk auf den Tresen gelegt zum Dank. Er fragt, ob ich etwas Freundliches schreiben würde als Rezension. Von Herzen gern! Dann ziehen wir als beladener Tross los.

We made it. Wir sind auf dem Schiff.

Mich überfällt eine solche Freude, dass wir gerade neu aufbrechen, dass es endlich endlich weitergeht, dass keine Hibbelei und kein Rammen von Pluto mich aus dem Konzept bringen können. Jungs, we do it! Mit Schnuffeln und eine Runde Kleinst-Austobitis auf einer Grünfläche pflügen wir uns durch wilde Blicke und Kommentare zum Hafen. An der Pforte des Gebäudes kommt der Mann raus und freut sich an unserem Abenteuer-Anblick. An der zweiten Pforte reichen mir die Pförtner den Futtersack. Pluto riechts, hibbelt freudig in die Luft und reisst ein Loch rein. Juhuu. Futter einsammeln! Zum Glück habe ich eine dünne Stofftasche dabei. Das war eigentlich absehbar. Dann lass ich uns Mensch für Mensch für Mensch weiterreichen. Von: «nema angliski» zu vor zu zurück zu Lastwagenausweich zu «Pluto sitz!» zu Gebäude rechts – also doch – zu Veterinärkontrolle, Hundepapiere weg zu keine Ahnung zu alles fällt zu Boden zu die helfen, und zwar gern! Und: Irgendwann stehen wir da, Homer hat es sich am Boden bequem gemacht, und ich hab eine Boardingcard im Sack, alle Hundepapiere zurück, mein Pass ist abgestempelt. Ich frag: und nun? Die Lastwagen verlassen noch immer das Schiff. Wir dürfen rein! Unabhängig davon! Ich frag, ob jemand eine Foto von uns schiessen würde, das sei gerade ein sehr sehr grosser Moment für mich, und dann betreten wir die breite Metallrampe. Es hallt und kracht, wo Lastwagen über die Schwellen manoeuvriert werden. Homer macht einen Riesensatz. Pluto blickt in jede Richtung gleichzeitig. Aber beide nehmen Leckerlis und kommen mit. Love you, boys! Plutos richtig grosse Herausforderung ist eine kniehohe Türschwelle, aber er schafft sie! Dann die obersteile Metalltreppe hoch und einen engen Steg entlang. Wir werden in der Kantine erst mal hingesetzt und begrüsst. Ich übergebe Pass und Boardingcard und dann, dann zeigt der Mann uns unsere Kabine! So simpel. So einfach. We made it. Wir sind auf dem Schiff.

Ich schicke ein paar geliebten Menschen und Manoela, die so mitfiebert und hofft, dass papierig alles gut geht, einen Gruss. Die Hunde sind erschlagen, rollen sich in ihren Betten ein und murmeln instant. Später kriegen sie je eine halbe Wurst vom Abendessen und ein Stück Brot. Dann drehen wir eine Runde auf dem Deck. Die beiden suchen Bäume. Vergeblich. Wir werdens später nochmal versuchen. Pluto verfolgt die unterirdischen Beben und Geräusche mit aller Konzentration. Die zwei habens grossartig gemacht, so so so warm in mir, wie sie mir vertrauen und mitkommen! Und das alles ohne Beruhigungstropfen! Meine geliebten, liebenden Abenteurer! We made it, wann immer unser Schiff ablegt.

Ruth Wili, Jahrgang 1981, war bis Ende 2016 als Inspizientin am Theater St.Gallen tätig. Anfang 2017 ist sie aufgebrochen zu einer Fussreise von St.Gallen ans Schwarze Meer. Mit dabei: ihr Hund Homer – und, in Bulgarien zugelaufen, Pluto, Hund Nummer zwei. Auf saiten.ch berichtet Ruth Wili von ihren Erfahrungen unterwegs.

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