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Go all the way #26

Batumi verlassen - die Hafenstadt ganz im Süden Georgiens war noch nicht das Ziel, berichtet Ruth Wili im jüngsten Tagebuchbericht ihrer Fussreise von St.Gallen nach Georgien. Ein Land voller Grün nimmt sie in Empfang.
Von  Gastbeitrag

Wir haben Batumi verlassen. Eine Stadt, in der ich, so fremd sie mir ist, sofort das Gefühl hatte, leben zu können. In der ich das Immergleiche liebte. Und ein Gefühl kriegte, auf den Grund von Langsamkeit spähen zu können. Ausruhen, Auskurieren: wie geht das? Ich laufe noch immer höhertourig, als dran ist.

Manchmal ein paar farbige Steine vom Ufer heimtragen, falls die Wellen Pluto nicht zu gischtig sind und er ein Stöckchen erschwimmt. Homer zurückrufen, weil er Essen erbetteln geht. Hungerbueb. Liebevoll dastehen und in der Ruhe warten, weil meine Hunde es eine Zumutung finden, dass das Leben nicht rast, und hinter der Empörung selber in eine Ruhe kommen, die uns wie mit Silberfäden verbindet.

Aber da ist dieses Land in unserem Rücken, diese Hügel. Dieses Grün. Wir haben noch nichts gesehen! Das, was mich herzog, kommt erst noch. Los! Ankommen fühlen und den Aufbruch. Das ist wie Schatten im Sommer und eine Fliege. Ich will in diese Hügel. Packe unsere Sachen. Akhalsheni – so heisst der Zielort.

Zeitlupenflüchtige

Wir zotteln los. Pluto, aufgeregt wie Anton, möchte die Bohnen-Empanada, die ich bei meiner Lieblingsbäckerin hole, selber haben und erschreckt die Bäckerin. In unserem gängigen Stop & Go schieben wir uns zur grossen Querstrasse, auf welcher wir vom Hafen herkamen. Überqueren sie hitzehalber in Richtung Schattenseite. Wir sind ein ungewohntes Gespann hier, dauernd versuchen Leute, meine Hunde zu berühren oder zu rufen. Etwas mühsam. Dann biegen wir in die Maiakovsky-Strasse ein in Richtung Bahnhof. Und wenn ich bei der Ankunft geglaubt habe, wir seien durch einen Ort gegangen, der ein einziger Bazar ist, so weiss ich nun, dass das noch gar nichts war.

Was eigentlich der Gehsteig wäre, lässt einen Schlauch frei, der gerade mal zwei Menschen eng zu kreuzen erlaubt, der Rest ist Verkaufsfläche. Früchte, Gemüse, Holzofen, Plastikwaren, Pfannen, Aluminiumwaren, Holz-Schubkarren… Ich weiche mit meinen beiden Dauergerufenen auf die Strasse aus, die nun vor allem Parkplatz ist und also ebenfalls schlauchig, und in diesem Schlauch wird dann auch gleich mit Schubkarren der Markt selber mit Nachschub versorgt. Ist das ein Treiben! Ich bin hin und weg von meinen beiden Sanftlingen, wie sie sich führen lassen in diesem totalen Reiz-Overload. Ein Mann wankt betrunken auf uns zu, hat uns offensichtlich zu seinem Ziel erkoren, will unbedingt mit meinen Tieren kontakten. Wir sind irgendetwas wie Zeitlupenflüchtige. Als er einen zweiten Versuch von hinten startet, hört er berndeutsches Donnergrollen. Botschaft angekommen.

Langsam verdünnen sich die Verkäuferinnen und Verkäufer, und wir mäandrieren auf den Gehsteig. Ein Mann streckt meinen Hunden ungefragt Futter hin und ich mach mir keine Freunde. Nicht vierbeinige und nicht zweibeinige. Hmpf. Hilft nicht, das geht nicht. Futter ist meine Zuständigkeit. Wir überqueren eine langgezogene Strassenkurve, linkerhand von uns liegen die riesigen Tanks, von denen, so nehme ich an, die Schiffe befüllt werden. Ich mags uns gönnen, dass es etwas ruhiger wird. Minibusse rumpeln an uns vorbei, die Strasse mutiert zur Schotterpiste voller brauner Pfützen. Wären da nicht Häuser, wir stünden mitten im Urwald, kommt es mir vor.

Ein Mann fragt, ob die Hunde trinken wollen, und ich nehme das Angebot gerne an. Frisches, kühles Wasser gehört zum Luxus beim Gehen. Beide finden das Angebot aber wenig prickelnd, würden lieber bei der Frau vorbeischauen, die Gebäck verkauft. Wird nix, Jungs. Der Mann mit dem Wasser bietet uns an, dass er uns in einem der Kleinbusse fährt, wo ich hinwill. Ich danke «Madloba», schüttle den Kopf «Me pekhit». Ich gehe zu Fuss. Nun, wo die Stadt langsam hinter uns liegt und das Grün uns mehr und mehr aufnimmt!

 

Ein Abenteuer namens Kühe steht an, nach einem Hund, der sein Territorium verteidigt und uns sehr ungern an seinem Haus vorüberziehen lässt. Homer hat Schiss vor Kühen, und die guten haben sich quer über die ganze Piste verteilt. Sind sie auf einer Seite, gibts ein Vorbeikommen. Aber mitten durch, nee. Ich lotse uns etwas zurück und schräg das Bort hinauf, als sich der neugierige, gemächliche Kuhverband in unsere Richtung bewegt. Homer ist kuhl, hier oben scheints ganz ok zu sein. Er hockt und schaut, wie sie den Autos entgegentrotten, die sie zur Seite hupen. Eine weicht auf unsere Seite aus und nimmt die Gelegenheit wahr, uns näher zu beäugen. Homer grollt leise in meinem Rücken, Pluto möchte zu hibbeln beginnen, hört aber auf mich, als ich ihn sitzen heisse. Ein Mann, der auf der Strasse, ich nehme an, seinen Enkel herumtapsen lässt, scheucht sie weiter und wir können unseren Weg fortsetzen.

Die Vorbereitung war gut, denn als nächstes haben wir ein stoberes Rudel Streuner plus Kühe. Batumi, gute Stadt, danke: Langsamkeit ist der Schlüssel! Wir stehen uns im Tempo der beiden Gemeinschaften durch die sich öffnenden Freiräume und ich bin voller Glück, wie sanft das geht. Pause. Ein kleines Bushäuschen neben einem Bachrinnsal. Pluto, der in Batumi das Pausieren erlickt hat, findet den Schlüssel nicht, das ist alles zu aufregend. Ab hier geht Homer leinenfrei. Nun ist der spärliche Verkehr zu bewältigen, Homer hört gut hin, Pluto hingegen wird müde, fängt an, in die Leine zu springen. Wir haben noch ein Stück vor uns, bis wir beim Haus sind, in welchem wir in den Hügeln nächtigen dürfen. Entgegen der prompt kommenden Absage wegen der Hunde kam dann kurz darauf doch eine Zusage. Wie schön!

Umarmt vom Farn

Es ist feucht und grün und grün und feucht. Ich frage ein paar Bauarbeiter nach dem Weg, Googlemaps kennt hier definitiv nur so ein paar der Wege, höre dem lauten Hin und Her zu, aus dem ich einzelne Worte aufschnappen kann und mich freue, sie zu verstehen. Mann ist sich einig und wir nehmen den vorgeschlagenen Weg. Als mich etwas weiter ein Zögern überkommt, ruf ich einfach an und habs richtig gespürt, bei der Brücke neben uns nach rechts und rauf. Zäher Aufstieg, es hat Katzen, die um Müll streifen. Mit geistig müdem Pluto wird es körperlich streng. Schulkinder, die aus einem Minibus hüpfen, sagen mir, ich sei zu weit, wir müssten wieder runter. Puh. Wohin? Ich beschliesse, eine Pause zu machen, nochmal anzurufen. Diese Hügel habens in sich.


Kurze Zeit später hält ein schwarzes Coupé neben uns, und ich werde gefragt, ob die Hunde da reinkönnten. Ich grinse, schüttle den Kopf, aber mein Rucksack kann rein. Die Tochter unseres Gastgebers steigt aus und steigt mit uns den Weg auf. Stellt mir oben unbekannte Früchte hin, Wasser, zeigt mir das Haus. Beide Töchter haben Angst vor den Hunden, so dass diese sich schliesslich im Zimmer in ihren Betten einrollen und schlafen. Für mich kocht die eine der beiden Töchter Bratkartoffeln und macht einen riesigen frischen Salat. Das sei hier normal, sagen sie mir. Ich fahre mit ihnen nochmal kurz runter, Essen besorgen für die Hunde, sage, ich könne nachher ohne weiteres wieder rauftapsen, wenn sie gleich weiter zurück nach Batumi möchten. Aber nein. Ich könnte mich fürchten «allein» im Haus, sie werden oben übernachten. Ich kanns nicht glauben, was für Umstände sie sich machen. Wir haben alles, was wir brauchen, und Angst, dass wir geraubt würden, habe ich nicht. Ich freue mich, meine Nachricht kommt an! Sie fragen, ob sie in dem Fall ihre Nachbarn besuchen dürften.

Ich blinzel in den Sonnenuntergang. Um uns ist Urwald. Und als wir um 6 Uhr am nächsten Morgen eine Uns-ziehts-raus-Suchtrunde machen im Sonnenaufgang, umarmt das Farn die Hunde, und ich finde den Weg nicht wieder zurück.

Ruth Wili, Jahrgang 1981, war bis Ende 2016 als Inspizientin am Theater St.Gallen tätig. Anfang 2017 ist sie aufgebrochen zu einer Fussreise von St.Gallen ans Schwarze Meer. Mit dabei: ihr Hund Homer – und, in Bulgarien zugelaufen, Pluto, Hund Nummer zwei. Auf saiten.ch berichtet Ruth Wili von ihren Erfahrungen unterwegs.

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