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Grabesstimmen aus dem Weltraum

Uraufführung in der Tonhalle: Das Sinfonieorchester St.Gallen spielt Unter dem Grabhügel von Alfons Karl Zwicker. Dahinter steht eine neuartige Komponistenförderung.
Von  Peter Surber

Er hat es gern existentiell. Mit Texten von Joseph Kopf oder Nelly Sachs. Mit der Folterthematik in Der Tod und das Mädchen, seiner 2011 in St.Gallen aufgeführten Oper. Mit dem Holocaust in Das Konzert, seiner in Arbeit befindlichen Oper nach dem Roman von Hartmut Lange. Alfons Karl Zwicker ist definitiv kein Mann der legeren T.ne – auch auf der 2014 erschienenen CD mit Kammermusik nicht. Dort überraschte allerdings seine grimmige Komposition auf Texte von Niklaus Meienberg und auf das Gedicht Schlagt die Moslems in die Knie von Florian Vetsch – eine scheinbar anti-islamische Tirade, die erst in den letzten zwei Zeilen ihren ironischen Charakter aufdeckt: «Vertilgt sie von der Landkarte – / Der schweizerischen – der schönen sauberen!». Vetsch hatte den Text 2006 aus Anlass des neuen Asyl- und Ausländergesetzes geschrieben, Zwicker machte daraus mit Singstimme und Akkordeon einen freitonalen Protestsong mit Ländler-Einsprengseln.

Weltraum-Klänge

Typischer für Zwicker als dieses Werk sind die Vertonungen zu Else Lasker-Schüler und zum I Ging auf derselben, im St. Galler Zack-Studio von Pierre Bendel aufgenommenen CD. Jetzt ist Zwicker nochmal von einer anderen Seite zu hören: Das Sinfonieorchester St.Gallen bringt sein Stück Unter dem Grabhügel für Saxophon und Orchester zur Uraufführung, gefolgt vom Deutschen Requiem von Johannes Brahms. Inhaltlich bezieht sich die Komposition auf die Thematik von Hartmut Langes Roman und schliesst damit an die Arbeit an seiner nächsten Oper an – aber auch an das Brahms- Requiem, das seinerseits von Tod und Erlösung handelt. Was er «vertont» oder vielmehr: Wofür er Klänge sucht, das sind die Stimmen-Chöre der Nazi-Täter, die unter dem Grabhügel nach oben drängen, gehört werden wollen, Versöhnung suchen oder das Grauen ungeschehen machen wollen.

Wie klingen solche Stimmen? Einerseits setzt Zwicker ein Saxophon ein, «beinah mein Lieblingsinstrument», sagt er (nur noch übertroffen von der Bassklarinette), gespielt vom Westschweizer Virtuosen Vincent Daoud mit Techniken, die die Täter-Todesstimmen hörbar machen sollen. Und andrerseits hat sich der Komponist an Aufnahmen der Nasa inspiriert, aufgefangen von der Voyager-Sonde auf ihrem Weltraumtrip zu Mars und Venus. Das seien im wahrsten Sinn des Worts unerhörte Klänge, staunt Zwicker bis heute; vor allem über das weltraumtiefe «Grollen», das die Schalltrichter der Lautsprecher strapaziere. Solche Klänge zu formen, mit Vierteltönen, Glissandi oder Klangclustern, für normale Orchesterbesetzung, wenn auch ergänzt um Kontrabasstuba, Kontrafagott oder Bassklarinette: Das verspricht das Orchesterstück Unter dem Grabhügel.

Zeitgenössische Orchestermusik ist rar in Tonhalle-Programmen – nicht nur in St.Gallen. Dass dies für einmal anders ist, verdankt sich dem Programm «Oeuvres suisses» der Kulturstiftung Pro Helvetia (PH) und des Orchesterverbands. Gemeinsam haben sich elf Schweizer Orchester und die Stiftung verpflichtet, je drei Komponistinnen und Komponisten über drei Jahre mit einer Neukomposition zu beauftragen. Insgesamt 33 Uraufführungen kommen so zustande, eine Bestandesaufnahme des aktuellen Komponierens, wie Tobias Rothfahl von Pro Helvetia sagt. Auch Alfons Zwicker ist erfreut über die pionierhafte Förderung, die aus seiner Sicht eine schmerzliche Lücke füllt: Die wenigsten Orchester setzten sich überhaupt mit Klassik von heute auseinander, «Oeuvres suisses» könnte daran etwas ändern, hofft Zwicker. «Wenn nur alle paar Jahre einmal ein modernes Werk in den Programmen auftaucht, sind wir auf verlorenem Posten beim Publikum.»

Der St.Galler Konzertdirektor Florian Scheiber sieht das ähnlich. Mit Aufführungen allein sei es aber nicht getan – wichtig sei auch die Vermittlung, sagt er und plant daher parallel zu den drei Uraufführungen ein mehrteiliges Begleitprogramm für Erwachsene und vor allem für junge Konzerthörer. Den Auftakt machte bereits im Januar in der Lokremise das Hörprojekt Social Sound Organism. Diese Vermittlungsangebote finanziert Pro Helvetia – den Kompositionsauftrag und die Aufführung zahlen die Orchester hingegen aus ihrem eigenen Sack. Grund ist die etwas kurios anmutende Förderidee von «Oeuvres suisses». Bislang hatte Pro Helvetia Schweizer Orchester bei Auslandtourneen unterstützt – unter der Bedingung, dass sie ein Schweizer Werk im Gepäck hatten. Das seien oft «Alibiübungen» geworden, sagt PH-Mann Rothfahl – «Oeuvres suisses» soll Abhilfe schaffen: Die Orchester verpflichten sich, hierzulande Schweizer Werke uraufzuführen, bekommen dafür aber auf Auslandreisen Geld, auch wenn sie ohne musikalisches CH-Gepäck reisen.

St.Galler bleiben lieber hier

Das Sinfonieorchester St.Gallen reist aber nur höchst selten, und dies, so Florian Scheiber, aus Überzeugung: «Unser Orchester soll für das Publikum hier spielen, wo es zuhause ist und bezahlt wird.» Tourneen kosteten «ein furchtbares Geld», sagt er. St.Gallen setzt das Stiftungsgeld deshalb hier ein. Und Scheiber schwört auf die Doppelstrategie «aufführen und vermitteln». «Es ist kein Geheimnis, dass die zeitgenössische Klassik sehr im Hintertreffen ist in den Konzertprogrammen. In einer kleinen Stadt mit einem eher bürgerlichen Publikum hat man es da sicher schwerer als in den Metropolen. Aber ich bin überzeugt, dass man schlaue und reizvolle Programme auch mit neuer Musik machen kann.» Das Projekt «Oeuvres suisses» macht es vor. Die drei von Scheiber ausgewählten Namen versprechen jedenfalls stilistische Vielfalt: nach Alfons Karl Zwicker folgt im Frühling 2016 Paul Giger und im Herbst 2016 die Schaffhauser Komponistin Helena Winkelmann.

 

«Unter dem Grabhügel», zusammen mit dem Brahms-Requiem:
Freitag, 20. Februar, 19.30, Tonhalle St.Gallen
Sonntag, 22. Februar, 17 Uhr, Tonhalle St.Gallen
theatersg.ch

 

Dieser Text erschien im Februar-Heft von Saiten.

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