, 16. Juli 2021
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Grabungen in See und Gaster

Was ist das für ein abgeschiedenes Sumpfland, wo die Römer Wachtürme errichteten, wo die Schweiz 1847 zum Liberalismus kippte, wo der Torf einen ganzen Kampfjet verschluckte und wo ausserdem Schweizer Pornogeschichte geschrieben wurde? Ortstermine in Eschenbach, Schänis, Amden und Gommiswald.

Sumpfig, umkämpft, gesellschaftsliberale Blitzlichter: geheimnisvolles See- und Gasterland. (Bild: hrt)

«Hast du Angst vor Schlangen?», fragt Ivo Kuster und verschwindet im Gebüsch. Ringelnattern stellen hier manchmal den Fröschen nach. Möglicherweise meint der Sozialarbeiter mit den Schlangen aber auch ein bisschen den Eschenbacher Baufilz, der sich seiner Ansicht nach ohne Rücksicht auf Mensch und Umwelt an den Bodenschätzen bereichert.

Mehr Ökoaktivist denn SP-Politiker, windet sich der 42-Jährige flink durchs Unterholz. An unnatürlich brüchigen Stellen im Fels ist erkennbar, dass hier noch vor wenigen Jahrzehnten Sandstein abgebaut wurde. Mittlerweile ist vieles überwuchert. Die verwunschene Gegend erinnert entfernt an eine versunkene Maya-Stätte.

Unser Ziel ist der hintere Amphibientümpel im waldigen Weierriet, keine 200 Meter Luftlinie vom Nordufer des Obersees entfernt. Im trüben Wasser quakt es unentwegt. Das 10 mal 30 Meter grosse und 20 Meter tiefe Abbauloch auf Schmerkner Boden hat sich mit Wasser und Leben gefüllt. Kuster, in der Jungwacht Quasi genannt, hat in diesem unwegsamen Gelände unzählige Jugendstunden verbracht und kommt heute oft mit seinen beiden Kindern hierher.

Seit dem Mittelalter wurde im Weierriet Sandstein ausgemeisselt und durch Einkerbungen im Gelände zum See hinunter geschleift. Der sogenannte Bollinger-Sandstein wurde in der St.Galler Kathedrale und im Bundeshaus in Bern verbaut. Im 20. Jahrhundert hat die Zahl der Steinbrüche massiv abgenommen.

Sozialarbeiter und Umweltaktivist Ivo Kuster hinter einer Schrämmaschine bei einem der letzten Abbaugebiete von Bollinger-Sandstein bei Eschenbach. (Bild: hrt)

Sorgen um Natur und Lebensqualität in der Region machen Kuster aber nicht der Sandstein, sondern die Geschäfte mit den Böden und dem darin enthaltenen Kies. Er und eine Handvoll weitere Verwegene haben den Kampf gegen neue Abbaugebiete und Deponiepläne und gegen lokale Baufürsten und bauwirtschaftsfreundliche Behörden aufgenommen.

Jährlich werden 24ʼ000 zusätzliche LKW-Fahrten durch Eschenbach befürchtet. Davon profitieren werden in erster Linie die Baufirmen und Rapperswil-Jona als Grundbesitzerin, für die Standortgemeinde springt dann gerade noch ein Rappen pro Kubik raus. «Warum gelingt es Eschenbach nicht, am Kies angemessen mitzuverdienen, wie es in der gleichnamigen Gemeinde im Kanton Luzern möglich ist?», fragt Kuster.

Beim Kaffee in der Stube erzählt er, dass er sogar ein Stück Wald gekauft habe, um eine weitere Grube zu verhindern. Den Aktivismus bekam er in die Wiege gelegt. Schon sein Vater hatte sich einst an einer denkwürdigen Gemeindeversammlung mit den Dorfoberen angelegt. Doch diese kanzelten den Votanten ab und stellten ihn vor versammelter Gemeinde bloss. Vater habe danach geschworen, sich nie mehr an diesem demokratischen Trauerspiel zu beteiligen.

Lastwagen fahren schon heute regelmässig durch Eschenbach. (Bild: Ivo Kuster)

Kusters Engagement gleicht oft einem Kampf gegen Windmühlen, aber Aufgeben kommt nicht in Frage. «Unsere Kinder sollen nicht im Lastwagenqualm ersticken», findet Kuster und schenkt nochmals Kaffee aus der Bialetti nach.

Lebensretter aus dem Dönerzentrum

Mitten im Dorf, nur 20 Meter neben Kusters Haus, betreibt der 44-jährige Sait Mutlu eine Dönerbude. Im Zuge des allgemeinen Beizensterbens hat sich das «Zeugma», benannt nach einer antiken Stadt an der heutigen türkisch-syrischen Grenze, zum wichtigsten Treffpunkt der Gemeinde gemausert. Gibt es in Eschenbach ein Sommerfest, steht das Festzelt vor dem Zeugma. Ländlermusik und Bauchtanz am selben Anlass: Das funktioniert hier ausgezeichnet.

Nicht nur die Dorfprominenz geht seit mittlerweile zehn Jahren ein und aus, auch regionale und nationale Politnummern wie Mike Egger, Lukas Reimann und Toni Brunner verkehren hier. Nur weil die SVP hier manchmal Anlässe durchführt, heisst das noch lange nicht, dass Sait ein Parteisympathisant wäre. Der Kurde nimmt sich vornehm zurück mit politischen Äusserungen, die die Schweiz betreffen. «Als Geschäftsmann sollte man nicht politisieren.»

Wofür sein politisches Herz schlägt, erfährt man, wenn er von den Kurdenverfolgungen in seiner alten Heimat erzählt. Sohn und Tochter, beides Teenager, will er mit solchen Dingen aber nicht belasten. Erst wenn sie von sich aus fragen, werde er reden. Es gebe genug Eltern, die ihre Kinder zu Hass und Intoleranz erzögen. Er selber sei kurdischer Alevit, seine Frau türkische Sunnitin, beide nicht praktizierend. Ihre Heirat sei weder für ihre noch für seine Familie je ein Problem gewesen. Dieses friedliche Miteinander will er seinem Nachwuchs vorleben.

An den Gartentischen vor Saits Bude hocken ein paar ältere Stammgäste in der Sonne beim Nachmittagsbier. Leicht vorzustellen, welche Gattung von Sprüchen geklopft werden. «Ich hatte hier noch nie Probleme wegen Rassismus», beschwichtigt Sait. Und wenn er doch einmal etwas aufschnappt, übergeht er es. Wichtig ist Sait, den Menschen stets offenherzig zu begegnen. Das habe sich seit seiner Flucht 1994 auf all seinen Stationen in der Schweiz – vor und ennet dem Ricken: Wattwil, Uznach, Schmerikon, Wildhaus, Eschenbach – immer bewährt.

Sait Mutlu vor dem «Zeugma» mit sportlich-verregneten Gästen, ein paar Tage nachdem Saiten zu Besuch war. (Bild: Ivo Kuster)

«Setz dich zu den Leuten an den Stammtisch, die schauen höchstens am Anfang blöd. Sie müssen einen nur kennenlernen. Das färbt dann auch auf ihr Bild der Nation ab, die man repräsentiert», ist Sait überzeugt und betont, auch Zugewanderte müssten ihre Integrationsleistung erbringen. Er selber ist mittlerweile im Gewerbeverband dabei, Sponsor der ersten Mannschaft des FC Eschenbach und Mitglied beim Motorfahrer Club Eschenbach, der in der Region Töffrennen organisiert.

Sait, der sich mit einem Fitness-Teller mit Köfte zum Gespräch setzt, lächelt zufrieden. Das Geschäft läuft, er fühlt sich daheim. «Wenn die Leute merken, dass man hart arbeitet, ist man hier sofort willkommen.» Sieben Jahre lang hatte das Zeugma sieben Tage die Woche offen, seit 2018 war am Montag geschlossen. Jetzt, nachdem das Ärgste der Pandemie überstanden ist, hat er auch montags wieder offen.

Sait arbeitet aber nicht nur fleissig, sondern rettet auch Leben. Diesen Frühling hat das Haus gegenüber gebrannt. Er und vier Stammgäste sind hingerannt. Noch vor Eintreffen der Feuerwehr hievten sie zwei Männer in den ersten Stock. Diese retteten ein betagtes Ehepaar, wenige Minuten bevor das Haus in Vollbrand stand. Der jüngere der beiden unscheinbaren Helden hat weder Arbeit noch Wohnung und war, obwohl Schweizer, in der Unterkunft für Flüchtlinge untergebracht. Jetzt ist er eine Gemeinde weiter gezogen.

Brandschaden in Eschenbach. (Bild: Ivo Kuster)

Blitze und Kriege von Rappi bis Weesen

Das Haus, das Anfang Mai brannte, war das Elternhaus von Marlen Müller, von 1990 bis 1992 Sängerin und Saxophonistin bei Baby Jail. «D’St.Galler stönd scho z’Rapperswil» heisst es im Refrain von Rapperswil ZH, einem Hit der kultigen Zürcher Fun-Punker. Oft missverstanden, war das natürlich kein Abwehrversuch gegen die befürchtete Bratwurstisierung der Limmat-Stadt, sondern die Adaption der Kaltkriegslogik auf die enge Schweiz, wonach das vermeintlich Böse immer aus dem Osten kommt. In den St.Galler Kantonsgebieten ennet dem Ricken beschreibt das bis heute die Gefühlslage.

Bei aufziehendem Gewitter verlassen wir Eschenbach und ziehen weiter südwärts vorbei an unzähligen «2x Nein»-Plakaten. Reist man die Linth hinauf und vom See- ins Gaster-Land, weht einem wortwörtlich ein militaristischer Wind entgegen. Das Wort «Gaster» leitet sich vom lateinischen «castrum» ab und meint eine römische Wehranlage. Ruinen solcher einfachen Wehrtürme gibt es auf dem Biberlichopf bei Schänis, die Stralegg am Amler Walenseeufer und Voremwald auf der anderen Seite des Sees auf Glarner Boden. Die etwa 15 v.Chr. erbauten Steintürme waren Teil der Sicherungs- und Sperranlage für den Augusteischen Alpenfeldzug, der Norditalien vor Überfällen keltischer und rätischer Alpenstämme schützen, im Wesentlichen aber die Eroberung Germaniens vorbereiten sollte.

Biberlichopf: Schweizerischer Beobachtungsposten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs auf antik-römischem Fundament. (Bild: hrt)

Der 89 Meter hohe 5G-Sendeturm auf dem Biberlichopf ist weitherum sichtbar. Keine 500 Meter südwestlich des Bahnhofs Ziegelbrücke führt zuerst ein Strässchen, dann ein kleiner Waldweg hinauf. Versteckt hinter ein paar Buchen befinden sich Teile der altrömischen Grundmauern, neun auf neun Meter, die von Schweizer Soldaten zur Zeit des Ersten Weltkriegs aufbetoniert wurden. Zu beobachten gibt es aber – heute wie vor 100 Jahren – höchstens noch Übungen einheimischer Truppen.

Herd gesprengt und Tiger versenkt

Ab den 1970er-Jahren fuhr die Schweizer Armee im castrum nostrum schweres Geschütz auf. Unweigerlich kommen einem wieder Baby Jail in den Sinn: «Automatisch unsympathisch, wer Soldat isch» (Albisgüetli-Marsch, 2014). Ab 1974 beschossen Panzerhaubitzen ab Tuggen, Benken und Schänis die Schänner Berge. Das Kanonenfeuer und nächtliche Verschiebungen der Panzerfahrzeuge rissen die Bevölkerung regelmässig aus dem Schlaf. Im Dezember 1986 verirrte sich eine der Leuchtgranaten, flog übers Speermassiv hinaus und durchs Gebälk der Toggenburger Bergbeiz Oberchäseren. Schaden nahmen aber bloss das Gebälk und der Herd.

Vom Herd in der «Oberchäseren» ist nach dem Granateneinschlag nicht mehr viel übrig. (Bild: pd)

In den 1990er-Jahren formierte sich im Linthgebiet Widerstand gegen das Haubitzenschiessen. 1998 teilte Bundesrat Adolf Ogi der Aktionsgruppe LILA dann mit, dass «grundsätzlich in der Linthebene nicht mehr geschossen werden darf».

Weiterhin beübt wird das Gebiet, obwohl mindestens so ungeschickt wie die Kameraden bei der Artillerie, durch die Luftwaffe und Patrouille Suisse. Am 4. Juli 1996, also vor ziemlich genau 25 Jahren, stürzte wenige Meter neben dem Spielplatz Forren in Schänis ein Tiger-Kampfjet ab und grub sich so tief in den weichen Torf, dass man ihn bis heute nicht bergen konnte. Bei einer Seitwärtsrolle betätigte sich unerwartet der Schleudersitz. Unbemannt flog die Maschine noch drei Kilometer weit gegen Schänis zu, bevor sie abstürzte. Der Pilot konnte kurz vor Weesen leicht verletzt geborgen werden. Ansonsten waren keine Personenschäden zu verzeichnen, mögliche Spätfolgen durch kerosinverseuchtes Grundwasser wurden noch nicht erwogen.

Das VBS hatte damit bereits den neunten Absturz einer Tiger-Maschine zu beklagen, von denen ab 1978 insgesamt 110 Stück angeschafft worden waren. Die Abstürze Numero 10 und 11 ereigneten sich 2016 bei einer Flugshow in Holland und im Mai dieses Jahres in Melchsee-Frutt, OW. Auch hier gab es zum Glück keine Todesopfer.

Schänis, die Wiege des Bundesstaats

Das Schänner «Tigerloch» füllte 1996 das mediale Sommerloch. Das herbeigeeilte Sammlervolk grub ebenso erfolglos nach Flugzeugteilen wie die Armee. Heute ist längst Gras über die Stelle gewachsen. Einige der wenigen gefundenen Wrackteile sind heute im hübsch aufgemachten Ortsmuseum Schänis ausgestellt.

Dort trifft sich Saiten mit Lea Giger. Die Betriebswirtschaftlerin mit Jahrgang 1992 unterhält sich lieber über Kultur und Mentalitäten als über das Militär. Sie ist Mediensprecherin des Vereins Kultur Schänis, Sängerin in der Glarner Big Band No Limits und im pop-rockigen Frederik Mannli Trio und ausserdem Präsidentin und erste Trompeterin der Gassä Tschäderer, der Schänner Guggenmusik. Die Fasnacht ist wohl der wichtigste Jahrestermin im kulturellen Dorfleben. Der mitgliederstärkste der insgesamt 70 Vereine der 3800-Seelengemeinde ist der Turnverein, dem Giger allerdings nicht angehört.

Aus der Gegend weggezogen hat es die 28-Jährige nie wirklich, auch wenn sie seit Corona die gesellschaftlichen Zentrifugalkräfte stärker wahrnimmt als auch schon. Warum diese Verbundenheit einer Frau, die sich zur gesellschaftlichen und politisch liberalen Minderheit zählt, mit diesem mehrheitlich konservativen Landstrich? «Mir gefällt es hier sehr gut. Obwohl ich mit der politischen Einstellung der Mehrheit nicht einverstanden bin, sind das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Herzlichkeit in der Bevölkerung gross. Mit dem Kulturverein, meinen Freunden und Familienmitgliedern verkehre ich in Kreisen, die für Toleranz und Offenheit stehen. Und die Natur hier ist einfach wunderschön.»

Lea Giger, Verantwortliche Kommunikation und Programm beim Verein Kultur Schänis. (Bild: pd)

Die Menschen in Schänis sind stolz auf ihren Hausberg, den Federispitz. Das sagenumwobene Federimannli, ein von Wald umgebener Felsabschnitt in Form eines Männleins mit ausgestreckten Armen, soll – zumindest für geübte Schänner-Augen – sogar von Zürich aus erkennbar sein. Am 1. August wird nicht der Schweizerpsalm, sondern die Schännerhymne gesungen.

«Wir sitzen hier im Linthgebiet nicht nur geografisch etwas zwischen Stuhl und Bank», sagt Giger. «Wir reden in einer Art Mischung aus Glarner- und Zürcher-Dialekt und gehören damit auch kulturell weder zu den einen noch zu den andern. Und St.Gallen, exgüsi, das findet man hier in der Regel halt nicht so geil, in den Ausgang gehen wir lieber nach Zürich.»

Die Franzosen haben das seinerzeit kapiert, als sie die helvetische Republik installiert haben. Aus dem See-Gaster-Land, dem Glarus, ein paar Brocken Schwyz, dem Sarganserland und anfangs auch dem Werdenberg wurde der Kanton Linth geformt, ein kulturell und wirtschaftlich einigermassen zusammenhängender Raum. Aber schon nach fünf Jahren war das republikanische Experiment wieder vorbei und See und Gaster wurden dem Kanton St.Gallen zugeschlagen.

Schänis, dessen Name sich vermutlich vom römischen Wort für «Sandbank» ableitet, befindet sich mitten in den Vorbereitungen zur Feier der urkundlichen Ersterwähnung 972 – ein 1050-Jahr-Jubiläum also. Lea Giger freut sich besonders auf das Theater, das die Gemeinde in Koproduktion mit dem Uzner Theaterverein Comedia Adebar plant. Es greift die historische Episode von 1847 auf, als an der Schänner Bezirksgemeinde das Schicksal des schweizerischen Bundesstaates besiegelt wurde. Der Legende nach haben die damals noch liberalen Schänner die Kirchturmuhr verstellt, sodass die Gesandtschaft aus dem konservativen Amden zu spät zur Kantonsratswahl erschien. So wurde aus dem bis anhin konservativen St.Gallen äusserst knapp ein liberaler Kanton, was auf eidgenössischer Ebene zu entsprechenden Mehrheiten und zur Zerschlagung des Sonderbundes führte.

Auf Amden, da gibts koa Sünd

Amden grollte lange. Aber so weit ab vom Schuss, dass nicht einmal die übende Artillerie ihre Visiere auf einen ausrichten mag, wird man halt selten erhört. Dafür trumpft das beschauliche Feriendorf ob dem Walensee gerade wegen seiner Abgeschiedenheit mit ganz anderen Reizen auf.

In den 1980er-Jahren besass ein Zürcher Filmverleih- Ehepaar im Ortsteil Arvenbüel ein grosses Chalet. Ein Anruf bei Madame verläuft freundlich, aber ergebnislos. Sie und ihr Mann haben mit diesem Kapitel längst abgeschlossen, die meisten der damals Beteiligten seien verstorben, das Haus sei längst verkauft und man selber mittlerweile in einem Alter, in dem man gewiss andere Sorgen habe.

Ergiebiger ist ein Artikel der Schweizer Filmzeitschrift «Cinema 51», in dem Daniel Stapfer den Spuren der Schweizer Sexfilmgeschichte zwischen Amden und Rümlang nachspürt. Nachdem 1979 Pornofilme in der Schweiz faktisch freigegeben wurden, entschied sich auch das Zürcher Verleiherpaar, ins Business einzusteigen. Eine Spezialität der Yvofilm AG waren Aufnahmen in freier Natur und gerne auch mal im Amler Wintersport-Schnee (z.B. Amours aux sports d’hivers, 1981).

Ankunft im Amler Chalet: Filmstill aus Amour aux sports d’hivers von 1981 mit Starlet Olinka Hardiman. (Bild: pd)

Den langen und straff organisierten Drehtagen habe oft auch etwas Familiäres angehaftet, weiss Stapfer zu berichten. So habe die Produzentin bei den Drehs die Crew persönlich bekocht. Das Ehepaar war im Wesentlichen für die Bereitstellung des technischen Equipments und der Locations verantwortlich. Cast und Crew blieben in der Regel gleich und wurden von Leuten um den französischen Pornokraten Francis Mischkind zusammengestellt.

Mit dem Aufkommen der VHS-Technologie kam es zum Preiszerfall im Pornobusiness, und so schloss das Zürcher Produzentenpaar dieses Kapitel bald wieder. Es folgten diverse familientauglichere Produktionen fürs Schweizer Fernsehen und für deutsche Privatsender.

«Bei Familien zieht vor allem die Badi»

Vor der Rückfahrt über den Ricken ein kurzer Zwischenhalt beim Gommiswalder Gemeindepräsidenten Peter Hüppi. Interessant genug, dass 2016 in einer ländlichen Region, die im Schnitt noch etwas konservativer tickt als der Rest des Kantons, ein Sozialdemokrat an die Spitze einer Gemeinde gewählt wird. Gelungen ist das auch, weil der offizielle Kandidat der Findungskommission, der Ortsgemeindepräsident Gommiswald Dorf, sich sofort aus dem Rennen nahm, als Hüppi seine wilde Kandidatur ankündigte.

«Ich bin nicht unbedingt ein Vorzeige-SPler», sagt der 50-Jährige. Aufgewachsen ist Hüppi in einer katholischen Bauernfamilie mitten im Dorf: acht Kühe, 13 Geschwister. Bis zu seinem Lehrantritt bei den SBB zum Kondukteur hatte er das Dorf nie richtig verlassen. Mit der Bahn eröffnete sich ihm die weite Welt, politisch geprägt wurde er in der Bahngewerkschaft. Vor seinem Amtsantritt war er zehn Jahre lang Präsident der Kirchgemeinde. Seit einem Jahr sitzt er im Kantonsrat.

 

Er politisiere pragmatisch, nicht ideologisch, sagt Hüppi. Der Spagat zwischen ländlich geprägten Wählerinteressen und linken Werten sei nicht immer einfach. «Man muss natürlich Kompromisse eingehen, sich selber aber immer treu bleiben.» Die Schännerin Lea Giger hat gesagt, die grösste Herausforderung für einen Gemeindepräsidenten auf dem Land sei es, den Fortschritt für die Bevölkerung so schmerzfrei wie möglich zu gestalten. Dem kann Hüppi beipflichten. Dasselbe gelte übrigens auch für die Katholische Kirche, die das Spirituelle zum Teil verloren habe. Erneuern, klar, aber wie?

Gommiswald boomt, Zuzüger aus dem Kanton Zürich finden hier noch erschwingliches Wohneigentum. «Bei den Familien zieht vor allem die Badi.» Steuertechnisch stehe man innerhalb des Kantons zwar gut da, aber gegen Schwyz habe man dennoch keine Chance. Hüppi glaubt nicht, dass der Kanton gewisse Regionen bewusst benachteilige, wie es im Kantonsrat oft zu hören ist. Aber im Zentrum geht die Peripherie halt gerne vergessen. «Eventuell müssten wir im See-Gaster unsere gemeinsamen politischen Interessen noch besser koordinieren.» Dass sich die Region für ein eidgenössisches Älpler- und Schwingfest im Glarnerland eingesetzt hat und damit gegen die Bewerbung fürs Breitfeld, ist für ihn alles andere als abwegig. Mollis liegt halt auch mental näher als die Gallenstadt im fernen Steinachtal.

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