, 4. Januar 2018
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Grantiges Pendeln

Aus dem Januarheft: Hässig-Kolumnistin Nadja Keusch über die Grundregeln des «angenehmen Pendelns» und die tägliche Tortur an den Bahnhöfen.

Nadja Keusch, fotografiert von Andri Bösch.

Ich bin Pendlerin. Jeden Morgen um sieben nehme ich den Zug von St.Gallen nach Uzwil. Die depressiven Gesichter frühmorgens lösen in mir eine wahnsinnige Vorfreude auf den Arbeitstag aus. Züge sind nun mal voll während der Rush Hour. Da hilft es auch nichts, wenn man extra die Tasche auf den Nebensitz legt, damit man bloss nicht in Körperkontakt kommt mit einer fremden Person. Ich will nicht fragen müssen «Isch do no frei?», wenn ich sehe, dass ein Gegenstand mehr Rechte auf einen Platz hat als ich. Und eure sehr schweizerischen Schnalzlaute, wie zum Beispiel das altbekannte «Tzzzz…», lösen in mir zwar Wutpotential aus, aber halten mich nicht davon ab, extra neben euch Platz zu nehmen für eine 20-minütige Zugfahrt.

Die Einöde in Uzwil verlasse ich erst um 17 Uhr wieder. Es ist ja schön und gut, dass der Bahnhof in St.Gallen renoviert wird, aber für mich als Pendlerin führt es täglich zu immensen Schüben von Agoraphobie. Grund dafür ist nicht nur die Angst vor der Menschenmasse, sondern viel eher die Angst vor all den St.Gallerinnen und St.Gallern, die die Grundregeln des «angenehmen Pendelns» nicht verstanden haben. So muss man zum Beispiel eine 70-jährige Rosmarie darauf aufmerksam machen, dass man zuerst die Menschen aussteigen lässt, bevor man einsteigt. Ist ja nicht so, dass sie über 50 Jahre lang Zeit gehabt hätte, diese kleinste aller Anstandsregeln zu üben. Oder die 17-jährige Jasmin aus dem Rheintal, die gerne direkt vor der Zugtür wartet, bis sie einsteigen kann, damit auch bloss niemand raus kommt.

Wenn ich es dann endlich aus dem Zug geschafft habe, nach mindestens drei Belehrungen, freu ich mich fast schon über die Red Bull trinkenden Teenies, die ihre potenziell sinnfreien Diskussionen auf der einzigen Treppe Richtung Freiheit führen. Ich weiss, es ist anstrengend, nach einem langen Tag noch viel überlegen zu müssen, aber das sollte allemal noch machbar sein.

Ahja, und dann gibts noch diese relativ neue Rolltreppe. Ich weiss, wir sind keine Grossstadt. Aber auch in einem kleinen Moloch kann man die Regel «Rechts stehen – links gehen» einhalten. Nachdem ich der Meute also knapp entfliehen konnte, muss ich noch einen Fünf-Franken-Einkaufsgutschein für das Bahnhofsareal von den Nebenjöbli-Studis ablehnen, bevor ich in den wohlverdienten Feierabend gleiten kann. Wer hat denn noch Bock auf ein Shoppingerlebnis am Bahnhof nach einer derartigen Tortur?

Nadia Keusch, 1994, arbeitet Vollzeit und beschäftigt sich in ihrer Freizeit gerne bei einem Glas Rotwein mit gesellschaftlichen Niedergängen. Sie plant gerne das Auswandern, zieht es aber nie durch. Sie lebt in St.Gallen und schreibt die Hässig-Kolumne in Saiten.

Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.

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