, 31. August 2015
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«Grapheocrates» am Werk?

Legt die St.Galler Kantonsbibliothek der wissenschaftlichen Forschung Hindernisse in den Weg? Ab morgen geht der Lesesaal am alten Vadiana-Standort zwar wieder auf – die Kritik verstummt dennoch nicht ganz.

Die gute Nachricht heisst: Der Lesesaal in der «alten» Vadiana an der Notkerstrasse (Bild oben) ist wieder zugänglich. Die Proteste gegen die Schliessung im März waren unüberhörbar, unter anderem schrieb in Saiten die Autorin Monika Slamanig dagegen an: «Wo gibt es noch öffentliche Räume, in denen Wildfremde jeden Alters und Fachinteresses gemeinsam in aller Stille vor sich hin brüten?»

Ihr Appell unter dem Titel Rettet den Lesesaal scheint gefruchtet zu haben. Jedenfalls ist ab morgen, dem 1. September der etwas kleinere, frühere Rara-Lesesaal wieder von Montag bis Freitag zugänglich zum Studium der Sammlungen, die an der Notkerstrasse ihr Domizil haben: alte Drucke, Nachlässe, Autografen, Fotografien, die Vadianische Sammlung der Ortsbürger oder Forschungsbestände des Zentrums für das Buch.

Was sonst aus den Räumen an der Notkerstrasse werden soll, die nach der Eröffnung des Hauptpost-Provisoriums unternutzt seien, wird die Regierung beantworten müssen – eine Anfrage von SP-Kantonsrat Max Lemmenmeier dazu ist hängig.

Kein Pardon für Schopenhauer

Die halb gute Nachricht heisst: Wissenschaftliches Arbeiten ist dank dem Rara-Lesesaal zwar wieder leichter möglich – aber immer noch erschwert gegenüber früher. Der Grund: Mit dem Zusammenschluss von Kantons- und Stadtbibliothek im Hauptpost-Provisorium fielen bisherige Benützer-Privilegien dahin, namentlich jene der Mitglieder der Gesellschaft Pro Vadiana. Sie konnten bis dahin Bücher zwei Monate (statt nur einen) ausleihen und Werke schon ab Erscheinungsjahr 1800 (statt 1900) beziehen, sofern dies konservatorisch vertretbar war.

Einer, der wegen dieser Verschlechterung «nach fast einem halben Jahrhundert Mitgliedschaft» aus der Gesellschaft Pro Vadiana ausgetreten ist, ist alt Stadtarchivar Ernst Ziegler. Er arbeitet seit seiner Pensionierung 2003 an der Herausgabe der Philosophischen Tagebücher von Arthur Schopenhauer – und begründet seinen Austritt in einem Brief an den Präsidenten der Gesellschaft, Fredy Brunner von Anfang August. Er könne neuerdings etwa Schopenhauers Hauptwerk «Die Welt als Wille und Vorstellung» in der Version von 1844 nicht mehr für längere Zeit nach Hause bekommen, obwohl es in zwei Exemplaren in der Vadiana existiere, schreibt Ziegler. Dasselbe gelte für andere Werke, darunter die «Annales des sciences naturelles» von 1824, die zuvor unbenutzt – nämlich noch unaufgeschnitten – in der Kantonsbibliothek gestanden hätten.

Zieglers bissige Kritik: Irgendein kantonaler «grapheocrates» (etwa: Bürokrat) habe eingegriffen, «ohne zu bedenken, dass dadurch Wissenschaft und Forschung gehindert werden.» Ziegler fragt, wem gedient sei, wenn diese nicht ausleihbaren Bände in den Regalen «für ewige Zeiten ruhen, anstatt sie Forschern zur Verfügung zu stellen, die mit einem bestimmten Band sozusagen täglich zu Hause, wo sie eben den ganzen wissenschaftlichen Apparat stehen haben, arbeiten müssen».

Komplexer Bücher-Mehrverkehr

Kantonsbibliothekarin Sonja Abun-Nasr kennt die Kritik. Hintergrund der Änderung sei die neue Benützungsordnung, die für die Hauptpost-Bibliothek nötig war und mit möglichst wenig Ausnahmen gelten sollte. Was die Jahrgänge betrifft, habe St.Gallen mit der Regel nachgezogen, die in den meisten Bibliotheken Usus sei und schon bisher für Nicht-Mitglieder galt: das Erscheinungsjahr 1900 als Grenze für Ausleihen.

Grundsätzlich sei ihr Anliegen klar: «Wir versuchen wissenschaftliches Arbeiten in jeder Hinsicht zu unterstützen.» Ebenso versuche man, das Stammhaus an der Notkerstrasse weiterhin möglichst offen zu halten. Aber die Vadiana müsse mit neu drei Standorten und dem entsprechend komplexen Bücher-«Mehrverkehr» zurechtkommen: der Hauptpost für Publikum und Ausleihe, der Notkerstrasse mit wissenschaftlichen Sammlungen sowie dem Bücherlager an der Schuppisstrasse am Stadtrand.

Insgesamt sei die Kantonsbibliothek heute dank der Hauptpost und der Wiedereröffnung des Lesesaals publikumsfreundlicher geworden, ist die neue Leiterin überzeugt – aber ohne zusätzliches Personal sei es schwierig, alle Wünsche nach optimalem Zugang zu erfüllen. Und zugleich den Büchern im Besitz des Kantons den nötigen Schutz zu geben.

biblio_1Teilungsprobleme

Die Geschichte zeigt: Das Provisorium Hauptpost (im Bild: Goldbücher über dem Eingang) beschert nicht nur der Stadtbibliothek ein Teilungsproblem – jenes vieldiskutierte zwischen Kinderabteilung in StKatharinen und Erwachsenenbibliothek in der Hauptpost. Auch die Kantonsbibliothek hat ein solches Problem: zwischen Publikums- und Forschungs-Bibliothek.

 

Möglicherweise liesse es sich mit mehr Kulanz lindern, bis dereinst die «perfekte endgültige Bibliothek in der Hauptpost» (Abun-Nasr) steht. «Ich finde, Bücher müssen für die Leser da sein», sagt Ziegler.

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