, 30. Januar 2017
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Gratwanderer mit Leidenschaft

Herbert Maeder hat Landschaft und Menschen fotografiert – und die Landschaft zugleich gegen die Zerstörungskraft des Menschen verteidigt. Jetzt ist der Fotograf und Greina-Retter 86jährig in Rehetobel gestorben. Ein Nachruf von Hanspeter Spoerri.

Spalagrat, 1975 (Alle Bilder: Kantonbibliothek Appenzell Ausserrhoden © Herbert Maeder, Fotograf)

Manchmal wird Mutigen vorgeworfen, sie seien feige. Das ist auch Herbert Maeder hin und wieder passiert. Der Fotograf und frühere Nationalrat von Appenzell Ausserrhoden, der am 23. Januar in Rehetobel im Alter von 86 Jahren gestorben ist, war in jeder Beziehung mutig: Als Bergsteiger und Bergfotograf, der nach spektakulären Zielen strebte, stundenlang an exponierten Lagen ausharrte, um den richtigen Moment für das dramatische Bild abzuwarten; als freischaffender Fotojournalist und Buchautor ohne gesichertes Einkommen, der eine Familie zu ernähren hatte; als parteiloser Naturschützer und Linker, der 1983 für den Nationalrat kandidierte, vermeintlich ohne die geringste Aussicht auf einen Wahlerfolg.

Er traf den Nerv der Zeit im liberalen Ausserrhoden

Gewählt wurde er wegen seines Muts, sich zu exponieren, und wegen seines Talents als Erzähler. In allen Ausserrhoder Dörfern suchte er als Wahlkämpfer in kleinen und kleinsten Sääli den Kontakt zu Wählerinnen und Wählern. Von Bergtouren und Reisen berichtete er, von den einfachen Leuten, denen er im Ausland und rund um den Alpstein begegnete. Und zwischendurch beschrieb er in eindringlichem Ton die Zersiedelung der Landschaft, die schleichende Vergiftung der Natur, die Zerstörung der Existenzgrundlagen von Bevölkerungsteilen, die für einen fragwürdig werdenden Fortschritt geopfert wurden. Er traf damals den Nerv der Zeit im liberalen Ausserrhoden, konnte die Notwendigkeit einer politischen und ökonomischen Umkehr aufzeigen.

Herbert Maeder wurde nicht gewählt, weil er Ansichten vertrat, die damals als radikal galten, sondern weil er diese Ansichten gut begründen und mit Erzählungen fassbar machen konnte. Und weil er zwei gegensätzliche Charakterzüge vereinte: Einerseits war er ein Kämpferherz, geprägt von einer gewissen Unerbittlichkeit; anderseits war er leutselig, pflegte auch Freundschaften mit politischen Gegnern. Immer wieder fand er Unterstützung auch im liberalen und konservativen Lager. Mit einer SVP in der heutigen Form hatte er sich noch nicht auseinanderzusetzen, dafür aber mit der Denkweise des kalten Krieges. Er widersetzte sich den politischen Dogmen jener Zeit – und genau deshalb erklärten ihn manche für feige: weil er sich nicht in die Schlachtordnung einfügte, so, wie er sich überhaupt allen Konventionen des Parlamentsbetriebs widersetzte. «Gratwanderer, Gratkletterer bin ich seit Jahren mit Leidenschaft. Eine Gratwanderung ist auch das Politikerleben», stellte er damals fest.

Herbert Maeder wird für immer in Erinnerung bleiben als der Mann, der die Erhaltenswürdigkeit der Greina-Hochebene mit poetischen Landschaftsbildern sichtbar gemacht hatte, als Politiker, der half, eine Lösung zu finden, um Berggemeinden zu entschädigen, wenn sie auf die Wasserkraftnutzung zugunsten des Landschaftsschutzes verzichteten.

Nachstehend eine Auswahl von Fotografien von Herbert Maeder, mehrheitlich aus den frühen Jahren: Auf dem Gipfel des Piz Bernina, 1948 – General Motors, 1954 – Nachtasyl im Bahnhof Salzburg 1957 – Eröffnung der Migros Wil 1958 – Schule in Kamdesh, Afghanistan 1969 – Marschvorbereitungen, Afghanistan 1971 – Familie Furgler 1972 – Alpdislokation, 1978.

Seine Aufnahmen zeigen das Schöne, aber auch das Bedrohte

Herbert Maeder, geboren am 3. Februar 1930 in Rorschach, als Drogistensohn in Wil aufgewachsen, absolvierte nach der Drogistenlehre 1952 die Fotoklasse der Kunstgewerbeschule in Vevey. Das fotografische Handwerk hat er sich aber weitgehend autodidaktisch angeeignet. Seit 1953 war er als freischaffender Fotograf tätig, zahlreiche Buchpublikationen dokumentieren sein Schaffen.

Herbert Maeders Lebenswerk ist ein riesiger Bilderschatz, der heute in der Kantonsbibliothek Trogen lagert – meisterhaft komponierte Fotografien, die wie Gemälde wirken und zugleich perfekte Zeitdokumente sind: Alpstein und Appenzellerland, Hochgebirge, Bilder aus der Arbeitswelt, Bauern-, Sticker- und Arbeiterfamilien, Afghanistan, Malediven (ein Beitrag zur dokumentarischen Fotografie von Herbert Maeder findet sich in den Appenzellischen Jahrbüchern 2006, elektronisch hier).

Herbert Maeder zeigte nicht nur das Schöne, sondern vor allem auch das Fragile, Bedrohte. Er war ein Aufklärer mit poetischem Blick. Seine letzte Ausstellung vor drei Jahren in der Galerie Tolle in Rehetobel bestand nur aus Familienbildern, vor allem Aufnahmen von Kindheit und Jugend seiner Tochter Sabina – auf den ersten Blick unspektakuläre Bilder , aber auch sie offenbarten das Können des grossen Fotografen, das ihm Wesentliche.

Ein Starfotograf wollte Herbert Maeder nicht sein, dafür war er zu bescheiden. Aber er schuf mit seinen Bildern unzählige kleine Denkmäler, Denk- und Gedenkhilfen mit einer politischen Dimension. Bei ihm zählte der einzelne Mensch; nicht die grosse Geschichte, sondern die kleinen Geschichten jener, die die grosse Geschichte erleiden.

Herbert Maeder: Seilschaft am Matterhorn, 1981.

1 Kommentar zu Gratwanderer mit Leidenschaft

  • Beat Furrer sagt:

    Ich durfte Herbert Maeder nur wenige Male begegnen. Doch diese kurzen Momente haben genügt, mich so zu inspirieren und zu ermutigen, dass es mir gelungen ist, in meinem kleinen Kreise so viele Träume zu leben, was ich nie für möglich gehalten hätte! Geprägt und dankbar bleibt Herbert Maeder tief in mir erhalten.

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