Wie alle gleich gesinnten Gallenstädter und Pfahlbauergenossen war ich in den ersten Märztagen komplett aus dem Häuschen: Wir hatten alle Abstimmungen und Wahlen haushoch gewonnen und feierten mit vielen zugereisten Gästen den unglaublichen neuen Schwung in der Ostrandzone.
Die sonst so gallige Bevölkerung war ausser Rand und Band, Alt und Jung überbordete bei zunehmend sommerlichen Temperaturen in den Gassen weit über die erlaubten Formen und Zeiten hinaus, und Tausende Studenten füllten die Konzertsäle, Theaterlokale und Innenstadtkinos, von denen man zwei eiligst wiedereröffnet hatte. Und das alles war noch weit vor den europaweit beachteten Jubiläumsfeierlichkeiten der sogenannten Slam-Metropole. Juhee!
Dann kam der jähe Absturz, jedenfalls mein persönlicher. Mitten in diese Euphorie platzte nämlich ein fürchterlicher Befehl: die alljährliche unmissverständliche Aufforderung unserer Sippe, an unserem Südsitz am öden Langen See hinter den Bergen an den fälligen Gartenarbeitstagen teilzunehmen. Ich wusste, dass es kein Entkommen gab: Zwei Cousins, die der Gärtnerei vor Jahren einmal unentschuldigt ferngeblieben waren, hatte die Verwandtschaft mit Schimpf und Schande mit kompletter Konkaktsperre und sowieso jeglicher Entrechtung und Enterbung bestraft. Für immer.
Flucht in die Berge?
So sass ich am nächsten Morgen zu früher Stunde im vermaledeiten Voralpenexpress und nuschelte missmutig an dessen blöden Vorhängchen herum, die Zugroute via Hasskäffer wie Wollerau und Rothenthurm permanent verfluchend. In Arth-Goldau stieg Braunauge zu, auch sie hässig wie sonst nie, aber auch sie ohne Chance, sich der Schufterei in freier Natur zu entziehen. Wir sprachen kaum, und wenn, dann doch noch über allfällige Fluchtmöglichkeiten. Zuletzt in Pino Tronzano, also kurz vor dem Lago-Örtchen, das hier trotzig verschwiegen werden soll, wollten wir aus dem Zug springen und uns in die bewaldeten Hügel des Niemandsgrenzland schlagen.
Im Lagokaff war alles wie erwartet: todernst und brutal streng, die üblichen Verdächtigen inkl. böser Cousinen und Onkels. Nach grussloser Begrüssung mit einem kalten, dünnen Es- presso gings schon an die Arbeit. Mit Gartenscheren, Astkluppern, Fingerzwackern, Handsägen und elektrischen Zaunrasierapparaten bearbeiten wir im dreckigen Dutzend das wuchernde Kraut aller Art. Vor uns die himmeltraurige Aussicht über einen grau schimmernden See, der vermutlich irgendwo in der Wüste Sahara endete. Dazu brannte eine italienische Sonne unbarmherzig auf die letzten Schneehäufchen, die erbärmlich vor sich hinschmolzen.
Die Liste des Horrors
Obwohl uns schon nach wenigen Stunden alles wehtat, vom Nacken bis ins Handgelenk und sowieso Schultern und alle Muskeln und Nichtmuskeln, ging das den ganzen Tag und noch einen, und dann noch einen; wir füllten Lastwagen um Lastwagen mit dem üblen Grünzeug, ohne dass wir irgendwelche Resultate sahen. Wie das Zeugs alles hiess? Keine Ahnung, aber in meinem Overall fand ich später eine Liste, die irgendwelche Grünfingerzwerge mal erstellt hatten, vermutlich die gleichen, die das Wucherkraut einst gepflanzt hatten.
Also, die Liste des Horrors liest sich so, in ganzer Länge, wie es heisst «im Uhrzeigersinn von links unten vor der Terrasse» einmal ums Gelände rum, wenns denn stimmt: Rose rot, Zitrone, Oleander rot, Melograno (Granatapfel), Kamelia, Gardenia weiss, Oleander weiss, Azalea rosa, Cornus Hartriegel, Azalea rot, Oleander rot, Pitosporo weiss (Hagstrauch), Palmen (zwei grosse und etwa 147 kleine und ganz kleine), zweiter Oleander rot, Kumquat, weitere Azalea, Rose gelb, Hibiscus, Agapanthus (Schnittlauchblume), Lavendel, Federahorn, Gelso (Maulbeerbaum), Feige, Ginster rot, Oleander 3 + 4, Pitosporo (Bäumchen), Jasmin dunkelrosa, Jasmin weiss (Gelsomino), Azalea feuerrot, Hibiscus rosa, Zypressen (drei, toskanische), Rosmarin, Salbei, Kalistemon (Zylinderputzer), Feuerazalea, Hibis- cus weiss, Traube (Americana), Mandelbaum, Palmen (Insel, drei bis fünf), Aprikosenbaum, Pfirsichbaum, Melograno Nano (kleiner Granatapfel), Myrte weiss, Erdbeerstrauch, Corbezzolo (Medrono, portugiesisch), Traube weiss, Eiche (Quercia Adriana), Nespolobaum, Feige (alt), Olivenbaum, Oleander lachsfarbig.
Hat uns alles noch gefehlt, speziell der lachsfarbige Oleander. Wir waren so erledigt wie ein verdammter portugiesischer Zylinderputzer. Und als ob die Schufterei der Qualen nicht genug gewesen wäre, mussten wir mittags und abends auch noch den üblen Frass der Verwandtschaft über uns ergehen lassen. Beispielsweise gab es Bistecca alla fiorentina, primitiv über dem offenen Feuer gegrillt, ein zäher Klumpen Fleisch, pfui Teufel, dazu rosmaringepimpte Bratkartoffeln, feuchte Salate und noch schlapperes Peperonigemüse, alles in Olivenöl ertrunken. Der billige Rotwein, den wir literweise in uns leerten, konnte da nichts mehr helfen.
Schlimm waren die Nachwehen, schlimmst möglich die Heimreise: Bei der Ankunft in der Gallenstadt tobte noch immer der Bär, fröhlichstes Volk überall, alles tanzte und johlte, voll gestopft mit feinsten Bratwürsten. Ich zog die Fellmütze tief unter die Stirn und rannte sofort nach Hause, um ja niemandem zu begegnen, der mir fies grinsend erzählt hätte, was ich alles verpasst hatte.
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