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Grosny brennt noch immer

Auch Jahre nach dem Krieg ist Tschetschenien im Ausnahmezustand: Der Filmemacher Nicola Bellucci dokumentiert in Grozny Blues mit riskanten Recherchen das Leben der Zivilbevölkerung, die unter Staatsterror und religiösem Fanatismus leidet.
Von  Urs-Peter Zwingli
Personenkult: Porträts von Putin (links) und Kadyrow hängen in Grosnys Strassen. (Bild: cineworx)

«Grosny brennt seit 1994», sagt ein junger Mann gegen Ende des Dokumentarfilms Grozny Blues. «Aber irgendwie schaffen wir es doch, zu überleben.»

Die Tschetschenien-Kriege der 90er- und 00er-Jahre sind zwar vorbei und von der Welt vergessen, doch in der russischen Republik zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer herrscht nur oberflächlich Frieden: Präsident Ramsan Kadyrow nimmt es mit den Menschenrechten nicht so genau und herrscht mit harter Hand. Aktivisten werfen seinen Sicherheitskräften Entführungen, Folter und Morde vor. Ausserdem fördert Kadyrow einen archaischen Islam: Frauen werden zur Verschleierung gezwungen, Zwangsheiraten werden toleriert.

Gleichzeitig hofiert Kadyrow dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, der Tschetschenien als Oberbefehlshaber 1999 brutal überrollt und Grosny dem Erdboden gleichgemacht hatte: Rund 160’000 Tote, darunter viele Zivilisten, haben die beiden Kriege gefordert.

Heute hängt Tschetschenien am finanziellen Tropf Russlands – und mit diesem Geld werden in Grosny glänzende Fassaden hochgezogen, um die Kriegsruinen vergessen zu machen.

Eine absurde Situation, mehr noch eine Demütigung für die Tschetschenen, die jahrzehntelang für ihre Unabhängigkeit gekämpft hatten und dabei auch zu massiven terroristischen Mitteln griffen: In Erinnerung bleibt der Welt die Geiselnahme in einer Schule in Beslan, bei der über 300 Geiseln, viele davon Kinder, starben.

Der Trailer zum Film:

In ständiger Angst gefilmt

Der Film des italienischen Regisseurs Nicola Bellucci zeichnet die Situation Tschetscheniens anhand der Schicksale einzelner Bewohner nach: Er folgt drei Frauen, die in Tschetschenien für die Einhaltung der Menschenrechte kämpfen. Sie treffen sich mit Müttern, deren Söhne entführt wurden, wohl von Schergen des Staates. Sie führen Interviews mit Betroffenen und dokumentieren alles mit einer Videokamera.

Die Frauen, die diese Verbrechen protokollieren, riskieren dabei ihre eigene Sicherheit – und das seit Jahren: Bereits während der beiden Kriege von 1994-97 und 1999-2008 dokumentierten sie in Tschetschenien mit teils versteckter Kamera die Greueltaten russischer Truppen. Ein Underground-NGO, dessen Mitarbeiterinnen zum Teil das Land verlassen mussten.

Auch Regisseur Bellucci, der in den vergangenen Jahren mehrfach nach Tschetschenien gereist ist, filmte ohne Bewilligung und in «ständiger Angst», wie er sagt.

Geschickt verwebt Bellucci sein aktuelles Filmmaterial mit jenem der Frauen: Bei einer Autofahrt durch das neue Grosny filmt er protzige Wolkenkratzer und schneidet übergangslos in körnige Amateuraufnahmen über, die ausgebombte Kriegsruinen am gleichen Ort zeigen. Bellucci hält sich im Hintergrund, kommentiert nicht aus dem Off oder direkt im Film. So verdichten sich die Aussagen der porträtierten Menschen erst nach und nach zu einem Bild eines Landes, in dem die Tschetschenen zähneknirschend unter ihren Herrschern leben.

Unabhängigkeitsdrang äussern sie kaum; zu drängend sind die Alltagssorgen und die Angst vor Repressionen. Dazu passt der Personenkult um Putin und Kadyrow: Wie Beobachter hängen deren Porträts prominent in der Stadt.

Westliche Musik im Untergrund

Etwas Vergessen bietet wie so oft die Musik: Bellucci zeigt das widerspenstige Leben in einem Bluesclub – der einzige Ort Grosnys, an dem westliche Musik noch live gespielt wird. «Aber bald gebe ich auf und verkaufe hier alles», sagt der Besitzer resigniert.

Am Tisch nebenan erzählt eine junge, talentierte Sängerin, dass sie leider am Abend nicht auftreten könne: Ihr Vater erlaube ihr nicht, nach 17 Uhr alleine draussen zu sein.

Aus unzähligen solcher kleiner Geschichten entsteht in Grozny Blues das Bild einer Gesellschaft, die zwischen Angst und Lebensfreude hin- und herschlittert, in der vieles Schein und noch mehr Tabu ist. Der westliche Zuschauer, der Tschetschenien vor dem Film längst vergessen hatte, ahnt: Diese Ruhe in der kleinen Republik im Nordkaukasus hält nicht für ewig.

 

Premiere im Kinok St.Gallen am Sonntag, 3. April, um 17.30 Uhr in Anwesenheit von Regisseur Nicola Bellucci.

Dieser Text erschien im Aprilheft von Saiten.

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