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Gross-St.Fiden

Wie weiter mit dem «Planierischen Intensivgebiet» (PIG) im Osten der Stadt? St.Fiden braucht eine neue Mitte, sagt Peter Stahlberger. Sein Kommentar aus dem Novemberheft.
Von  Gastbeitrag

Kein traditionelles St.Galler Stadtquartier hat im 20. Jahrhundert eine so tiefgreifende Veränderung erfahren wie St.Fiden. Eine Veränderung? Nein, gleich zweimal wurde hier fundamental – man kann auch sagen brutal – in Verkehrs- und Nachbarschaftsbeziehungen eingegriffen: zuerst ab 1908 mit der Überwölbung der Steinach, der Erweiterung des Bahnareals und der entsprechenden Anpassung des Strassennetzes; dann ab 1980 mit dem Abbruch von Häusern, dem Kappen von Strassenverbindungen und dem Hinklotzen der Splügenbrücke im Zuge des Autobahnbaus.

Nun zeichnet sich ein dritter grosser Veränderungsschub ab. Und wieder betrifft er das Gebiet beim oder über dem Bahnhof. Das eröffnet eine doppelte Chance. Einerseits lassen sich so die Wunden der autobahnbedingten Eingriffe vielleicht etwas heilen. Anderseits könnte an die Umgestaltung in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, ja überhaupt an die städtebaulichen Ideen jener Zeit angeknüpft werden.

Arm, aber sexy

Das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhundert war die grösste Boomphase der St.Galler Stadtgeschichte. Dank der Stickereiblüte und dem dadurch ausgelösten Wirtschaftsaufschwung stieg die Bevölkerungszahl zwischen 1900 und 1910 von gut 53ʼ000 auf über 75ʼ000 (+40 Prozent). Und besonders stark wuchs in dieser Spanne die damals noch selbständige, östlich an die Kernstadt angrenzende Gemeinde Tablat: von rund 12ʼ600 auf 22ʼ300 Personen (+77 Prozent).

Das bisher ländlich geprägte Tablat erhielt dadurch ein weitgehend neues Gesicht. Im Talboden beidseits der Steinach entstanden dicht bebaute, hohe Ausländeranteile aufweisende Quartiere. Etwas erhöht, insbesondere entlang der Rorschacher Strasse und im Heiligkreuz, gab sich der Ort mit repräsentativen Blockrandbebauungen gar so urban, dass der damalige Gemeindeingenieur den Warnfinger erhob: Tablat solle nicht zum «Aussersihl von St.Gallen» werden.

Ähnlich grosszügig antwortete die Gemeinde auf den Ausbau der ehemaligen «Station» St.Fiden zum Verkehrsknoten. Bei der Festlegung der Strassen vom und zum Bahnhof bezog sie den Raum zwischen Rorschacher Strasse und Langgasse, ja bis zum Neudorf ins Perimetergebiet ein; und zur Erleichterung der Verbindungen zwischen den einzelnen Gemeindeteilen errichtete sie um 1910 nicht weniger als vier Brücken (alte Splügenbrücke, Passerelle, Spinnereibrücke, Lukasbrücke).

Grosszügigkeit, überhaupt! Von Tablat – damals arm, aber sexy wie das heutige Berlin – ging 1900 die Idee zur Verschmelzung der Gemeinde mit den Nachbarn St.Gallen und Straubenzell aus. «Gross-St.Gallen» nannte man das Gebilde, das 1918 dann endlich Realität wurde. Gemeint aber war damit nicht nur die bevölkerungs- und gebietsmässige Erweiterung. Was mitschwang, war Weitsicht, Zuversicht, Stolz.

Neue Mitte

Und jetzt, da der Bahnhof St.Fiden und seine Umgebung erneut ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken? Als PIG, als Planerisches Intensivgebiet stuft der städtische Richtplan von 2012 das Areal ein. Es eigne sich «sowohl für private als auch öffentliche Nutzungen mit urbanem Charakter und hoher Dichte», heisst es dazu erläuternd. Zu prüfen sei ausserdem eine Teilüberdeckung der Gleisanlagen, mit der sich «eine grossflächige Erweiterung für urbanes Wohnen und/oder Arbeiten» erreichen liesse.

Daraus kann bei kluger Umsetzung etwas werden. Nötig wäre vor allem die Schaffung einer neuen Mitte, nachdem der Autobahnbau fast alle einst «natürlichen» Treffpunkte – Kirche, Schulhaus, Bahnhof – irgendwie ins Abseits gestellt hat. Damit diese Mitte auch wirklich lebt, müsste sie zwingend Wohnsiedlungen umfassen: warum nicht wieder solche in der Art von Hofrandbebauungen, warum – bei dieser Lage – nicht autofreie? Und schliesslich ginge es um die Neueröffnung der heute unterbrochenen Ost-West- Beziehungen im Talgrund. Das wiederum würde die Erweiterung des PIG-Perimeters bis zur Lukasmühle beziehungsweise zum Schellenacker voraussetzen. Gross- St.Fiden eben!

Gratis ist das selbstverständlich nicht zu haben. Doch das war es schon vor hundert Jahren nicht. Die damaligen Strassen- und Brückenbauten kosteten insgesamt fast 2,3 Millionen Franken, wovon die Gemeinde Tablat gut 1,4 Millionen zu übernehmen hatte – und das bei einem Umfang der Laufenden Rechnung von 700ʼ000 bis 800ʼ000 Franken pro Jahr. Zum Vergleich: Die Laufende Rechnung der Stadt St.Gallen hat 2014 ein Volumen von gut 550 Millionen.

 

likagross

 

Peter Stahlberger, Jahrgang 1945, ist Historiker und Publizist. Zu St.Fiden sind von ihm zuletzt erschienen: Mitten am Rand. Das «Fidesgärtli» – ein Stück St.Galler Sozialgeschichte (2011) sowie: St.Galler Unvollendete. Brandmauern im Osten der Stadt (In: Gallus-Stadt 2014).

Bild: Lika Nüssli

 

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