, 29. April 2014
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Grüezi Frau Gemeindeammann?

Im Thurgau gibt es noch immer den Gemeindeammann – egal ob männlich oder weiblich. Künftig sollen aber auch hier Herr oder Frau Gemeindepräsident/in das Sagen haben. Das geschlechtliche Unikum «Frau Gemeindeammann» kennt danach nur noch der Aargau.

Motionärin Ex-Gemeindeammann Silvia Schwyter.

Motionärin Ex-Gemeindeammann Silvia Schwyter.

Die begriffliche Gleichstellung der Geschlechter in der Gemeindeführung ist ein Anliegen der Kantonsregierung. Sie stellt dem Parlament Antrag auf «Änderung des Gesetzes über die Gemeinden».

Mittels Gemeindeammänner-Tuning soll Gender-Konformität geschaffen werden: Herr Gemeindepräsident, Frau Gemeindepräsidentin. Damit setzt die Regierung eine 2012 erheblich erklärte Motion der grünen Kantonsrätin Silvia Schwyter-Mäder um, die früher selbst das Amt des Gemeindeammanns in Sommeri ausgeübt hatte.

Relikt des Männermonopols in der Politik

Die Vorgeschichte ist lang: 1944 wird im Thurgau der Begriff «Gemeindeammann» für das Oberhaupt der damaligen Einheitsgemeinden (Orts- und Munizipalgemeinden) eingeführt. Beim Übergang zur modernen Politischen Gemeinden (1990) bleibt der «Gemeindeammann» als Relikt des Männermonopols erhalten, trotz Einführung des aktiven und passiven Frauenstimmrechts 19 Jahre zuvor.

Über die Einsargung des «Gemeindeammanns» wird im Thurgau erstmals 1993 diskutiert; erfolglos. Ein Jahr später ist in Bottighofen die erste Frau als «Frau Gemeindeammann» gewählt. Erneute Diskussion im Jahr 2000 über die Gender-Konformität des Amtstitels – doch der Anachronismus bleibt weiterhin erhalten. 2002 schaffen die Kantone St.Gallen und Solothurn den «Gemeindeammann» ab und führen den Herrn Gemeindepräsident und die Frau Gemeindepräsidentin ein.

Herren und Damen Gemeindeammänner

«Höchste Zeit, dass jetzt der Thurgau nachzieht», meint Kurt Baumann, Gemeindeammann in Sirnach und Präsident des Verbandes Thurgauer Gemeinden. In den 80 Thurgauer Gemeinden sind gegenwärtig elf Frauen als Gemeindeammänner tätig. Baumann freut’s: «Der Trend ist sogar steigend.» Der Verband habe keine Empfehlung ans Parlament herausgegeben, sagt Baumann, man nehme an, dass der Einführung der Bezeichnung Gemeindepräsident respektive Gemeindepräsidentin deutlich zugestimmt werde. «Für mich ist die jetzige Bezeichnung wirklich peinlich, denn ich muss meine Kolleginnen und Kollegen bei gemeinsamen Treffen immer als Herren und Damen Gemeindeammänner begrüssen.»

Baumann selbst führt auf seiner Visitenkarte schon längst den Titel «Gemeindepräsident». «Ich bin öfters im Kanton Zürich», sagt er. «Dort gibt es auch den Gemeindeammann, aber der ist nicht Vorsteher einer Gemeinde, sondern Vollzugsbeamter, beispielsweise Betreibungsbeamter. Damit will ich wirklich nicht verwechselt werden», lacht er.

Als 2012 über die Motion Schwyter-Mäder diskutiert wurde, plädierten in der Thurgauer Zeitung drei als Gemeindeammänner amtierende Frauen gegen die Einführung des Begriffs Gemeindepräsident/Gemeindepräsidentin. Sie sagten, dass aus Traditionsgründen der alte Begriff beibehalten werden solle. Er gehöre zum Thurgau wie die Äpfel.

Gemeindeammann Brigitte Kaufmann will eventuell das Referendum ergreifen.

Gemeindeammann Brigitte Kaufmann will eventuell das Referendum ergreifen.

Gemeindeammann Brigitte Kaufmann (FDP) Uttwil ist auch heute vehement gegen Gender-Konformität ihres Amtstitels. «Es ist ein schöner Begriff», sagt sie. Die Amtsbezeichnung stehe für Tradition und kulturelle Vielfalt. Mit der Abschaffung würde ein Stück Thurgauer Identität aufgegeben, sagt die Kantonszuzügerin. «Wenn der Begriff Gemeindeammann durch das Parlament abgeschafft wird, ergreife ich vielleicht das Referendum. Das lasse ich noch offen.»

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