, 11. März 2014
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Grün-weiss ist auch ein Tischtennistisch

Die Streetpingpong-Szene blüht überall – ausser in St. Gallen. Das könnte sich diesen Frühling doch ändern, findet Michel Kolb.

Was war das damals beim Umzug des Bundesverwaltungsgerichts nach St. Gallen doch für eine Posse: Nur wenig kaschierten die Angestellten ihre Unlust, in den peripheren Osten zu kommen. Es sei der lange Winter, heuchelten die Damen und Herren diplomatisch. Nichts für ungut, aber das Marzili und die Aare, die Tangolokale nicht zu vergessen, das alles sei ihnen unheimlich ans Herz gewachsen über die Jahre in Bern…

I wo, die wahren Gründe lagen ganz anders. Bei sich dachten sich ausnahmslos alle, die Sekretärin gleich wie der Raumpfleger: Föderalismus hin oder her, weder die grosszügigste aller Umzugsentschädigungen noch zehn Pferde bringen mich in diese vermaledeite Stadt ohne eine alternative Pingpongliga!

Ballergiker spoodet Smasheur und gewinnt 3:1

In PR-Kreisen würde wohl das Wort «Standortnachteil» die Runde machen, garniert vielleicht mit dem Adjektiv «gravierend». Doch was interessieren uns PR-Kreise, während wir uns mit einem kühlen Bier in der einen und einem mehr oder weniger schnittigen Schläger in der anderen Hand bereits einspielen für das Duell am Feierabend. Wir Menschen in der Restschweiz haben nämlich Verabredungen mit Fremden, treffen uns an steinernen Tischen mit metallenen Netzen, diesen weit gestreuten Monumenten der öffentlichen Hand, und machen einen «Spood». Das heisst so, weil wir uns über die Online-Plattform spood.me zusammen finden, bei der wir alle registriert sind.

So lernen wir bei sauberem Sport die Stadt und gute Menschen kennen – das alles draussen unter der Sonne. Wer gewinnt, kriegt ein paar Punkte dazu, wer verliert, purzelt in der Online-Rangliste ein paar Positionen runter – mitmachen können alle, es sei denn man war oder ist im Klub. Immer ausser bei Wind, Flut und Hagelschlag wird gespielt, beispielsweise auf der Claramatte in Basel, bei der Bäckeranlage in Züri oder bei uns in Winti auf dem 24-Stundentisch mit Flutlicht, «St. Georgen» heisst der. Sonst noch organisiert auf den Pingpongball dreschen kann man in Luzern, Bern, Zug und La Chaux-de-Fonds.

Aus der Gallusstadt in die weite Welt

Und jetzt kommts erst richtig dick: Idee und Homepage stammen von einem waschechten St. Galler. Tobias Stücheli lebt zwar seit Jahren im Exil in Luzern, doch er steht trotz allem zu seinen Wurzeln. Einst wollten er und Freunde die Sache gar richtig gross aufziehen, gaben ganz unschweizerisch ihre sicheren Jobs dafür auf. Tatsächlich ist die Idee bestechend gut: Extrem niederschwelliges Abmachen zu Pingpong, Petanque oder was-auch-immer mit Leuten in geographischer Nähe, dies alles ansprechend gestaltet – es könnte durchaus weltweit funktionieren.

Das tut es auch, so soll es laut Tobias in Vancouver ein paar Typen geben, die sich mittels der Seite zum Squash verabreden. Doch Mark Zuckerberg hat sie nie entdeckt, weshalb die Gründer nicht zu Milliardären wurden, und auch sonst sind verhältnismässig wenig Menschen darauf aufmerksam geworden – im Grunde nur eine Community, jene der Freizeit-Pingpongspieler eben.

Überall im Land stehen öffentliche Tische, es braucht keine Hallenreservation und nur zwei Spieler. Das müsste doch eigentlich auch in St. Gallen klappen!

Das hat sich natürlich auch Tobias Stücheli gedacht, immer wieder besuchte er seine Heimatstadt mit einer scharf umrissenen Mission. Ein paar Jünger nur müssten gewonnen werden, die den Ligabetrieb in der Gallusstadt fortan autark stemmen würden. An manchem Donnerstagabend machte er sich von Luzern aus auf in die Hallenbeiz der Grabenhalle, mischte sich in den Kreis der Rundlaufenden und versuchte sie charmant anzufixen für den tollen Freiluft-Racketsport. Aber das Volk im Osten gab sich misstrauisch, es konnte nicht recht glauben, dass ihm da nichts Unlauteres angedreht werden sollte.

Vielleicht diese Saison, liebe St. Gallerinnen und St. Galler?

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Jetzt wo ihr wisst, dass euch niemand Böses will und ihr nur gewinnen könnt? Zum Beispiel dicke Freundschaften, die erst noch das Alleinstellungsmerkmal aufweisen, dass man sich auch nach Jahren der Bekanntschaft noch mit dem Pseudonym des Spood-Accounts anspricht. Wo in der realen Welt gibt es das sonst?

Wir westlich von Bruggen würden uns jedenfalls freuen, wenn sich ein paar von euch an den stets gediegenen Turnieren blicken liessen und uns mit glänzenden Äuglein von den schier unbeschreiblichen Freuden der eigenen Liga berichten würden.

Michel Kolb hat Herisauer Wurzeln und St. Galler Vergangenheit, er spielt und lebt in Winterthur. Spoodaccount: Bartoli

Tobias Stücheli geht wie die anderen Pioniere wieder mehr oder minder bürgerlicher Lohnarbeit nach. Sein Eifer für das Spiel ist ungebrochen und seine Vorhand weit über die Zentralschweiz hinaus gefürchtet. Spoodaccount: sPing

Bilder: Andree Kaiser, Fotograf, spoodet in Basel und ist am Tisch nur schwer zu bezwingen. Die Bilder entstanden beim Saisonschlussturnier in der Aktienmühle Basel. Spoodaccount: Icke

Links:

www.spood.me / blog.spood.me
www.pingthing.ch / www.facebook.com/pingthing.ch

Nächster Rundlauf in der Grabenhalle: Do, 27. März

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