, 10. Mai 2019
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Gruppenbild mit Holocaust-Überlebenden

Das Historische und Völkerkundemuseum St.Gallen erinnert in zwei Ausstellungen an den Holocaust. Zur Eröffnung waren sechs KZ-Überlebende zu Gast und stellten sich dem Fotografen. Eine Bildbetrachtung von Peter Müller.

April 2019. Es sind Pensionierte, wie man sie in der Migros, im Zug oder im Konzert antrifft, und gleichzeitig Menschen mit einer ungeheuren Lebensgeschichte: Alle sechs haben den Holocaust überlebt. Sie haben sich im Foyer des Historischen und Völkerkundemuseums St.Gallen für ein Gruppenfoto aufgestellt. An diesem Abend eröffnet das Museum gleich zwei Ausstellungen: «Kinder im KZ Bergen-Belsen» und «The Last Swiss Holocaust Survivors». Die sechs sind die Ehrengäste, und allen kann man auch in den beiden Ausstellungen begegnen, als Zeitzeugen dieses unerhörten Menschheitsverbrechens.

Von links: Sigmund Baumöhl, Gabriella Bartholdi, Ladislaus Löb, Egon Holländer, Katharina Hardy und Ivan Lefkovits im Museumsfoyer. (Bild: Peter Müller)

Als Museumsmitarbeiter begegnete ich ihnen mit Neugier, Faszination und Respekt, aber auch mit Scheu, Unsicherheit und Beklemmung. Besonderen Eindruck machte mir das Alter dieser Leute, die alle in der Schweiz wohnen: Sie sind zum Teil gebrechlich, halten sich aber aufrecht, sind interessiert und engagiert – darum haben sie auch den Weg nach St.Gallen auf sich genommen.

Am jüngsten ist die Frau links. Sie wurde im August 1944 geboren, im KZ Bergen-Belsen, und hat das erst mit 14 Jahren erfahren. Ihre Eltern hatten es ihr verschwiegen – sie wollten mit der schrecklichen Vergangenheit nichts mehr zu tun haben, traten sogar vom Judentum zum Katholizismus über. Im Dezember 1944 waren sie mit der frischgeborenen Tochter für einige Tage in St.Gallen, in einer Schar von 1350 freigekauften Häftlingen aus dem KZ Bergen-Belsen. St.Gallen war die erste Station auf ihrem Weg in die Freiheit. Im selben Zug sass der Mann rechts von ihr, zusammen mit seinem Vater. Er war damals 11 Jahre alt. Und die andern drei Männer auf dem Foto kennen sich seit der Zeit im KZ Bergen-Belsen – sie verbindet eine jahrzehntelange Freundschaft.

Lange her – und doch nicht

Mir wird auf sehr konkrete, elementar-anschauliche Weise bewusst: Der Holocaust ist noch nicht wirklich lange her, da diese Menschen als Kinder oder Jugendliche dem Grauen entkommen konnten. Gleichzeitig ist der Holocaust schon sehr weit weg. Immer mehr Zeitzeuginnen und -zeugen sterben, womit eine wichtige Brücke zu ihm abbricht. Die Ausstellungseröffnung machte uns Nachgeborene selber zu Zeitzeugen dieser Zeitzeugen.

Und schon die Medienorientierung am Vormittag brachte die erste Begegnung mit Ivan Lefkovits, Jahrgang 1937 – auf dem Foto ganz rechts. Er erzählte von seinem Leben und führte durch die Ausstellung. Ich war beindruckt: Ivan Lefkovits ist ein ruhiger, kultivierter Herr, dem man das Alter nicht ansieht. Er sprach unaufgeregt, sachlich und überlegt. Und er hatte die Situation im Griff. Er wusste genau, was er sagen wollte und was nicht.

Ein besonderes Erlebnis nach der Vernissage war der Gang ins Restaurant Candela, zum Nachtessen. Ich hatte die Überlebenden und ihre Angehörigen dorthin zu leiten, und unser Weg führte mitten durch den St.Galler Frühlingsjahrmarkt. Wir legten den Weg munter plaudernd zurück, in gemächlichem Tempo. Ich gab spontan einige lokalhistorische Geschichten zum Besten, zum Beispiel über die Anfänge der HSG – das Gebäude der heutigen Kantonsschule am Brühl, an dem wir vorbeikamen. «Eine Szene für einen Roman oder Film», dachte ich zwei, drei Mal. «Da werde ich mich noch lange daran erinnern.»

Die künftigen Zeitzeugen

Alle sechs auf dem Foto haben ihre Geschichten schon oft erzählt, haben schon oft Fragen beantwortet. Mit ihren Erinnerungen und Mahnworten bieten sie einen unmittelbaren Zugang zum Thema, der unser indirektes Wissen aus Büchern und Filmen, Schulunterricht und Museum auf wichtige Weise ergänzt. Mehr noch: Man steht gleichsam wieder «frisch» vor diesem ganzen Irrsinn, diesem ganzen Grauen – soweit sich das überhaupt wahrnehmen, verstehen und in Sprache fassen lässt.

Zudem sind diese Geschichten ja nur ein Bruchteil von alledem, was damals passiert ist. Es muss zum Holocaust eine riesige Zahl von Geschichten geben, die nie erzählt worden sind, die vergessen und verloren gingen. Man will sich gar nicht ausmalen, was sie alles ausbreiten würden. Letztlich unvorstellbar ist für uns Verschonte aber auch das Weiterleben nach dem Holocaust. Wie geht das? Wie weit kann man überhaupt darüber hinwegkommen?

«Kinder im KZ Bergen-Belsen», bis 29. September
«The Last Swiss Holocaust Survivors»: bis 4. August
Historisches und Völkerkundemuseum St.Gallen

hvmsg.ch

Am bedrückendsten ist bei alledem aber ein ganz anderer Gedanke, der sich bei mir in diesen Wochen immer wieder meldet, auch lange nach der Vernissage vom 11. April. Nein, nicht das Phänomen, dass die Erinnerung an den Holocaust verblasst, und auch nicht das Wiedererstarken des Antisemitismus, von dem zurzeit überall zu hören und zu lesen ist. Es ist der Gedanke, dass die zukünftigen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen schon bereitstehen. Menschen, die später einmal Zeugnis von all dem Entsetzlichen ablegen, das heute passiert, von all dem Irrsinn – rund um den Globus.

Peter Müller ist verantwortlich für Provenienzforschung und Öffentlichkeitsarbeit am Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen.

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