April 2019. Es sind Pensionierte, wie man sie in der Migros, im Zug oder im Konzert antrifft, und gleichzeitig Menschen mit einer ungeheuren Lebensgeschichte: Alle sechs haben den Holocaust überlebt. Sie haben sich im Foyer des Historischen und Völkerkundemuseums St.Gallen für ein Gruppenfoto aufgestellt. An diesem Abend eröffnet das Museum gleich zwei Ausstellungen: «Kinder im KZ Bergen-Belsen» und «The Last Swiss Holocaust Survivors». Die sechs sind die Ehrengäste, und allen kann man auch in den beiden Ausstellungen begegnen, als Zeitzeugen dieses unerhörten Menschheitsverbrechens.
Von links: Sigmund Baumöhl, Gabriella Bartholdi, Ladislaus Löb, Egon Holländer, Katharina Hardy und Ivan Lefkovits im Museumsfoyer. (Bild: Peter Müller)
Als Museumsmitarbeiter begegnete ich ihnen mit Neugier, Faszination und Respekt, aber auch mit Scheu, Unsicherheit und Beklemmung. Besonderen Eindruck machte mir das Alter dieser Leute, die alle in der Schweiz wohnen: Sie sind zum Teil gebrechlich, halten sich aber aufrecht, sind interessiert und engagiert – darum haben sie auch den Weg nach St.Gallen auf sich genommen.
Am jüngsten ist die Frau links. Sie wurde im August 1944 geboren, im KZ Bergen-Belsen, und hat das erst mit 14 Jahren erfahren. Ihre Eltern hatten es ihr verschwiegen – sie wollten mit der schrecklichen Vergangenheit nichts mehr zu tun haben, traten sogar vom Judentum zum Katholizismus über. Im Dezember 1944 waren sie mit der frischgeborenen Tochter für einige Tage in St.Gallen, in einer Schar von 1350 freigekauften Häftlingen aus dem KZ Bergen-Belsen. St.Gallen war die erste Station auf ihrem Weg in die Freiheit. Im selben Zug sass der Mann rechts von ihr, zusammen mit seinem Vater. Er war damals 11 Jahre alt. Und die andern drei Männer auf dem Foto kennen sich seit der Zeit im KZ Bergen-Belsen – sie verbindet eine jahrzehntelange Freundschaft.
Lange her – und doch nicht
Mir wird auf sehr konkrete, elementar-anschauliche Weise bewusst: Der Holocaust ist noch nicht wirklich lange her, da diese Menschen als Kinder oder Jugendliche dem Grauen entkommen konnten. Gleichzeitig ist der Holocaust schon sehr weit weg. Immer mehr Zeitzeuginnen und -zeugen sterben, womit eine wichtige Brücke zu ihm abbricht. Die Ausstellungseröffnung machte uns Nachgeborene selber zu Zeitzeugen dieser Zeitzeugen.
Und schon die Medienorientierung am Vormittag brachte die erste Begegnung mit Ivan Lefkovits, Jahrgang 1937 – auf dem Foto ganz rechts. Er erzählte von seinem Leben und führte durch die Ausstellung. Ich war beindruckt: Ivan Lefkovits ist ein ruhiger, kultivierter Herr, dem man das Alter nicht ansieht. Er sprach unaufgeregt, sachlich und überlegt. Und er hatte die Situation im Griff. Er wusste genau, was er sagen wollte und was nicht.
Ein besonderes Erlebnis nach der Vernissage war der Gang ins Restaurant Candela, zum Nachtessen. Ich hatte die Überlebenden und ihre Angehörigen dorthin zu leiten, und unser Weg führte mitten durch den St.Galler Frühlingsjahrmarkt. Wir legten den Weg munter plaudernd zurück, in gemächlichem Tempo. Ich gab spontan einige lokalhistorische Geschichten zum Besten, zum Beispiel über die Anfänge der HSG – das Gebäude der heutigen Kantonsschule am Brühl, an dem wir vorbeikamen. «Eine Szene für einen Roman oder Film», dachte ich zwei, drei Mal. «Da werde ich mich noch lange daran erinnern.»
Die künftigen Zeitzeugen
Alle sechs auf dem Foto haben ihre Geschichten schon oft erzählt, haben schon oft Fragen beantwortet. Mit ihren Erinnerungen und Mahnworten bieten sie einen unmittelbaren Zugang zum Thema, der unser indirektes Wissen aus Büchern und Filmen, Schulunterricht und Museum auf wichtige Weise ergänzt. Mehr noch: Man steht gleichsam wieder «frisch» vor diesem ganzen Irrsinn, diesem ganzen Grauen – soweit sich das überhaupt wahrnehmen, verstehen und in Sprache fassen lässt.
Zudem sind diese Geschichten ja nur ein Bruchteil von alledem, was damals passiert ist. Es muss zum Holocaust eine riesige Zahl von Geschichten geben, die nie erzählt worden sind, die vergessen und verloren gingen. Man will sich gar nicht ausmalen, was sie alles ausbreiten würden. Letztlich unvorstellbar ist für uns Verschonte aber auch das Weiterleben nach dem Holocaust. Wie geht das? Wie weit kann man überhaupt darüber hinwegkommen?
«Kinder im KZ Bergen-Belsen», bis 29. September «The Last Swiss Holocaust Survivors»: bis 4. August Historisches und Völkerkundemuseum St.Gallen
hvmsg.ch
Am bedrückendsten ist bei alledem aber ein ganz anderer Gedanke, der sich bei mir in diesen Wochen immer wieder meldet, auch lange nach der Vernissage vom 11. April. Nein, nicht das Phänomen, dass die Erinnerung an den Holocaust verblasst, und auch nicht das Wiedererstarken des Antisemitismus, von dem zurzeit überall zu hören und zu lesen ist. Es ist der Gedanke, dass die zukünftigen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen schon bereitstehen. Menschen, die später einmal Zeugnis von all dem Entsetzlichen ablegen, das heute passiert, von all dem Irrsinn – rund um den Globus.
Peter Müller ist verantwortlich für Provenienzforschung und Öffentlichkeitsarbeit am Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen.
Das Naturmuseum St.Gallen eröffnet Mitte November zum zehnjährigen Bestehen seines Neubaus den Ausstellungsbereich «Mensch und Universum». Zwischen Klimakrise und Sternenhimmel geht es um eine ziemlich grosse Frage: Wo stehen wir eigentlich?
Seit zehn Jahren gibt es die Residency in der Bibliothek Andreas Züst im Alpenhof, diesem so schwer zu fassenden Ort in Innerrhoden. Der runde Geburtstag wird nun mit einem vielfältigen Festival gefeiert.
Bevor die Kunsthalle St.Gallen im Dezember wegen Umbauarbeiten voraussichtlich bis April 2027 schliesst, dreht sie nochmals voll auf. In der Ausstellung «House of Change: Pre-Construction-Warm-Up-Galore» präsentiert sie im laufenden Monat ein dichtes, buntes Programm an Kunst und Kultur.
In der Ausstellung «Smile maniacally we’re alive» verbindet Jala Wahid scheinbar getrennte Welten. Sie schlägt darin eine Brücke zwischen Erinnerung, Emotion, Wissenschaft und Politik.
Die erneuten Sparvorschläge der St.Galler Regierung stossen auf breite Ablehnung. Die Kulturszene solidarisiert sich gegen die Abbaupläne. Die Kulturlobby hat sich in Stellung gebracht. Obs hilft?
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller