, 13. Mai 2014
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Güllen und andere Hexenjagden

Zwischen Kleinstadt und Grossmacht: Das Theater St.Gallen präsentiert sein Programm für die Spielzeit 2014/15. Und muss sparen.

An der Medienkonferenz vom Dienstag wurde zwar wie üblich kein Spielzeitmotto genannt – gäbe es jedoch eins, so könnte es «In der kleinen Stadt» heissen. Jedenfalls im Sprechtheater: Dort programmiert Schauspieldirektor Tim Kramer gleich mehrere Stücke, die sich umstandslos auf St.Gallen beziehen lassen.

Das beginnt mit dem «Besuch der alten Dame», Dürrenmatts untöteliger Hommage an Güllen und das mörderische Klima im Ort, wo jeder jeden kennt und jede noch eine Rechnung offen hat. Es geht weiter mit Arthur Millers «Hexenjagd» – und mit einer vielversprechenden Erstaufführung: «Alpenvorland» des jungen Österreichers Thomas Arzt thematisiert die kleinbürgerlichen Träume der Dreissigjährigen von heute in ländlich-städtischen Gebieten wie hierzulande.

Das Schauspielprogramm hat es auch sonst ungemütlich in sich. Psychohöllen entwirft Ibsen in seinen «Gespenstern» – Abgründe der Finanzkrise reisst Jonas Lüscher in seinem «Frühling der Barbaren» auf. Das Theater St.Gallen bringt den letztjährigen Erfolgsroman dramatisiert auf die grosse Bühne, vor anderen Häusern, die den Stoff auch gern gehabt hätten, wie Kramer hervorhob.

Spitze gegen die HSG

In Lüschers Roman platzt der Traum vom ewig sprudelnden Wohlstand in einer Oase in Tunesien – eine groteske und blutige Apokalypse mit gemeuchelten Kamelen und Menschen, auf deren theatralische Umsetzung man gespannt sein kann. «Frühling der Barbaren» knüpft an Produktionen wie «Top Dogs», Jelineks «Kontrakte des Kaufmanns» oder zuletzt Urs Widmers «Das Ende vom Geld» an: eine ganze Reihe von Stücken, mit denen das St.Galler Theater sich kritisch mit Finanzmarkt und Big Business auseinandersetzt. Das geschehe zwar im Dialog mit der HSG, sagte Kramer – aber mit insgesamt enttäuschend wenig Resonanz bei Professoren und Studierenden vom Rosenberg. Die fänden eher den Weg ins Musical als ins Schauspiel.

Im Musiktheater gibt sich die kleine Stadt und ihr Theater denn auch in der nächsten Spielzeit als Grossmacht. Zu den Musical-Wiederaufnahmen von «Artus», «Moses» und «Anything Goes» kommt 2015 «Flashdance» hinzu. In der Oper setzt Direktor Peter Heilker auf Bestseller wie «Carmen», Donizettis «Lucrezia Borgia» und Mozarts «Entführung aus dem Serail», aber auch auf eine mutige Schweizer Erstaufführung: «Written on Skin» des Engländers George Benjamin.

Die neue Leiterin der Tanzsparte, Beate Vollack, choreographiert in der Lokremise ein Stück nach Meret Oppenheim, «X = Hase», sowie gleich zweimal den Romeo-und-Julia-Stoff: auf der grossen Bühne das Ballett zur Musik von Bizet und als mobile Produktion Eigenchoregraphien der Kompagnie unter dem Titel «R&J».

Pensionen statt Produktionen

Konzert und Theater sind der Sparguillotine des Kantonsrats zwar entkommen, aber kommen indirekt zur Kasse: Die Rückstellungen für die Pensionskasse kosten über vier Jahre 4,1 Millionen Franken, Geld, das bei den Produktionen eingespart werden muss. Die «einschneidende» Folge, laut Direktor Werner Signer: Positionen wie das Silvesterstück oder die Oper für Kinder fallen weg beziehungsweise werden durch Inszenierungen kompensiert, die so konzipiert sind, dass sie auch für junges Publikum attraktiv sein sollen – etwa Zuckmayers «Katharina Knie» in Koproduktion mit dem Cirque de loin.

Das programmatische Bonmot dazu kam von Tim Kramer: «Man soll ja die jungen Leute nicht für blöd verkaufen.»

 

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