Die Kulisse kennt man doch von irgendwo – diese filigranen Durchbrüche in den Wänden, die leichte Rundung, das edle Material, ein paar Notenständer. Im zweiten Moment ist klar: das Klanghaus! Bühnenbildner Stephane Laimé hat das Modell des im Frühling politisch gebodigten Projekts praktisch 1:1 nachgebaut. Während im Toggenburg mit einer Petition versucht wird, das Klanghaus doch noch zu retten, sagt das Theater St.Gallen, in guter emphatischer Tradition à la «Je suis Charlie»: «Ich bin auch ein Klanghaus.»
Helsingör am Schwendisee
Geht die hintere Wand auf, wird der Blick frei auf den Wildhauser Schafberg, mal sonnenbeschienen, mal nächtlich schwarzweiss. Von dort kommen auch, topographisch leicht verrutscht vom Appenzeller Hinterland ins Toggenburg, die wüsten Chläuse: Als solche ist die Schauspielertruppe verkleidet, die dem brudermörderischen Königspaar Claudius und Gertrud die Hölle heiss macht. Die bösen Geister dieses faulen Staats am Schwendisee können aber auch sie nicht bannen, trotz Fuchspelzen auf dem Kopf, Sennentuntschi-Gewand und spitzer Heugabel. Und trotz schaurigschönen Zäuerli.
Das Klanghaus bleibt tatsächlich nicht bloss Kulisse, sondern es klingt. Sänger und Klavierbearbeiter Marcello Wick ist den ganzen Abend am Werk, zupft kaum hörbare und dann wieder scheppernde Saiten im Bauch seines präparierten Klaviers, singt naturtönige Melodien oder knochenknarrende Untertöne, wenn der Geist von Hamlets Vater ins tödliche Spiel eingreift.
Den Rücken zum Publikum, in sich und das Spiel versunken und zugleich hellwach, ein Fremder, Anteilnehmender: Was der Musiker singt und spielt, macht die Emotionen dieses permanent auf Katastrophentonus vibrierenden Stücks nicht kleiner, aber durchhörbar und einfühlbar.
Auf Augen-, Ohr- und Herzhöhe
Die Qualität der Musik ist auch die Qualität dieser Inszenierung zumindest im Hauptteil vor der Pause: dass sie den übermächtigen Klassiker und die übermenschliche Tragik auf Augenhöhe und in die Herzgegend herunter- und heranholt. Die Kostüme (Heidi Walter) sind von hier und jetzt. Wenn Horatio (Tobias Graupner) als Rucksacktourist seinen Platz im Haus und im Stück sucht, wenn Ophelia (Jessica Cuna, Bild unten) zumindest am Anfang noch rebelliert, wenn Gertrud (Diana Dengler) versucht, das längst zerschlagene Familiengeschirr zu kitten – dann geht es beinah zu und her wie in einer durchschnittlich lädierten Familie von heute.
Ein paar regionale Texteinschübe integrieren sich, wie die Schüga-Bierbüchsen, anstandslos in die moderne Übersetzung von Elisabeth Plessen. Der trotzdem noch immer komplexe Text spricht sich aus den Mündern dieser Zeitgenossen ziemlich selbstverständlich – allerdings akustisch nicht immer verständlich.
Das offene Messer Hamlet
Auch Jeanne Devos ist als Hamlet von dieser Welt. Zornig, verletzlich spricht sie seine ersten Sätze von der Welt, die aus den Fugen ist. Seine Wut auf den korrupten Onkel, der den Vater vergiftet und Krone und Mutter an sich gerissen hat, steigert sich zu einer bald kalten, bald glühenden Wildheit. Jeanne Devos beherrscht diese Stimmungsbrüche, für die die andern nur das Hilfswort «Wahnsinn» haben, sie kann wüten, und gefährlicher: Sie kann, dass es einem selber im Gedärm weh tut, innerlich beben. Ihr Hamlet ist die beklemmende Studie einer jugendlichen Radikalisierung. Ein Geistesverwandter von Büchners Woyzeck, der «wie ein offenes Messer durch die Welt läuft». Eine Figur, die klar macht, wie aus Ohnmacht gegenüber dem herrschenden Unrechtssystem Terror werden kann.
Dieses System, der Staat Dänemark, trägt in Barbara-David Brüeschs Inszenierung dagegen manchmal etwas klamaukige Züge. Die Kumpels Rosenkranz und Güldenstern (Kay Kisela und Anna Blumer) könnte man sich weniger schrill vorstellen, den Polonius (Matthias Albold) nicht ganz so pantofflig und den Geist von Hamlets Vater (Marcus Schäfer) weniger im Stil «Hallo, altes Gerippe». Namentlich gegen Ende des Stücks gehen die Zwischentöne verloren.
Andrerseits lockert sich so der schwere Stoff in bester Shakespeare-Manier auf, man lacht über die im Doppel orakelnden Totengräber oder den noch im Sterben trottligen Polonius. Und wird dann umso heftiger durchgeschüttelt, wenn Hamlet und Ophelia sich entzweien und doch wieder hoffnungslos ineinander verknäulen – vermutlich erklang dazu wieder eins dieser herzerweichenden Zäuerli.
Dramaturgischer Hosenlupf
Hausregisseurin Barbara-David Brüesch und ihrem Team gelingt ein ziemlich riskanter Spagat: den Hamlet-Stoff in ein regionales Ambiente zu verlagern und dennoch nicht zu banalisieren. Die Chläuse, die Bergkulisse, der Naturjodel, das Duell, für das Hamlet und Laertes in die Zwilchhosen steigen, bevor der virtuose Hosenlupf mit Schwert und Schaufel zum Todeskampf wird: All das hat Witz und Emotionalität, ohne dass dem Stück damit seine universelle Geltung, der Konflikt um Macht und Ohnmacht, Durchtriebenheit und Ehrlichkeit abhanden käme.
Und es ist ein Statement: Theater für hier und heute machen zu wollen. Mit dem dritten Teil der Hamlet-Trilogie (nach Lokremise und Jugendstück) ist das jedenfalls gelungen. Hamlet_Gross ist ein packender Abend für das Publikum, mit neuen Ensemble-Gesichtern (Tobias Graupner, Kay Kysela, Anna Blumer und Jessica Cuna), die einen interessieren. Und mit einer überragenden Jeanne Devos, die in Ausserrhoden aufgewachsen ist, in Deutschland viele Hauptrollen gespielt hat und jetzt als Gast zum ersten Mal auf der Bühne ihrer Ostschweizer Heimat steht.
Am Ende sind, einmal mehr, alle tot; ein paar Knochen bleiben nach dem langen Premierenapplaus auf der leeren Bühne liegen. Aber vielleicht wird dafür das Klanghaus-Projekt wieder etwas lebendiger.
Nächste Vorstellungen: 25. September, 7. Oktober.
theatersg.ch
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