, 1. September 2015
keine Kommentare

Harmonie über alles

Nach dem schlechtesten Saisonstart seiner Amtszeit tritt Jeff Saibene als FCSG-Trainer zurück. Und obwohl die FCSG-Führung sich wie immer harmoniebedürftig gibt, dürfte ihr Saibenes Akt der Grösse gelegen kommen.

Saibene macht Schluss: Anfang September bei der Rücktritt-Medienkonferenz. (Bild: upz)

Jeff Saibene will nicht mehr.

Das missratene Spiel auswärts gegen Fussballzwerg Vaduz am letzten Samstag gab letztlich den Ausschlag: «Diese Niederlage war schon ein Schlüsselmoment», sagte Saibene am Dienstagmorgen vor den Medien.

Minuten zuvor hatte er seinen Rücktritt vom FCSG-Traineramt bekannt gegeben – flankiert von FCSG-Präsident Dölf Früh und Sportchef Christian Stübi.

Das Team brauche jetzt neue Inputs, die er nicht mehr liefern könne, so Saibene. Am Montagabend habe er zuerst das Team informiert, dann den Vereinsvorstand. «Ich hatte viereinhalb gute Jahre in St.Gallen», sagte der 47-jährige Luxemburger Saibene.

Aus der zweiten Reihe der zahlreich in der AFG Arena erschienenen Journalisten sah es für einen Moment so aus, als habe Saibene feuchte Augen. Dann fing sich der als stoisch bekannte Saibene wieder, redete vom Business: «Mir bleibt ein gutes Gefühl. Das Team hatte nach dem Wiederaufstieg nie mehr mit dem Abstieg zu tun.»

Seit Wochen steigender Druck

Viel Lob hatte dann auch FCSG-Präsident Früh für seinen Ex-Trainer: Saibene sei ein «akribischer Schaffer», der auch unpopuläre Entscheide durchsetzen könne. Ein Highlight sei sicher die Europa League-Saison 2013/2014 gewesen. «Für uns kam sein Rücktritt überraschend», sagte Früh.

Saibenes Posten sei «gar nie» zur Diskussion gestanden, betonte dann Sportchef Christian Stübi. Er wiederholte damit, was er in den letzten Wochen von sich gegeben hatte, wenn Journalisten wegen der «Krise» beim FCSG nachgehakt hatten.

Dann gab es für Saibene von Früh und Stübi Handshakes und Umarmungen.

Dass Saibene die Grösse hat, von sich aus zurückzutreten, dürfte dem harmoniebedürftigen Vereinsvorstand aber sehr wohl gelegen kommen: Saibene stand öffentlich seit Wochen unter steigendem Druck, was auch vereinsintern nicht spurlos geblieben ist. Früher oder später hätte Saibenes Posten zum Thema werden müssenDie Zusammenarbeit zwischen Stübi und Saibene erschient gegen aussen zudem nicht so fruchtbar wie jene zwischen Peischl und Saibene. Spätestens seit Peischl weg ist, hat Saibene einen wichtigen Mitstreiter im Verein verloren.

Nun aber löst sich die Akte Saibene ja in Wohlgefallen auf. Und Stübi und Früh müssen sich und die seit Jahren gepriesene Strategie der unbedingt wichtigen Harmonie im Vereinsumfeld und der betont bescheidenen Zielsetzungen nicht hinterfragen. Man könnte ja einmal etwas wagen, vielleicht etwas mehr Geld in die Hand nehmen und in einen oder zwei wirkliche Leistungsträger auf dem Feld investieren. Aber eben: In St.Gallen wirtschaftet man solid, bescheiden, sparsam.

Ruck durchs Team nicht garantiert

Und ob Saibenes Rücktritt nun der zuletzt auch daheim gegen GC äusserst harmlos auftretenden FCSG-Mannschaft den oft beschworenen «Ruck» geben wird, ist alles andere als garantiert: Jüngste Beispiele dafür sind etwa YB und der FCZ.

Beide Vereine feuerten kurz nach Saisonstart Hals über Kopf ihre Trainer – die Resultate unter den Interimstrainern wurden danach nicht besser. Keine Rede jedenfalls von einem Aufbäumen der gebeutelten Mannschaften. Beim FCSG übernimmt interimistisch Assistenztrainer Daniel Tarone. Die Trainersuche sei bereits in vollem Gange, sagte Stübi.

Fast schon magische Momente

Es bleibt ein Rückblick auf Saibenes Amtszeit beim FCSG: Der bodenständig wirkende Saibene begleitete das Team von der Challenge League zurück in die Super League. Das kritische St.Galler Heimpublikum deckte ihn trotz Aufstieg mit Pfiffen ein: Zu übervorsichtig sei die Spielweise des FCSG, so die Kritik. Saibene blieb schon damals cool, nannte das die üblichen Mechanismen des Fussball-Business.

Es folgten bessere Zeiten: Die Europa League-Saison mit teilweise  magischen Momenten, die Saibene keiner mehr nehmen kann. Das 4:2 auswärts gegen Spartak Moskau etwa. Die euphorischen Fussballreisen durch Europa und ins exotische Krasnodar, nach denen die FCSG-Fans seit Langem gelechzt hatten. Missraten sind Saibene danach aber die zweiten Hälften der Saisons 2013/14 und 2014/15. Auf ansprechende Vorrunden folgten jeweils seltsam teigige Rückrunden.

Für Saibene, dessen Gelöstheit und Müdigkeit am Dienstag fast greifbar im Raum standen, steht nun Erholung an. Dem Fussball bleibt er aber treu: Er sei offen für Angebote. «Das Ziel ist, wieder als Trainer zu arbeiten.»

 

Titelbild: Ein sichtlich gelöster Jeff Saibene stellt sich am Dienstag den Medien. (Bild: upz)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Impressum

Saiten

 

Ostschweizer Kulturmagazin
Frongartenstrasse 9
Postfach 556
9004 St. Gallen

 

Telefon: +41 71 222 30 66

 

Redaktion

Corinne Riedener, Peter Surber, Frédéric Zwicker, Michael Felix Grieder, Claudio Bucher

redaktion@saiten.ch

 

Verlag/Anzeigen

Marc Jenny, Philip Stuber

verlag@saiten.ch

 

Anzeigentarife

siehe Mediadaten

 

Sekretariat

Irene Brodbeck

sekretariat@saiten.ch

 

Kalender

Michael Felix Grieder

kalender@saiten.ch

 

Gestaltung

Samuel Bänziger, Larissa Kasper, Rosario Florio
grafik@saiten.ch

Saiten unterstützen

 

Saiten steht seit über 20 Jahren für kritischen und unabhängigen Journalismus – unterstütze uns dabei.

 

Spenden auf das Postkonto IBAN:

CH87 0900 0000 9016 8856 1

 

Herzlichen Dank!