Als Zürcherin habe ich mich zuweilen schon über die hiesige Kultur gewundert. Zum Beispiel über die Tatsache, dass an Buchvernissagen zum Apéro Würste verteilt werden. Kleine Bratwürste. Als Häppli. Fingerfoodwürstli sozusagen. Oder über die Tatsache, dass sich scheinbar alle irgendwie kennen – vom Tschutten, aus der Schule, über sieben andere Ecken oder den Grossvater. Was wiederum dazu führt, dass sich öfter mal dieselben Leute gegenseitig die Bäuche pinseln. Vielleicht liegt das auch eher an einer etwas übertriebenen Nettigkeit. Diese trägt vermutlich dazu bei, dass Faschist:innen unter dem Vorwand einer Impfgegner:innen-Demo durch die Stadt ziehen dürfen, von der Polizei schüchtern geduldet und von der breiten Öffentlichkeit unkommentiert. Oder dass der Frauenstreik eher ein leiser Spaziergang als ein Protest gegen Ungleichheit ist. Sie ist vermutlich auch Grund dafür, dass die Ostschweizer:innen sehr bescheiden sind.
Und das zu Unrecht. Denn die Region hat enorm viel Kultur zu bieten und dem gesamtschweizerischen Diskurs so einiges beizusteuern. Seit Jahrhunderten. Und natürlich schmückt sich hie und da jemand mit den eigenen oder auch mal mit fremden Federn, aber meist bleiben viel Grossartiges und lauter verrückte Geschichten unbeachtet. Und ganz im Gegensatz zur Möchtegern-Metropole Zürich wird eben nicht jeder halbwegs kreative Wurf von jemanden, der jemanden kennt, an eine grosse, vergoldete Glocke gehängt. Und das macht die Ostschweizer:innen sehr sympathisch.
Die Design Week wirft ein Schlaglicht auf eben solche Arbeiten. Zum zweiten Mal bietet sie bekannten Designer:innen und solchen, die eher im Verborgenen wirken, eine Plattform. Sie zeigt, was St.Gallen alles so kann. Für dieses Kooperationsheft haben wir mit den Organisator:innen der Design Week, Beat Lüscher, Kathrin Lettner und Samuel Zuberbühler, über den guten Ruf der Stadt und die Zukunft des Festivals gesprochen, weitgereiste Ostschweizer Designer:innen porträtiert und Ateliers in der Stadt besucht.
Ausserdem in diesem März-Heft: Ein Schwerpunkt zum Planungs- und Baugesetz, eine Flaschenpost aus Down Under, die vorerst letzte Ensemble-Inszenierung von Matthias Peter in der Kellerbühne, ein Einblick in das Tanzfestival Steps, das neue Album von Worries And Other Plants sowie Literatur für den Bücherfrühling. Wir wünschen frohes Lesen und lautes Protestieren – der 8. März bietet sich dafür an, denn der Abstimmungssonntag fällt auf den internationalen Frauenkampftag.Daria Frick
Redeplatz
Der Kanton schiebt das Projekt für eine neue Kantons- und Stadtbibliothek in St.Gallen um bis zu drei Jahre auf. «Alle sind jetzt dazu aufgefordert, Überzeugungsarbeit zu leisten», sagt Regierungspräsident Beat Tinner (FDP).
In der Februarausgabe hat Rita Kesselring den jüngst publizierten städtischen Bericht St.Gallen, Sklaverei und Kolonialismus aus der Feder des St.Galler Historikers Peter Müller kritisiert. Hier seine Antwort.
Stimmrecht
24/7 Traumacore
Heppelers Bestiarium
Zum zweiten Mal findet in St.Gallen die Design Week statt. Weshalb sie für die Branche wichtig ist und was das mit dem guten Ruf der Stadt zu tun hat, erklären Beat Lüscher und Kathrin Lettner von der Schule für Gestaltung sowie Samuel Zuberbühler von der Standortförderung im Gespräch mit Saiten.
In Sachen Design hat St.Gallen eine starke Geschichte. Doch auch in der Gegenwart entsteht einiges – zum Teil aber im Verborgenen. Saiten hat einzelne Studios besucht und sich zeigen lassen, was hinter den hiesigen Türen geschaffen wird.
Anna Zimmermann hat das Schweissen für FLINTA*-Personen geöffnet und vereint in ihrer Arbeit Design, Kunst und Handwerk. Die in der Stadt St.Gallen aufgewachsene Designerin lebt heute in Wien. An der Design Week stellt sie unvollkommene Gefässe aus.
Als Tätowierer und Grafikdesigner überträgt Daryl Schiltknecht seine visuelle Sprache auf verschiedene Medien. Seine Motive entstehen im Austausch und bleiben stets individuell.
Designer Christian Hersche beruflich um die Welt und hält seine Eindrücke auf Fotos fest. In der Ostschweiz eignete er sich handwerkliche Fähigkeiten an, die ihm eine internationale Karriere ermöglichten.
Seit 2017 ist das Planungs- und Baugesetz des Kantons St.Gallen in Kraft. In dieser Zeit gab es bereits drei Nachträge, um baujuristische Lücken zu schliessen. Nun kommt, nach einigem Hin und Her, der vierte – mit einer Übergangsregelung, die vor zehn Jahren als unnötig gestrichen wurde.
Städte und grössere Gemeinden im Kanton St.Gallen können aufatmen: Wenn der Kantonsrat an der Frühjahrssession Anfang März wie erwartet den vierten Nachtrag des
kantonalen Planungs- und Baugesetzes (PBG) beschliesst, verhindert er einen mehrjährigen Planungsstillstand.
«Was bleibt?», fragt sich die Ich-Erzählerin in Laura Vogts neuem Roman Das Jahr des Kalks und findet Trauriges wie Tröstliches. Vieles davon scheint naheliegend. Sich auf das Buch einzulassen lohnt sich trotzdem.
Mit ihrem Kurzgeschichtenband aber morgen ein neuer tag erzählt Anna Stern Geschichten über die Traurigkeit, den weiblichen Schmerz und die damit verbundenen Sehnsüchte. Zusammen mit den zarten Fotografien ergibt sich ein stimmiger Band, der traurig und hoffnungsvoll zugleich macht
Im Februar letzten Jahres starb der Schweizer Filmemacher Richard Dindo im Alter von 81 Jahren. Er hinterlässt 38 vollendete Filme, von denen vier mit der Ostschweiz verbunden sind. Kulturpublizist Martin Walder unternimmt mit Richard Dindo – Erinnerungsarbeiter einen Streifzug durch sein Werk.
Theater in St.Gallen
In Heartship kommen sich zwei Frauen näher und proben den Aufstand gegen sexualisierte Gewalt. Boglárka Horváth und Eva Maropoulos spielen, Matthias Peter inszeniert zum vorerst letzten Mal in der St.Galler Kellerbühne.
Am 5. März startet Steps, das schweizweit grösste Festival für zeitgenössischen Tanz. Ein besonderer Akzent liegt in der 20. Ausgabe auf «made in Switzerland»: Die St.Gallen Dance Company und Bern Ballett machen gemeinsame Sache und bieten einheimischen Choreografie-Talenten ein Übungsfeld.