Freizeittechnologie of Switzerland hat wieder zugeschlagen. Knapp ein halbes Jahr nach der ersten EP bringt das flexende Duo – Linus Lutz und Sam Assir, beide aufgewachsen in St.Gallen und mittlerweile im Kunststudium in Bern und Halle – bereits die zweite heraus: SPORTWASSER EP. Das anarchische Freudenfest, das wir auf der RUM COLA EP – CUBA LIBRE EP gefeiert haben, ist in der Zwischenzeit weit fortgeschritten.
Jetzt liegen wir zu später oder früher Stunde, je nach Lebenseinstellung, irgendwo zwischen Glastisch und abgewetzter Ledercouch auf dem Flokati, rundherum additive freie Zigistummel, Baseballschläger, Strassendreck, Billigprösidosen, und langsam, aber stabil sind wir beim harten Zeugs angelangt. Sportwasser aka Wodka: immer gut. Klares macht schliesslich klar im Kopf, das haben langjährige Feldversuche gezeigt.
Afterpartylevel, aber von der guten Sorte, also nicht irgendwo bei aufdringlichen Fremden in Innenstadt-Maisonettes, sondern im schäbigen Probekeller. Wo die Matratzen noch nach Mehrzweckhalle riechen und die Shots aus Espressotassen kommen.
1 Toast aufs Low-Budget-Kampfmaterial
So liegen wir da, Arm in Arm als Pandemieknäuel, und denken wohlig zurück an die Musen, die auf der ersten EP mit Knarren und Versace-Bandanas durch die Gassen scharmützelt sind.
Aus der fast leergehörten Boombox simmert KATANA, der Opener der neuen EP, und erzählt davon, wie man auch mit Low-Budget-Kampfmaterial Anzugträger ausbluten lassen kann: «Hab keine Katanas, keine Butterflys, bloss die jahrhundertelang gewetzten Küchenmesser unserer Grossmütter», singt Sam. Nächste Runde, hopp.
Linus schenkt Bass und Orgeln ein. AK, das heisst «Ra-ta-ta», be my Quarantine. Ja klar würd’ ich in nem Panzer! «Sei mein roter Stern», lallt Sam leicht heiser. Vielleicht von den letzten paar durchzechten Nächten, vielleicht aber auch heiser vom unablässigen Anschreien gegen das Patriarchat und den Spätkapitalismus, der eigentlichen Pandemie.
Da sind wir nun, im Morgengrauen, im Rausch, im Panzer an der Front. Die Luft stickig, die Finger sticky. «Brauch n’Girl mit ner AK», fordert Sam. «Ra-ta-ta, sei mein Girl. Bau’ dir ein Monument, oh Girl, für das gute Leben, würd’ ich mit dir kämpfen. Kalaschnikow-Leben.»
Nach dieser feuchten Panzerfantasie wirds wieder Zeit für ein bisschen Politik. Scheiss auf Kuscheln danach, nicht heute, nicht, solange die Schweiz Frauen noch vorschreibt, was sie zu tragen haben, nicht, solange sie das Andere, das «Fremde» nicht als das Ihre akzeptiert und Raki nicht den gleichen Stellenwert wie Zeller hat.
«Heim 1: Gast 0», heisst es in DELAM – die traurige Bilanz der Schweizer Integrationspolitik, die für die Betroffenen alles andere als ein Spiel ist, auch wenn in diesem Land viel auf Grünflächen gelöst wird. Grillfest, Grümpeli, Gartenbeiz. «Delam milarze», singt Sam, «mein Herz zittert».
Schneggeobig, kennsch?
Gut, dass Linus noch eine Flasche Sportwasser aus der Couchritze hervorzieht, Tiefkühler sind überbewertet, wir sind cool genug, geben uns zumindest so, aber der Morgen naht und die Gemüter sind erhitzt. Ex und hopp und überhaupt, langsam steigt wieder das Agressionspotenzial. Zum Beispiel auf «Typen in Führungsetagen», auf «weisse Männer» und Dudes, die «breitbeinig im Büro» sitzen. MARMOR! Sollen sie ihre Schädel auf ihm blutig schlagen, wenn wir ihnen das Bein stellen.
Freizeittechnologie Of Switzerland: SPORTWASSER EP. Erhältlich auf Bandcamp.
Bald ist der neue Tag da, ein Donnerstag, was sonst, Wochenenden brauchen nur die leistungsgetriebenen Maisonnette-Start-Upper. Wir sozial Schwachen, aber im Herz Starken gehen an Mittwochen steil – Schneggeobig, kennsch? Kampf ist überall, im Club, auf Arbeit, im Gemeinschaftsgaarten oder morgens um sieben «zwischen Glastisch und Couch», wie Sam und Linus in ZARANOFF singen. «Si-si-si. Sponsorded by Pepsi». Immer noch besser als sponsored by Papi. Ausruhen ist ein Luxus, den nicht alle haben. Oder wollen.
Als Autobahn in die Kaputtness würden Deutschlehrer und Buchhalterinnen die SPORTWASSER EP vielleicht bezeichnen. Oder in deren Sprache: als Abstecher in renitente Abgründe. So wie sie auch die Jungen in St.Gallen, die an Ostern ausgetickt sind, kaum verstehen. Doch Menschen, die mitgehen bei DIY-Attitüde, ranzigen Bässen, melancholischem, aber umso trotzvollerem Widerstand gegen die Mehrheitsgesellschaft und die herrschenden Strukturen werden sich Freizeittechnologie Of Switzerland nosogern geben, nicht nur an der nächsten Afterhour.
Sam Assir und Linus Lutz erzählen den Untergang von EP zu EP weiter. Genauso kaputt produziert, wie die Welt ist.
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