Gemeinsam sind sie aus ihrem Land geflohen, die Brüder Mamal (Saro Emirze) und Dud (Tomasz Robak). In ihrem Exilland tragen sie schwer an ihrer Vergangenheit; Mamal, der regimetreue Folterer und Mörder und Dud, der mit den Kommunisten sympathisierte. Sie stranden im «Heim für Asyl und Soziales», in dem Heimleiter Otto, eindrücklich interpretiert von Jonas Pätzold, die Regeln setzt, streng nach dem Motto: «Wer was will, muss was hinhalten können». Das Heim wird zum bedrohlichen Ort, an dem jeder Bewohner missbraucht und instrumentalisiert wird – bis Mamal verschwindet.
Möglicherweise wurde er ermordet, doch eine Leiche gibt es nicht. Möglicherweise wurde er in den Suizid getrieben. Gewissheit ist keine da. Bei allen Mitbewohnern des Heims hat er aber eine Spur hinterlassen, auch bei Ada (Natalie Hünig) und Pep (Bernhard Leute). Es ist aber Viv, grossartig gespielt von Alina Vimbai Strähler, die sich auf Spurensuche begibt, jedoch ohne das Rätsel von Mamals Verschwinden lösen zu können.
Mit dem Seziermesser
In Mumien seziert Mehdi Moradpour in einer achtzigminütigen Szenenfolge mit aller Schärfe die Seelen- und Körperräume seines Personals. Er tut das verstörend und sprachmächtig. Da wird kräftig geschnitten, abgeschabt und präpariert. Von Aussen nach Innen. Am Ende ist es Pep, der sich wünscht, das Spiel würde neu beginnen, ein anderes Spiel.
Der Preis ermöglichte dem Autor einen mehrmonatigen Arbeitsaufenthalt am Theater Konstanz, das trägt hier Früchte. Entstanden ist ein Textkörper, der auf der Bühne funktioniert. Im doppelten Sinn ist das Heimspiel ein Theaterwerk mit viel dramatischem Sog. Ein Thriller. Die poetischen Partien inszeniert Regisseur Andreas Bauer als statische Aufführung von Stimmen und treibt diese damit in die Nähe des Hörspiels. Stark.
Mumifizierungen
Sechs Vitrinen, in denen die Bewohner gefangen sind, zur Schau gestellt wie Präparate und wenige, aber klug eingesetzte Projektionen genügen, um den Mumien auch optisch grosse Intensität zu verleihen. In den Gehäusen werden die Akteure aus dem Raum des Geschehens herausgenommen, in diesen zurückgeführt und zu immer neuen Konstellationen zusammengeführt. Die fatale Verknotung der individuellen Geschichten der Akteure sinnbildlich nachvollziehbar. Viv, Dud, Ada, Pep und Otto dürfen ihre Kerker verlassen; dann geistert der abwesende Mamal in ihren Köpfen und Körpern. Alle sind sie Opfer und Täter, mächtig und ohnmächtig und endlich wieder Mumien.
Heimspiel oder Festspiele
Nach mehreren Aufführungen in Konstanz kam das Stück jetzt auch noch ans koproduzierende Theater St.Gallen. Mit grossem Engagement spielten die sechs Mitglieder des Konstanzer Ensembles vor leeren Rängen. Kein Publikum, und von den St. Galler Theaterrepräsentanten war niemand anwesend. Eine Seite zu Mumien war zuvor im Terzett publiziert. In die Hand bekam man eine Karte mit einer kurzen Inhaltsangabe des Stücks. Es wurde zum Gastspiel, das lieblos ans Ende der Theatersaison angeklebt erschien.
Über Gründe darf man spekulieren. Zum einen führt das Theater unter dem neuen Schauspieldirektor Jonas Knecht die Autorentage nicht weiter und setzt dafür auf die Teilnahme am Förderprojekt «Dramenprozessor». Zum anderen dreht sich beim Theater St. Gallen im Frühsommer alles um die Festspiele, wo zum elften Mal mit gigantischen Geldern und Aufwand wenig Nachhaltiges produziert wird. Festspiele, mit denen sich Macher und Sponsoren vor allem selbst feiern.
Denn gerne hätte man etwas mehr über den 1979 geborenen, iranischstämmigen Mehdi Moradpour erfahren. Über seine Theatererfahrungen in Kuba, beispielsweise. Wer weiss, vielleicht kommt in der Zukunft einmal ein neues Stück des Autors auf die Bühne des Grossen Hauses.
Bilder: Theater Konstanz
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.