, 10. Juni 2014
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Heisse Kunstware

Im Sittertobel spiegelt sich das globalisierte System Kunst: Mit dem Erfolg der Kunstgiesserei St.Gallen kam die Expansion nach China. Iwan Schumacher zeichnet im Dokumentarfilm Feuer & Flamme ein vielseitiges Bild der Werkstätte.

An einer Skulptur werden unter dem prüfenden Blick des Chefs letzte Handgriffe angelegt. Überall stehen grosse Transportkisten bereit, deren Aussenwände mit Buchstaben besprayt werden: Kunstgiesserei St.Gallen AG. Mit dem verpackten Gut verlassen Lastwagen die Produktionshallen in Shanghai.

Zurück in die Ostschweiz und zu den Anfängen: 1983 startet Felix Lehner mit der Kunstgiesserei, damals noch im Aargau, in Beinwil am See. 1994 übersiedelt er mit zwei Mitarbeitern in grössere Werkstätten nach St.Gallen. Mit den Aufträgen wachsen Produktionsfläche und Anzahl Angestellte. Heute arbeiten hier über vierzig Personen an wundersamen Skulpturen; die Schwesterfirma in China sorgt dafür, dass auch Grossaufträge ausgeführt werden können, die die Kapazitäten im Sittertobel sprengen würden. Namhafte Künstler wie Urs Fischer, Katharina Fritsch, Paul McCarthy, Hans Josephsohn, Fischli/Weiss liessen und lassen ihre Werkvisionen in Lehners Hallen materielle Wirklichkeit werden.

Fischli/Weiss waren es auch, die den Filmemacher Iwan Schumacher auf die Idee brachten, die Kunstgiesserei als Ausgangspunkt für einen Film zu nehmen. «Vor mehr als zehn Jahren haben Peter Fischli und David Weiss mich auf die Kunstgiesserei St.Gallen als möglichen Ausgangspunkt für einen Film aufmerksam gemacht», sagt Schumacher. «Was im Moment wie ein Ablenkungsmanöver daherkam, nachdem das Duo meinem Ansinnen, über sie einen Film zu drehen, eine Abfuhr erteilte, erwies sich im Nachhinein als seltener Glücksfall: Bereits bei meinem ersten Besuch faszinierte mich dieser Betrieb mit seinen hochspezialisierten und motivierten Handwerkerinnen und Handwerkern, die mit Leib und Seele die Ideen und Visionen von Künstlern in Skulpturen umsetzen.»

 Ort der Transformation

Schumachers Film Feuer & Flamme vermittelt das visionäre Denken Felix Lehners und das ebenso komplexe wie vielseitige Gusshandwerk. Die Filmmusik verschmilzt mit der hämmernden und zischenden Geräuschkulisse der Giesserei zu einer Klangcollage, der Fokus jedoch liegt auf den Bildern: Im Mittelpunkt stehen die sinnliche Wahrnehmung der Objekte und die Verwandlung von Form und Materie. Dabei verzichtet Schumacher grösstenteils auf eine erklärende Erzählerstimme aus dem Off. Einzige Ausnahme: Der langjährige Giessereimitarbeiter Samuel Bischof erklärt etwa zur Hälfte des Films den komplexen Giessvorgang im Detail. «Mehr Kommentar fand ich in diesem Fall nicht nötig, denn der Film sollte sich mittels Montage von Bild und Ton selbst erklären», begründet der Regisseur seinen Entscheid. Dies gelingt über weite Strecken. Bisweilen wirken die Aussagen der Mitarbeitenden jedoch fragmentarisch und machen es schwer, den Zusammenhang zu erfassen.

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Ein uraltes Handwerk: Konzentration beim Giessen (Filmstill).

Neben der Giesserei als Ort der Transformation stellt der Film den Bildhauer Hans Josephsohn (1920–2012) als treibende Figur vor, ebenso unterschiedliche Kunstwerke und Techniken – viel wurde hineingepackt. Die Stärke des Films liegt im Emotionalen: Seine Bilder üben eine faszinierende Wirkung aus. Man spürt die Anspannung beim Giessen, wenn die glühende Flüssigkeit mit einem «Gut Guss!» ihrer Form zugeführt wird und wenn nach tagelangem Auskühlen das Kunstwerk aus seinem Gefängnis befreit wird. Obwohl die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterschiedliche handwerkliche Ausbildungen und berufliche Hintergründe mitbringen, eines scheint ihnen gemein zu sein: die Leidenschaft für das traditionelle, archaische und manchmal gar als magisch bezeichnete Handwerk. Laila Pauli, die seit zwei Jahren fest zum Team der Kunstgiesserei gehört, fasst ihre Faszination in Worte: «Der Blick in die flüssige Bronze hat mich von Anfang an gepackt – und dass es ein tausende Jahre altes Handwerk ist. Alles ist noch wie früher, nur mit etwas mehr Luxus und weniger Schweiss und Blut».

Globale Arbeitsteilung

Alles wie früher? Das mag auf den Akt des Giessens zutreffen. Das hoch spezialisierte Kunsthandwerk blieb aber nicht unberührt von Prozessen, die heute gemeinhin unter dem Begriff der Globalisierung zusammengefasst werden. Die Verhältnisse in Produktion und Kunstbetrieb haben sich verändert: Künstler und Künstlerinnen wurden zu Ideenlieferanten und Unternehmerinnen. Der eigentliche künstlerische Akt ist heute das Konzept, dessen Umsetzung geschieht arbeitsteilig. Während in der frühen Moderne handwerkliches Können ein wesentlicher Aspekt künstlerischen Schaffens war, richtete sich die Kunst in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts immer stärker konzeptionell aus. Die Autorschaft bewegte sich seither stetig weg von der Materie und dem Umgang mit ihr. Wer hats gemacht? Vielen der Künstler, die heute mit der Kunstgiesserei zusammenarbeiten, fehlt das nötige reiche Wissen über Materialien und Techniken – ihre Werke könnten ohne das Know-how der Mitarbeiter der Kunstgiesserei kaum entstehen.

Der Film führt uns in eine Welt, in der ein Tonklumpen von 5 cm Grösse (Urs Fischers Big Clay #3) mittels Computer-Tomografie in elektronische Daten umgewandelt wird, als Styropormodell ans andere Ende der Welt in Asien transportiert wird, wo er in einem eigens für die benötigte Legierung gefertigten Schmelzofen zu einer zehn Meter hohen Aluminiumskulptur transformiert, für den Weitertransport in zehn Stücke geteilt und zusammengepackt in Containern nach Amerika verschifft wird, um schliesslich im Namen des Künstlers in der Nähe von New York seinen endgültigen Platz zu finden. Auf wenige Sekunden für das Formen des Tonklumpens folgen unzählige Monate bis zur Fertigstellung der übergrossen Skulptur.

Im Prozess von der Idee zum fertigen Werk ist die Rolle der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Giesserei zwar elementar, bleibt aber nahezu unsichtbar. Man tritt vollständig hinter den Namen des Künstlers zurück. Die Bildhauerin Rita Kappenthuler beschreibt im Film ihre Beziehung, die sie zum Ergebnis ihres Schaffens aufbaut: «Wenn das fertige Werk dann in der Ausstellung steht, gehört es zu keinem Teil mir – nur meine Arbeit steckt drin. Wenn mir die Arbeit gefällt oder ich Spass hatte daran, ist ein gewisser Stolz dabei. Doch der Anteil, den ich daran hatte, bleibt geheim. Das ist auch gut so.»

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Der Gründer des Sitterwerks Felix Lehner bei der Arbeit (Filmstill).

Dass die Kunstgiesserei St.Gallen überhaupt zu ihrer heutigen Dimension wachsen konnte, hängt direkt mit dem Niedergang der schweizerischen Industrie zusammen. Schumachers Film erzählt auch ein Stück Schweizer Wirtschaftsgeschichte: Maschinen und Materialien, mit denen der umtriebige Felix Lehner sein Imperium aufbaute, erwarb er kostengünstig bei der Schliessung industrieller Giessereibetriebe in der Region. «Anfangs der Achtzigerjahre begann die Krise in der Maschinenindustrie, 1993 schlossen Georg Fischer, Sulzer und Oerlikon. Bei den Liquidationen konnte ich Material kaufen, das ich mir sonst unmöglich hätte leisten können. Wir kamen wie die Schrotthändler ins Sittertal: Zwanzig Lastwagen von verschiedenen Fabriken lieferten Material.»

Eine direkte Folge des Erfolgs und der wachsenden Nachfrage ist die Zusammenarbeit mit der Partnerfirma in Shanghai. Der Entscheid, in China zu produzieren, war in der Kunstgiesserei umstritten und führte zu heftigen Diskussionen. Felix Lehner: «Zu den Themen ‹Globalisierung›, ‹Dritte Welt› und ‹Preisgefälle› gab es viele Diskussionen bei uns. Es gab Mitarbeiter, die sich entsetzt fragten: Wozu regionale Produkte kaufen und gleichzeitig in einer Giesserei arbeiten, die mit riesigen Transporten ihre Sachen in China produzieren lässt? Das kann doch nicht aufgehen!». Ein Mitarbeiter, der in der Kunstgiesserei arbeitete, als das Unternehmen noch rund ein Drittel der heutigen Angestellten beschäftigte, bestätigt: «Für uns war das damals schwierig zu akzeptieren.» Weshalb hat sich die politische Haltung mit der grösseren Anzahl Angestellten geändert? «Ich denke nicht, dass die Leute heute weniger politisch sind als früher. Für die, die neu in den Betrieb gekommen sind, ist es schlicht eine Tatsache, auf die man sich einlässt und die man nicht immer wieder von Neuem hinterfragt».

Die Zeiten haben sich geändert, und die Kunstgiesserei versucht, das Beste daraus zu machen – dazu gehört auch der sorgsame Umgang mit den Arbeitsbedingungen in China. All dies schwingt, nebst der Faszination für das Handwerk, auch in Schumachers Film mit.

 

Feuer & Flamme läuft ab 11. Juni im KinokPremiere in Anwesenheit des Regisseurs Iwan Schumacher und von Felix Lehner, dem Gründer der Kunstgiesserei und Mitinitiator der Stiftung Sitterwerk

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