Zuerst waren da Bücher. Der Wunsch, gewisse Literatur auch in St.Gallen zu finden. Politisches, das es sonst nirgends gab, beispielsweise. Kurz: eine engagierte Buchhandlung. Nur Comics gab es bereits, ein Comic-Laden war die eigentliche Vorgängerin der Comedia. Die konkrete Idee zum Laden kam, wie so manches, beim Bier. «Wir waren alle befreundet und redeten viel darüber, dass wir in St.Gallen eine Buchhandlung bräuchten. Also gründeten wir sie.» Das erzählt Pius Frey, der seither ununterbrochen Teil der Buchhandlung ist.
Wie er selber auch war damals niemand vom Fach, im Gegensatz zu heute. Finanziell über die Runden kamen die Beteiligten, indem sie auf dem Bau oder in der Buchhaltung arbeiteten oder an einer Schule unterrichteten. Rundherum wurden damals genossenschaftliche Betriebe gegründet – der Stadtladen und der Schwarze Engel beispielsweise.
Einheitslohn, Entscheide im Kollektiv
Die Buchhandlung Comedia aber startete im November 1982 als GmbH. Weil schon bald das Geld fehlte, entschloss man sich 1988, das Projekt als Genossenschaft zu führen. Wer konnte, kaufte Anteilscheine ab 100 Franken und spülte Geld so in die Kasse. 200 Genossenschafterinnen und Genossenschafter sind es heute, mit ganz unterschiedlich hohen Anteilen. Ganz gleich aber, wie viel Geld eine Einzelperson in den Betrieb steckte, sie oder er hatte nur immer eine Stimme. Das ist auch im Betrieb so, niemand hat mehr zu sagen als andere. Die Mitarbeitenden zahlen sich einen Einheitslohn nach Gesamtarbeitsvertrag aus und Entscheidungen werden im Kollektiv gefällt.
Und was passiert bei Meinungsverschiedenheiten? «Wir diskutieren», antworten Pius Frey und Sandra Tschümperlin, zwei der vier heutigen Mitarbeitenden. «Es gab Zeiten mit grossen, grossen Auseinandersetzungen. Mit Geschrei», sagt Frey lachend. Früher habe man ewig darüber diskutieren müssen, ob es jetzt eine riesige Spezialabteilung zu Gentechnologie brauche. Das sei schon lange vorbei, sie habe das kaum noch erlebt, wiegelt Sandra Tschümperlin ab, die immerhin schon 20 Jahre in der Comedia steht. «Heute diskutieren wir darum, wie wir überleben. Wo wir allenfalls Kosten einsparen können.» Das Sortiment wird immer noch intensiv besprochen, denn Fehlkäufe sind im Buchhandel fatal. Wenn die Comedia Inventur macht, schreibt sie die Bücher, die nicht nachgefragt worden sind, erst nach drei Jahren herunter – um einiges langsamer als die meisten Buchhandlungen. Und öfters kopfschüttelnd, weil Perlen darunter sind.
Und die Mitsprache der Genossenschafterinnen und Genossenschafter? Die jährliche GV diskutiere zwar Bilanz und Erfolgsrechnung intensiv, aber nicht das Sortiment, sagt Pius Frey. Gelegentliche Auseinandersetzungen um inhaltliche Fragen oder auch mal einen Austritt habe es in der Comedia-Geschichte zwar gegeben, aber wer einen Anteilschein erwerbe, stehe in aller Regel auch hinter der Linie der Buchhandlung. «Wenn sich der Laden inhaltlich stark verändern würde, dann würde ich hingegen hoffen, dassMischung, die Genossenschaftsmitglieder sich dagegen wehren.»
Stärker mit dem Tagesgeschäft hat der Verwaltungsrat zu tun; ihm gehören die vier Teammitglieder sowie zwei aussenstehende Fachleute an, Personen mit betriebswirtschaftlichem Knowhow und politischer Vernetzung. Sie sollen Impulse geben und würden vermitteln, falls es zu Konflikten im Team käme – was selten der Fall ist.
«Du kannst nicht immer nur jammern, du musst halt mitmachen», sagt Pius Frey. (Bild: Andri Bösch)
Die Krise, mit der die Buchbranche seit vielen Jahren kämpft, hat die Comedia überlebt. 2013, als die Buchhandlung ihr 30-jähriges Bestehen feierte, schrieb Wolfgang Steiger in Saiten sogar: «Der Comedia geht es gut, vielleicht so gut wie nie.» Kurz vorher sei man gerade knapp dem Konkurs entgangen, erklärt Frey die damalige Euphorie. Das Jubiläum kam während des Aufwärtstrends.
Und heute? «Es geht gut. Wir haben inzwischen schon die nächste Krise geschafft», ergänzt Sandra Tschümperlin. Es ist ein ewiges Auf und Ab, im Rhythmus von fünf, sechs Jahren. Die Gründe dafür sind aber immer extern. Der Onlinehandel, der Preisdruck, die Konzentration auf grosse Buchhandlungen – all das geht auch am Laden in der St.Galler Katharinengasse nicht spurlos vorbei. Und das wirkt sich offensichtlich auch auf Veranstaltungen aus. Früher lasen nicht nur lokale Schriftstellerinnen in der Comedia, sondern alle grossen Schweizer Autorinnen und Autoren. Niklaus Meienberg, der beides war, stellte jedes seiner neuen Bücher vor. Herta Müller und Paul Parin, Nuruddin Farah und Kettly Mars, Mariella Mehr und Peter-Paul Zahl – sie alle standen oder sassen in den Räumen an der Katharinengasse.
Heute geht das nicht mehr, Lesungen haben sich von einer Werbeveranstaltung für ein Buch zu einer Einnahmequelle für die Autoren gewandelt – analog zur Musikbranche, wo das Geld mit Konzerttickets und nicht mehr mit Platten oder CDs verdient wird, verlangen die Lesenden schnell einmal 600 Franken pro Abend. «Die Zuhörerinnen und Zuhörer hingegen kommen nur, wenn der Anlass gratis ist», sagt Frey. Daraus hat sich eine Zusammenarbeit mit der Bibliothek in der Hauptpost oder dem Palace ergeben. Diese treten als Veranstalter auf, und die Comedia macht den Büchertisch.
Weniger ideologisch als andere
Trotz solcher Umbrüche: Die Comedia lebt, im Unterschied zu den meisten Genossenschaftsbuchhandlungen, die in den 80ern gegründet wurden. Vielleicht liegt es an der «heissen Mischung», wie es Frey nennt: engagierte Literatur zusammen mit Comics und Mangas. «Viele Linke fanden das damals abstrus, aber ich behaupte, es ist der Grund, dass es uns noch gibt.» Die Comedia habe immer ein weniger ideologisches Sortiment gepflegt als andere Buchhandlungen, die ihr eigenes Programm beinahe «sektiererisch» zensuriert hätten. Dann sagt der pragmatische Frey einen Satz, der so oder ähnlich in jedem Text stand, der jemals über die Comedia erschien: «Man muss ja Geld verdienen!»
Mit den Mangas und Comics klappt das nicht schlecht. «Wer daran interessiert ist, kommt oft vorbei, stöbert, fragt nach, ob der neueste Band einer Reihe schon erschienen ist» sagt Sandra Tschümperlin. Doch auch in diesem Bereich ist der Online-Handel eine Konkurrenz. Einmal habe sie jemanden erwischt, der Manga-Covers abfotografierte – vermutlich, um sie danach günstiger im Internet zu kaufen. «Ich habe erklärt, warum das nicht geht. Dass wir kein Museum sind, sondern ein Laden. Danach passierte es nicht mehr.»
Wie viele Leute im Laden stöbern und dann doch anderswo bestellen, wissen sie nicht. Das gibt schliesslich niemand zu. Manchmal merke sie aber, dass jemand mit einem speziellen Wunsch vor allem deshalb im Laden stehe, weil das Buch auf Amazon nicht erhältlich sei, sagt Sandra Tschümperlin. Der Comedia kann das nur recht sein. Seit langem verkauft sie auch selber über das Internet gedruckte Bücher und auch E-Books. Vermutlich habe man sogar zu den ersten Online-Shops der Schweiz gehört. «Du kannst nicht immer nur jammern, du musst halt mitmachen», sagt Pius Frey. Das Sortiment ist jenes des Schweizer Buchzentrums – ebenfalls eine Genossenschaft übrigens. Die meisten Kundinnen und Kunden würden die Bestellungen aber nicht per Post erhalten, sondern persönlich im Laden abholen.
Der Online-Auftritt der Comedia läuft über einen ärgerlichen Bindestrich. «Als 1998 die Gewerkschaft mit dem gleichen Namen gegründet wurde, hörten wir genau einen Tag zu spät davon. Die Webseite comedia.ch war gerade reserviert worden.» Das Anliegen der St.Galler Buchhandlung, die doch schon viel länger so hiess (auch der Name war das Ergebnis einer geselligen Runde mit viel Bier), ihr die URL a zutreten, fand kein Gehör. Obwohl der Kontakt eigentlich gut war – die Buchhändlerinnen und Buchhändler waren in eben dieser Gewerkschaft organisiert. Jedenfalls riefen Gewerkschaftsmitglieder noch jahrelang im Laden an, im Glauben, es handle sich um eine Ostschweizer Filiale. Den Namen hat die Gewerkschaft inzwischen schon wieder geändert, die Buchhandlung behielt den Zusatz -sg.ch trotzdem.
Was die Genossenschaft Comedia neben einer Überlebenskünstlerin ganz bestimmt ist: eine sichere Arbeitgeberin. Sandra Tschümperlin ist seit 20 Jahren dabei, Lea Aeple seit 13, Regula Rechsteiner seit 7 Jahren. Pius Frey, das Gründungsmitglied, steht seit 36 Jahren im Buchladen. Aber nicht mehr lang: Im Mai wird Frey pensioniert. Eine Nachfolgerin ist bereits gefunden – jung genug, damit sie ebenfalls ihr halbes Leben an der Katharinengasse verbringen kann.
Dieser Beitrag erschien im Aprilheft von Saiten.
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