, 7. August 2022
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Heisse Nächte in Klein-Sibirien

Hin kommt man nur zu Fuss, vom Dorf in rund dreiviertel Stunden, mit dem Velo oder per Shuttlebus. An drei Wochenenden bringt der Siberian Summer das Tal am Bruederbach hinter Trogen zum Vibrieren.

Für drei Wochenenden Festivalort: Klein-Sibirien. (Bilder: Su.)

Sibirien will zu Fuss erobert sein – «Klein Sibirien» nennt sich mit ironischem Unterton die Liegenschaft in der Lichtung auf halbem Weg zwischen Trogen und dem Gäbris, ein abgelegener Flecken Erde, offizieller Flurname: Grueb, ein Ort abseits der Menschenströme, wenn nicht gerade Festival ist.

Zum vierten Mal ist das jetzt im August der Fall. Seit dem letzten Siberian Summer hat sich das Festival verlängert und das Areal verändert. Andri Girsberger hat mit vielen Helfer:innen im letzten Jahr das Haus renoviert, Bäume und Sträucher gepflanzt, einen Garten und ein Biotop angelegt, einen Brunnen gebaut, Scheiterbeigen kunstvoll aufgeschichtet. Was vorher Wiese war, verwandelt sich mit beeindruckendem Tempo und Idealismus in eine Permakultur-Landwirtschaft.

Mitten drin ragt das Zelt auf, geknüpft aus Militärblachen, vorne offen, hinten von der Bar abgeschlossen, die zwischen Scheiterbeigen stimmungsvoll Platz gefunden hat. Ein anderer Holzunterstand schützt die Feuerküche, Tische und Bänke, davor eine improvisierte kleine Bühne für die musikalischen Intros vor den Hauptkonzerten.

Hackbrettvirtuose Elias Menzi aus Rehetobel spielte hier am Freitag zum Auftakt, am Samstag machten die Einheimischen Werner Meier und Christian Fitze mit Geige und Hackbrett auf. Nach den Konzerten legen an den Festivalabenden jeweils DJs aus der Region auf.

Einheimische Künstlerinnen und Künstler neben Bands von weiterher mit einzubeziehen, sei ein wichtiger Teil, sagt Laura Scammacca, die mit ihrem «Wildwomenfolk» im Duo Mokoš am hochsommerlichen Donnerstag das Festival eröffnete und die auch den Trägerverein präsidiert. Dorf und Welt in friedlicher Atmosphäre zusammenzubringen ist für sie ein zentrales Anliegen.

Das scheint zu gelingen, das Publikum ist gemischt, viele Kinder, die Szene tendenziell «alternativ», so hat man das früher genannt, aber auch ohne Schubladisierung steht fest: Der Siberian Summer ist eine Alternative zu den Hightechfestivals von Sittertobel bis Allmend.

Nachhaltige Materialien sind eine Selbstverständlichkeit im empfindlichen naturnahen Klein-Sibirien, ebenso der sorgsame Umgang mit Ressourcen und Abfall, Wasser aus der eigenen Quelle oder Appelle an das Publikum, auf dem Nachhauseweg mit «stillem Gehen» die Nachbarn nicht zu stören. Dazu gehört auch ein Katalog von Werten, die auf der Website aufgelistet sind: «familiär, fair, offen, herzlich, wach, achtsam, verspielt, wild, dem Schönen verpflichtet, liebevoll».

Das Musikprogramm schlägt Haken in alle Himmelsrichtungen, mit Schwerpunkt: tanzbar. So ist es am Freitagabend beim Calypso-lastigen Gastspiel von Naomi And The Dub Collective. Sängerin und Ukulelespielerin Naomi Jessica Sigfalk, aus der Schweiz nach Portugal ausgewandert, macht mit ihrem Quartett auf Europatournee zwischen der Schweiz, Deutschland und Schweden am Gäbrishang Halt. Und heizt mit ihrer starken Stimme und der Powerband im Rücken das pumpenvolle Zelt trotz nächtlichem Regen in Kürze auf.

Naomi And The Dub Collective im Zelt.

Von der Karibik in den keltischen Norden: Am Samstagabend, jetzt unter wolkenverhangenem Himmel, bringen die Berner Musikschamanen von Marama Tribe das Zelt definitiv zum Vibrieren. Zwei Stunden lang jagt Thom Freiburghaus seinen Dudelsack über die Bühne, getrieben von Djembespieler Philip Ryf und dem fantastisch präzisen Surdoduo Mirjam Gosteli und Frederik Rechsteiner.

Siberian Summer: bis 20. August, Klein-Sibirien, Trogen

siberiansummer.ch

An den nächsten zwei Wochenenden sind Theater und heimische Volksmusik angekündigt, ein tanzfreudiger Bal-Folk-Abend mit Philu und Sol-Do, Street Brass mit T-Quad, die Gipsypunks von Hermanos Perdidos oder, zum Finale am 20. August, die israelische Ethno-Elektronik-Band anna RF, die sich zwischen Ost und West, traditionellen und modernen Instrumenten in einer eigenwilligen Stilnische bewegt.

Bei aller Prachtsstimmung im Zelt: Am schönsten ist der Heimweg. Am Samstagabend zur letzten Zugabe von Marama Tribe: Der Dudelsack klingt von fern aus dem Zelt nach, die farbigen Lichtgirlanden sind nur noch Punkte, vom Wald her hallen die Trommelschläge wunderlich verwandelt nach, als würden Wölfe heulen. Der Weg verliert sich im dichten Nebel.

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