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«Hey sorry, aber könnt ihr verdammt nochmal aufhören, unseren Planeten kaputt zu machen?!»

Waffen hat er schon als Kind gehasst: Robin Eichmann engagiert sich gegen den Krieg in der Ukraine. Und sieht Pazifismus als Teil des globalen Kampfs für Gerechtigkeit und gegen die Macht des Kapitals. Das Interview aus dem Aprilheft von Saiten.
Von  Peter Surber
«Krieg dient nur den Interessen der Mächtigen»: Robin Eichmann. (Bild: Su.)

Saiten: Du hast die grosse Friedensdemo in St.Gallen vom 5. März mitorganisiert. Was hat dich dazu motiviert?

Robin Eichmann: Der Initiant war Moritz Rohner, und mit mir haben viele von der JUSO und der SP mitgeholfen. Inhaltlich: Ich bin vor etwa drei Jahren politisiert worden, stark auch von der Klimakrise, aber die Militärthematik hat mich schon länger umgetrieben. Als Kind war ich immer der, der die Waffen nicht ausstehen konnte. Ich habe mich dann auch klar für Zivildienst entschieden und bin in die GSoA und die JUSO eingetreten.

Was heisst für dich: Engagement für den Frieden?

Für uns ist ganz klar: Mit Waffen löst man keinen Konflikt. Es braucht diplomatische Verhandlungen, Zusammenarbeit, nachhaltige politische Lösungen. All die Kriege des letzten Jahrhunderts haben zu Verträgen geführt, die bei den Verlierern Wut und Revisionsgelüste ausgelöst haben – ähnlich wie jetzt auch in der Ukraine: Putin fühlt sich bedroht und versucht, die alten Sowjetgrenzen wiederherzustellen. Den politischen Gegner als Feind zu sehen und die Probleme mit Krieg zu lösen, ist nie nachhaltig. Die Welt muss einsehen, dass wir miteinander verbindliche internationale Regeln schaffen müssen.

Dafür gibt es ja mit der UNO, der EU etc. Organisationen.

Aber sie haben nicht die nötige Wirkung. All die grossen Probleme, die Klimakrise, Kriege, soziale Ungleichheit, Rassismus, das Patriarchat, Migrationsprobleme, all das hat System. Ein paar Mächtige haben es in der Hand, die Welt nach ihrem Willen zu gestalten oder zu zerstören. Dieses System muss durchbrochen werden.

Du denkst, es sind ein paar wenige Mächtige, die die Fäden ziehen?

Ja, es gibt die Macht der Reichsten, des einen Prozents, die Macht des Kapitals. Die Sanktionen richten sich jetzt ja bezeichnenderweise gegen die Oligarchen und damit gegen die geballte Finanzmacht Russlands, die vom Krieg profitiert. Für die Bevölkerung bringt ein Krieg immer nur Leid, Tod und Zerstörung. Krieg ist immer ein Mittel für die Durchsetzung der Interessen der Mächtigen.

Die Sanktionen zeigen richtigerweise, wo man ansetzen muss – allerdings mit noch nicht absehbarer Wirkung.

Ja, und jetzt stellt sich die SVP dagegen, weil Sanktionen angeblich unsere Neutralität verletzen. Dabei war es ein absolut notwendiger Schritt. Wir dürfen die Schweizer Neutralität nicht als Ausrede sehen, uns aus allem herauszuhalten, sondern wir müssen klare Kante zeigen und sagen: Krieg machen wir nicht mit! Der Sitz der Schweiz im Sicherheitsrat ist in dem Sinn wichtig. Wir brauchen eine aktive Neutralität, ohne uns zu verstecken.

Du bist optimistisch, dass dieser Weg gelingen kann?

Ich glaube zumindest, dass die Jungen längst auf diesem Weg sind. Wir haben an der Kanti die internationalen Organisationen, das Menschen- und Völkerrecht durchgenommen und waren immer wieder verblüfft, dass es zwar verbindliche Regeln gibt – aber zugleich das Vetorecht der Grossmächte verhindert, dass man vorwärts kommt. Am Ende setzen doch die Nationalstaaten ihre Interessen durch. Meine Generation ist nicht in diesem Ost-West-Narrativ des Kalten Kriegs daheim. Wir sind global aufgewachsen und daran gewöhnt, international oder sogar antinational zu denken und zu handeln. Es braucht keine nationalen Grenzen.

Krieg war für dich vermutlich kein Thema, bis jetzt der Ukraine-Krieg kam?

Als Kind war das kein Thema. Der Zweite Weltkrieg kam höchstens in Erzählungen der Grossmutter mal vor. Aber als ich anfing, mich politisch zu interessieren, war das schon anders. Es ist ja nicht so, dass wir jetzt plötzlich einen Krieg haben. Es gab in den letzten Jahren 30 Kriegsschauplätze weltweit. Klar ist der Krieg jetzt näher, in Europa, wo man ihn nicht für möglich gehalten hätte.

Und wir sind über die Medien quasi in Echtzeit dabei.

Das kommt noch hinzu. Am Anfang bin ich auch praktisch alle paar Minuten am Liveticker gehangen. Aber das hat mir gar nicht gutgetan. Kriegsbilder machen krank.

Hast du selber Angst?

Ich fühle mich nicht persönlich bedroht. Aber ich fühle mich angegriffen durch die Kriegsideologie. Das verletzt die Grundsätze, für die ich mich einsetze, mein Ideal einer Welt, die in mir lebt, die ich mitgestalten möchte. Aber genauso greift es mich an, wenn People of Color an unseren Grenzen zurückgewiesen werden. Ein Satz wie in der NZZ – «Und dieses Mal sind es echte Flüchtlinge» – tut mir weh und macht mich zugleich hässig. Manchmal muss man hässig werden, um klar sagen zu können: Das geht nicht. Drum müssen wir zusammenkommen, uns an einer Friedensdemo Halt geben, miteinander in St.Gallen in den Nachthimmel schreien: Wir wollen Frieden! Genauso ist es mit dem Klima. Wenn die Politik nichts macht, was unsere Zukunft verbessert, so müssen wir gemeinsam hässig sein.

Hässig ist aber nicht friedlich.

Natürlich muss man den Dialog finden, aber wenn man konsequent überhört wird, gerade in der Klimafrage, dann braucht es den Widerstand, prägnant und konsequent stop zu sagen.

Gewaltfrei?

Ja – als Selbstverteidigung kann allerdings Gewalt als letztes Mittel auch angebracht sein. Wenn man angegriffen wird im politischen Sinn, zum Beispiel mit polizeilicher Repression bei Demos, dann gibt es sicher legitime Formen der Selbstverteidigung.

Wie hängen Klimaengagement und Kampf für den Frieden zusammen für dich?

Die Lösung kann nur sein, die Dinge zusammen zu betrachten und gemeinsam anzupacken. Das kapitalistische System schafft eine Menge Probleme. Das CO2-Gesetz etwa war für uns unbefriedigend, weil es Massnahmen enthielt, die jeden Einzelnen getroffen hätten – dabei verursachen der Finanzplatz und die paar reichsten Unternehmen die schlimmsten Emissionen. Aufs Klima bezogen, heissen die «Oligarchen» Glencore oder Nestle. Da taugt die bürgerliche Antwort, jede und jeder müsse bei sich selber anfangen, aus meiner Sicht nichts. Eigenverantwortung zu fordern, damit die Wirtschaft in Ruhe gelassen werden kann, ist kein Weg. Der Kapitalismus funktioniert für die Reichen gut, auch für uns in der Schweiz, aber immer auf Kosten des globalen Südens und auf Kosten der FLINTAs. Da braucht es Gegensteuer, es braucht globale Solidarität, die über die Solidarität mit dem ukrainischen Volk hinausgeht.

Hast du eine Vision, wie das gelingen könnte?

Unser Slogan heisst «No Nations, no Borders». Nationalstaaten organisieren sich in Bündnissen, in denen dann doch jeder seine eigenen Interessen verteidigt, statt mitzuwirken an gerechten Regeln für alle. Was nützen völkerrechtliche Verbindlichkeiten, wenn sie von einem Putin einfach zerschmettert werden können? Es müsste eine Reform der UNO geben, und es müsste gelingen, das Nationalismus-Denken zu überwinden. Gerade in der Schweiz. Sie soll sich einbringen in die Welt, nicht damit es ihr gut geht, sondern damit es allen gut geht. Wir müssen alle in die Rechnung hineinnehmen – auch wenn uns das ein Stück Wohlstand kostet.

Trägst du dazu auch in deinem eigenen Lebenswandel bei? Du hast vorher das Prinzip der Eigenverantwortung in Frage gestellt.

Ich fliege nicht mehr, ich esse seit zwei Jahren kein Fleisch, aber mittlerweile gurkt mich das auch manchmal an. Ob ich heute abend ein Cordonbleu esse oder nicht, wird den Schweizer Finanzplatz nicht dazu bewegen, nicht mehr in Erdöl zu investieren. Wichtiger als diese Form von Eigenverantwortung, die die Probleme privatisiert, ist es, als Menschen zusammenzustehen und zu sagen: He sorry, aber könnt ihr verdammt nochmal aufhören, unseren Planeten kaputt zu machen?!

Zurück in die Ostschweiz: Es gab hier ja eine starke Friedensbewegung, ausgelöst vom Widerstand gegen die atomare Aufrüstung in den 70er- und 80er-Jahren oder gegen den Waffenplatz Neuchlen-Anschwilen. Knüpft ihr an diese Bewegung an? An der St.Galler Demo waren zumindest alle Generationen vertreten.

Juso, GSoA und das Antifaschistische Bündnis haben letztes Jahr die Broschüre «Rüstungsplatz Ostschweiz» herausgebracht, in der auch die Anfänge der Abrüstungsbewegung vorkommen. Aber sonst bestehen bis jetzt wenig Kontakte. Die GSoA ist vor allem schweizweit aktiv. Und für uns JUSOs ist Frieden nur ein Teil eines umfassenden Widerstands. Wir wollen Dinge ansprechen, die jetzt im Ukraine-Konflikt weniger zur Sprache kommen, die Verantwortung des Finanzplatzes und der Rohstoffunternehmen, das Klima, auch die sozialen Ungerechtigkeiten, und ganz zentral sind der Queerfeminismus und die Bekämpfung patriarchaler Strukturen. Wir haben so viele Fronten, an den wir kämpfen, und entscheidend ist für uns, aufzuzeigen, wie all dies zusammenhängt – und damit letztlich eben das System zu stürzen.

Direkt nach dem Angriff auf die Ukraine kamen in der Schweiz die Forderungen nach Aufrüstung. Was sagst du dazu?

Aus der Einsicht, dass Krieg nie die Lösung sein kann, muss man ganz klar jede Aufrüstung ablehnen. Wir geben schon jetzt 10 Milliarden pro Jahr für die Armee aus. Sie muss schrittweise abgebaut werden, es braucht einen sinnvollen Zivildienst und keine allgemeine Wehrpflicht. Langfristig müssen wir über die Abschaffung der Armee diskutieren, denn wir brauchen eine Welt ohne Waffen, in der Diskurs und Diplomatie die Mittel zur Konfliktlösung sind.

Damit stehst du zurzeit auf verlorenem Posten.

Bei der Kampfjet-Initiative wird es sicher schwierig werden zu argumentieren, dass die Jets keinen Nutzen in der heutigen Bedrohungslage haben. Dabei ist aus unserer Sicht die Faktenlage unverändert: Wir brauchen diese Jets nicht, sie stehen für eine aggressive Aussenpolitik, die keine Zukunft hat. Und es ist schon sehr widersprüchlich, wenn die SVP einerseits Kampfflieger will und andererseits Sanktionen mit Verweis auf die Neutralität ablehnt.

Was sind die nächsten Friedensaktionen?

Es wird weitere nationale Friedensdemos geben. Die grosse Demo in Bern hat ja offensichtlich Wirkung gehabt – zwei Tage später hat der Bundesrat sich den Sanktionen angeschlossen. Man muss aber daran erinnern: Der Krieg gegen die Ukraine ist nicht der einzige Konflikt. Es gibt andere Fronten, an denen wir das System angreifen müssen. Dringend ist jetzt die Migrationsfrage. Es geht nicht an, dass zweierlei Recht für Geflüchtete gilt. So positiv es ist, wenn Ukrainer:innen so unkompliziert aufgenommen werden, so klar ist, dass der Schutzstatus S für alle gelten muss, die aus einem Krieg flüchten, nicht nur aus einem europäischen Krieg. Und dann kommt im Mai die Frontex-Abstimmung, bei der es auch um die Migrationsfrage geht.

Was wäre dein Schlussappell – anders gesagt: Was schreibst du auf dein Transparent an der nächsten Friedensdemo?

Es geht mir wie vorhin erklärt darum, zu zeigen, wie stark all diese Themen und Kämpfe zusammenhängen. Drum wäre es wohl eine Liste, etwa so: «Klima, Kapitalismus, Krieg, Nationalismus, Patriarchat – FIGHT THE SYSTEM!»

Robin Eichmann, 2001, aus Goldach, wohnt in St. Gallen und ist Vorstand der JUSO Stadt St. Gallen, Rheintal, Appenzell, Mitglied der GSoA und im Klimastreikkollektiv St. Gallen. Er arbeitet im Theaterbüro des Komiktheaters, wo er zuvor seinen Zivildienst leistete. Ab September studiert er Kommunikation/Medien und Recht an der Uni Zürich.

Das Gespräch erscheint in leicht gekürzter Form auch im Aprilheft von Saiten.

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