Kategorie
Autor:innen
Jahr

Hier gibt es nichts zu sehen

In seiner neuen Ausstellung nimmt sich das Ostschweizer Kollektiv Gaffa das grüne Mysterium der Einfamilienhausschweiz vor: den Garten. Bis 28. Januar ist «What Ever Green» im Zeughaus Teufen zu sehen. Heute ist die Vernissage.
Von  Corinne Riedener
Grafik: Pauline Mayor, Loïc Volkart

Bädelen, sändelen, sünnelen. Bei jeder Gelegenheit grillieren, richtiges Fleisch natürlich, tsch, tsch, nicht diesen Vegischnitzelkäse, denn daheim darf man ja schliesslich noch machen, was man will, nöd wohr. Ganz unbemerkt. Weil der heimische Garten, dieser letzte Ort der Selbstbestimmung und Berechenbarkeit in einer sich immer schneller drehenden Welt, gut eingepackt und schwer einsehbar ist. Umgeben von Zäunen, Gabionen und Steinsäulen made by Zaunteam. Und dem beliebtesten aller Sichtschütze: der Thujahecke.

Der Garten, sofern man denn einen hat, gehört zu den grossen Mysterien der Einfamilienhausschweiz. Er ist eine Vermutung, eine Verheissung, auch ein Vorurteil. Ein gekauftes Stück Privatsphäre, das es zu schützen gilt. Niemand ausser den Bewohner:innen weiss, was hinter der grünen Grenze vor sich geht und das ist auch gut so. Manchmal dringt Gelächter nach draussen, manchmal fluppt ein Federball über die Hecke, manchmal schleicht eine Katze durchs Loch. Was würden die hohen Hecken erzählen, wenn sie könnten?

Irgendwo surrt ein Rasenmäherroboter

Diese Frage greift das Ostschweizer Kollektiv Gaffa in seiner Ausstellung «What Ever Green» im Zeughaus Teufen auf. Gaffa macht die Thujahecke zur Hauptattraktion. Der Lebensbaum gehört in unseren Breitengraden zum Standardinventar der besitzenden Klasse. Keine Agglo ohne Thuja. Der pflegeleichte Baum ist dicht, immergrün, gut formbar, aber auch so giftig, dass kaum ein Tier darin lebt.

Die Gaffa-Installation im ersten Stock des Zeughauses ist massiv. Das Kollektiv, bestehend aus Wanja Harb, Dario Forlin, Lucian Kunz und Linus Lutz, hat knapp eine Tonne Plastik-Thuja verbaut, insgesamt 200 Quadratmeter. Von den Holzsäulen im historischen Raum ist kaum mehr etwas zu sehen, dafür öffnet sich nun ein Vorstellungsraum, eine grüne Vorortfantasie. Gleichermassen heimelig wie unbehaglich. Und irgendwo surrt ein Rasenmäherroboter.

«Hier gibt es eigentlich gar nichts zu sehen», sagt Kunz beim Aufbau, während Forlin und Harb die riesigen Thujahecken in Form striegeln. Lutz ist mit dem Einpassen eines Metallzauns beschäftigt. «Wir zeigen nur eine Alltagskulisse, eine modellhafte Situation, die so klinisch ist, dass die Fantasie automatisch beflügelt wird.» Die Installation sei «kein aktiver Fingerzeig», ergänzt Forlin, «aber sie ist dennoch eine kritische Auseinandersetzung mit der Verschlossenheit von Einfamilienhaussiedlungen, die keinen Mehrwert für die Gemeinschaft bieten.»

Absurditäten in 2D und 3D

«What Ever Green» ist die vierte Gaffa-Ausstellung. Ursprünglich kommt das Kollektiv vom Zweidimensionalen. Seit 2016 veröffentlicht Gaffa monatlich ein Fanzine mit trippigen Bildmontagen, Remixes und doppelbödigen Twists. Beste Unterhaltung in A5. Die Zine-Themen heissen «Pilze», «Healthy Life», «Kugelschreiber», «Pneu» oder «Trampolin». Dabei gibt es wiederkehrende Motive; Autos, Maschinen, Männer, allerlei Tiere und was sonst noch so kreucht und fleucht.

What Ever Green: bis 28. Januar, Zeughaus Teufen

Vernissage: 28. Oktober, 17 Uhr

zeughausteufen.ch
gaffa.world

Die raumgreifenden Installationen von Gaffa sind subtiler. Sie heben sich ab von den humorigen 2D-Arbeiten im Zine. Die erste Ostschweizer Ausstellung 2020 im Lagerhaus in St.Gallen war noch am ehesten eine Übersetzung der Gaffa-Zine-Kunst ins Dreidimensionale. Drei riesige Nacktschnecken lebten ihr bestes «Sluglife» im Architekturforum, gebaut aus Dachlatten, Hasengitter und Kleister. Auch hier hat Gaffa etwas Alltägliches in den White Cube geholt und in einer riesigen Absurdität Denkräume eröffnet.

Nach diesem Konzept funktioniert auch «What Ever Green». Diese jüngste Ausstellung im Zeughaus zeigt aber auch, wie sich das Kollektiv weiterentwickelt hat. Die Thujahecke provoziert eine Unmenge an Bildern und Emotionen, indem sie eigentlich überhaupt nichts zeigt. Sie ist ein Kommentar zu Besitz und Klasse und ist es gleichzeitig nicht. Sie steht gleichermassen für einen Sehnsuchtsort wie für gesellschaftliche Grenzen. All diese Gegensätze gleichzeitig zu spüren und sie auch auszuhalten, ist sinnbildlich für diese Welt. Und all das in eine Thujahecke zu packen, ist grosse Kunst.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

FC St.Gal­len vs. FC Zü­rich 2:1 – Ers­te drei Punk­te im Tro­cke­nen

Der Spa­gat zwi­schen eu­ro­päi­schen Näch­ten und bie­de­rem Su­per­league All­tag ist oft schwer. So auch heu­te. Ei­ne Leis­tungs­stei­ge­rung und die rich­ti­gen Wech­sel in der zwei­ten Halb­zeit rei­chen aber für die ers­ten drei Punk­te der Sai­son. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bren­nen­de Wa­den und leuch­ten­de Kat­zen

In leich­ten Pas­tell­tö­nen und dunk­len Öl­far­ben setzt sich der deut­sche Künst­ler Mar­cel Hüpp­auff mit dem Pro­fi­rad­sport aus­ein­an­der. Da­bei tre­ten in sei­ner Schau im Chambre Di­rec­te-Schubi­ger in St.Gal­len nicht nur Men­schen, son­dern auch Kat­zen in die Pe­da­le.

Von  Vera Zatti
IMG 0330

Ein Wer­den­ber­ger Po­lit­star – lau­fend, stri­ckend, stets ge­er­det

Mit Hil­de­gard Fäss­ler (1951–2026) ver­starb kurz vor ih­rem 75. Ge­burts­tag ei­ne der pro­fi­lier­tes­ten Ost­schwei­zer Po­li­ti­ke­rin­nen an den Fol­gen ei­ner schwe­ren Er­kran­kung. Nach­ruf ei­ner lang­jäh­ri­gen Weg­ge­fähr­tin.

Von  Käthi Gut
P8262285

Wo Kunst ent­steht

Ver­steckt im Sit­ter­tal pro­du­ziert die Kunst­gies­se­rei Wer­ke re­nom­mier­ter Künst­ler:in­nen. Da­bei gilt es oft, Neu­es aus­zu­pro­bie­ren und Lö­sun­gen zu fin­den – mit Zu­cker, Wachs und na­tür­lich Me­tall. Sai­ten er­hält ei­nen Ein­blick in das ver­rück­te Schaf­fen am Ran­de St.Gal­lens.

Von  Daria Frick , Bilder:  Andri Vöhringer
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 11

FC St.Gal­len vs. Ben­fi­ca 2:1 – St.Gal­len schafft die Sen­sa­ti­on!

Der FC St.Gal­len ge­winnt ge­gen den haus­ho­hen Fa­vo­ri­ten aus Lis­sa­bon mit 2:1. Die gröss­te Sen­sa­ti­on, die die­ses Sta­di­on je ge­se­hen hat. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 4

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 4: Cy­prien Gail­lard – «When you ex­pect flu­tes, it whist­les», «Komm Glüückck» und Je­re­my Reeds Buch Du stirbst nur zwei­mal – Ein Syl­via Plath-/Vic­to­ria Lu­cas-Ro­man.

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Emma Kunzs grotte copy

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Flip­per im Mi­li­tär­dienst

Von  Jeremias Heppeler

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach

«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

Von  Matthias Fässler , Bilder:  Sara Spirig
260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579

Lus­ti­ges Mas­sen­ar­ten­ster­ben

Die St.Gal­ler Fest­spie­le sind vor­bei. Oper war in­door, draus­sen im Stadt­park spiel­te die End­zeit­ko­mö­die Pla­net B. Näh­me man die Bot­schaft des Stücks ernst, müss­te die Fest­spiel-Oper auch künf­tig res­sour­cen­scho­nend drin­nen blei­ben.

Von  Peter Surber
Festspiele planet b tanja dorendorf 1095

Zwi­schen Pon­gal und Turn­ver­ein

Sin­du­jan* lebt schon sein gan­zes Le­ben in der Schweiz. Die Ein­bür­ge­rung ist fast ab­ge­schlos­sen, war aber mit ho­hen Kos­ten und ei­nem un­an­ge­neh­men Ge­spräch ver­bun­den.

Von  Andi Giger
260707 Saiten 0807 08

Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8

Kolumne: Stimmrecht

Wer ist die ukrai­ni­sche Dia­spo­ra?

Von  Liliia Matviiv

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 2

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 2: Ki­nok-Open-Air, So­lar­ki­no, Chris­ta Nä­her – «Ex­cess», Li­ving Mu­se­um, Pool­bar Fes­ti­val, Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny und SP-Spa­zier­gän­ge. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps 7 The Long Seat