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Hinausfliegen könnte man

Was eine Wildsau im Bodensee sucht, wie sich Frauenarbeit in der Fabrik oder eine Schneenacht im Alpstein anfühlt: Davon erzählt die in Arbon lebende Autorin Ruth Erat in neuen Kurzgeschichten und Gedichten. Am Donnerstag ist Buchpremiere in St.Gallen.
Von  Peter Surber , 

Die titelgebende Geschichte ist eher von der grotesken Art: Eines Tages schwimmt eine Wildsau über den Bodensee. Nicht etwa dort, wo er sich zum Fluss verengt, sondern an der breitesten Stelle zwischen Friedrichshafen und Romanshorn entdeckt sie einer von seiner Jacht aus. Er alarmiert die Wasserschutzpolizei, diese die Lebensrettungsgesellschaft, Boote machen sich auf den Weg, eine Armada rund um die Wildsau, man versucht sie zurückzutreiben, dem Ufer zu, aber sie lässt sich nicht vom Schwimmen abbringen und ertrinkt schliesslich.

Der schwebende See

Eine Moral hat die Geschichte nicht, das wäre untypisch für die Autorin. Ruth Erat mag es, Geschichten zu erzählen, die offenbleiben, die ihre Kraft nicht aus einer simplen Pointe, sondern aus der erzählerischen Dichte und eindringlichen Bildern beziehen. Das fängt im Buch gleich mit einem solchen starken Bild an: «Hier hatte einmal eine Frau hinaus zum Wasser gezeigt, über dem eben eine Nebelbank aufstieg, und gesagt, einmal sei der See der schwebende See genannt worden.»

Ruth und Pablo Erat: Einmal schwamm eine Wildsau im See, Caracol Verlag Warth 2021, Fr. 34.-

Buchvernissage: 20. Januar, 19 Uhr, Kunstmuseum St.Gallen

wyborada.ch
caracol-verlag.ch

Landschaftliche Poesie blitzt immer wieder auf in der Kurzprosa und den dazwischen gestreuten Gedichten des Bandes. Aber meist geht es um Menschen und Schicksale, mehr skizziert als ausgebreitet.

Man liest vom Kind, das überzeugt ist, mit seinen Flügelstummeln irgendwann fliegen zu können. Von Frau Müller in der Nachbarswohnung, die eigentlich Irmeli Korhonen heisst, aus Finnland kommt und einmal den Christbaum vom Balkon schmeisst, aber auch von Akkordarbeit der Frauen bei Saurer in Arbon, vom Grenzzaun in Kreuzlingen und Hitler-Attentäter Georg Elser, der hier gefasst wurde.

Meerwärts

Allmählich bewegt sich die Erzählerin weg vom See, erzählt von zwei Alten und ihrem täglichen Gang über die Weieren, macht Station im Alpstein, der Horizont weitet sich vom Schwäbischen zum Steinernen Meer bei Berchtesgaden und dann definitiv meerwärts, nach Italien, an die Ostsee oder in ein fast mythisches Norwegen, wo sich drei ältere Touristinnen mit Raubzügen in den Läden vergnügen und moderne «Freibeuterei» betreiben.

Anarchistische Figuren wie diese haben es der Autorin überhaupt angetan – etwa Seff, der Eigenbrötler irgendwo im Tirol mit der Fünfzigernote im Sack, der abwechselnd den Tiger oder die Fliege spielt und im Bett Abend für Abend die Titanic untergehen lässt. Oder die drei Gross- oder Urgrosstanten, Frieda, Emma und Hulda, die sich einst über das Sardona-Gebirge nach Flims aufgemacht hatten auf der Suche nach Arbeit. Jahrzehnte später folgt die Erzählerin der Spur jener kühnen Expedition.

Ruth Erat. (Bild: Pablo Erat)

In die Ortserkundungen bricht gelegentlich auch die Tagespolitik ein, der Nahostkonflikt oder 9/11, das die Erzählerin im süditalienischen Gaeta mehr verpasst als erlebt. Politisches und Privates sind bei Ruth Erat so wenig zu trennen wie Erfindung und Erlebtes. Erat, Jahrgang 1951, in Herisau geboren, in Arbon wohnhaft, ist nicht nur schreibend unterwegs, sondern vielfältig kulturvermittelnd und politisch tätig, so früher im St.Galler Kantonsrat und seit 2015 im Arboner Stadtparlament.

Mit weitem Blick

Das Buch, das Ruth Erat noch gemeinsam mit ihrem 2021 verstorbenen Mann, dem Grafiker Pablo Erat entworfen hat, will «eine Art Lebenslandschaft» entwerfen. Die Autorin bewegt sich virtuos in dieser Landschaft – die Typografie ist eher Geschmackssache. Überzeugender als sie ist der weite Blick in den Geschichten und Gedichten, ein Horizont, der die Ostschweiz mit der Welt verbindet. Manchmal wirklich, manchmal imaginär, wie in diesen vier Zeilen:

Bunt gestrichene Wohnblöcke.
Kühe stehen in fettem Grasgrün herum.
In kleinen Einfamilienhausgärten ein Trampolin.
Immerhin. Hinausfliegen könnte man.

Zwi­schen Ruhm und Knast

Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

Von Peter Surber,
01 Jakob Stutz 11 cut

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
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Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
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«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck