Die titelgebende Geschichte ist eher von der grotesken Art: Eines Tages schwimmt eine Wildsau über den Bodensee. Nicht etwa dort, wo er sich zum Fluss verengt, sondern an der breitesten Stelle zwischen Friedrichshafen und Romanshorn entdeckt sie einer von seiner Jacht aus. Er alarmiert die Wasserschutzpolizei, diese die Lebensrettungsgesellschaft, Boote machen sich auf den Weg, eine Armada rund um die Wildsau, man versucht sie zurückzutreiben, dem Ufer zu, aber sie lässt sich nicht vom Schwimmen abbringen und ertrinkt schliesslich.
Der schwebende See
Eine Moral hat die Geschichte nicht, das wäre untypisch für die Autorin. Ruth Erat mag es, Geschichten zu erzählen, die offenbleiben, die ihre Kraft nicht aus einer simplen Pointe, sondern aus der erzählerischen Dichte und eindringlichen Bildern beziehen. Das fängt im Buch gleich mit einem solchen starken Bild an: «Hier hatte einmal eine Frau hinaus zum Wasser gezeigt, über dem eben eine Nebelbank aufstieg, und gesagt, einmal sei der See der schwebende See genannt worden.»
Ruth und Pablo Erat: Einmal schwamm eine Wildsau im See, Caracol Verlag Warth 2021, Fr. 34.-
Buchvernissage: 20. Januar, 19 Uhr, Kunstmuseum St.Gallen
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Landschaftliche Poesie blitzt immer wieder auf in der Kurzprosa und den dazwischen gestreuten Gedichten des Bandes. Aber meist geht es um Menschen und Schicksale, mehr skizziert als ausgebreitet.
Man liest vom Kind, das überzeugt ist, mit seinen Flügelstummeln irgendwann fliegen zu können. Von Frau Müller in der Nachbarswohnung, die eigentlich Irmeli Korhonen heisst, aus Finnland kommt und einmal den Christbaum vom Balkon schmeisst, aber auch von Akkordarbeit der Frauen bei Saurer in Arbon, vom Grenzzaun in Kreuzlingen und Hitler-Attentäter Georg Elser, der hier gefasst wurde.
Meerwärts
Allmählich bewegt sich die Erzählerin weg vom See, erzählt von zwei Alten und ihrem täglichen Gang über die Weieren, macht Station im Alpstein, der Horizont weitet sich vom Schwäbischen zum Steinernen Meer bei Berchtesgaden und dann definitiv meerwärts, nach Italien, an die Ostsee oder in ein fast mythisches Norwegen, wo sich drei ältere Touristinnen mit Raubzügen in den Läden vergnügen und moderne «Freibeuterei» betreiben.
Anarchistische Figuren wie diese haben es der Autorin überhaupt angetan – etwa Seff, der Eigenbrötler irgendwo im Tirol mit der Fünfzigernote im Sack, der abwechselnd den Tiger oder die Fliege spielt und im Bett Abend für Abend die Titanic untergehen lässt. Oder die drei Gross- oder Urgrosstanten, Frieda, Emma und Hulda, die sich einst über das Sardona-Gebirge nach Flims aufgemacht hatten auf der Suche nach Arbeit. Jahrzehnte später folgt die Erzählerin der Spur jener kühnen Expedition.
Ruth Erat. (Bild: Pablo Erat)
In die Ortserkundungen bricht gelegentlich auch die Tagespolitik ein, der Nahostkonflikt oder 9/11, das die Erzählerin im süditalienischen Gaeta mehr verpasst als erlebt. Politisches und Privates sind bei Ruth Erat so wenig zu trennen wie Erfindung und Erlebtes. Erat, Jahrgang 1951, in Herisau geboren, in Arbon wohnhaft, ist nicht nur schreibend unterwegs, sondern vielfältig kulturvermittelnd und politisch tätig, so früher im St.Galler Kantonsrat und seit 2015 im Arboner Stadtparlament.
Mit weitem Blick
Das Buch, das Ruth Erat noch gemeinsam mit ihrem 2021 verstorbenen Mann, dem Grafiker Pablo Erat entworfen hat, will «eine Art Lebenslandschaft» entwerfen. Die Autorin bewegt sich virtuos in dieser Landschaft – die Typografie ist eher Geschmackssache. Überzeugender als sie ist der weite Blick in den Geschichten und Gedichten, ein Horizont, der die Ostschweiz mit der Welt verbindet. Manchmal wirklich, manchmal imaginär, wie in diesen vier Zeilen:
Bunt gestrichene Wohnblöcke. Kühe stehen in fettem Grasgrün herum. In kleinen Einfamilienhausgärten ein Trampolin. Immerhin. Hinausfliegen könnte man.
Geologie-Professor Flavio Anselmetti von der Universität Bern vermisst zurzeit mit hochmodernen Sonden den Grund des Bodensees. Dabei stösst er mit seinem Team auch immer wieder auf rätselhafte Wracks.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.