Hingabe zur Mehrdeutigkeit
Das Werk von Christoph Rütimann entzieht sich einfachen Zuschreibungen. Zeichnung, Film, Fotografie, Objekt und Handlung greifen ineinander. Der Kunstverein Frauenfeld zeigt nun eine Art Retrospektive aus etwa 30 Jahren Schaffen.
Christoph Rütimanns Blick auf die Zuckerfabrik Frauenfeld (Bild: Filmstill/Christoph Rütimann)
Christoph Rütimann führt in seinem Schaffen Kunst und Leben zusammen. Im Zentrum steht dabei eine grundlegende Frage: Was geschieht, wenn künstlerisches Denken nicht ausserhalb des Lebens verortet wird, sondern sich mitten darin befindet? Rütimanns Arbeiten geben darauf keine eindeutigen Antworten. Vielmehr öffnen sie Situationen, in denen sich Wahrnehmung verschiebt, Erwartungen unterlaufen werden und scheinbar Bekanntes in neue Zusammenhänge tritt. Kunst erscheint hier nicht als distanzierter Kommentar zur Welt, sondern als eine Form des genauen Hinsehens, des Erfahrens und des Befragens von Material.
Im Zentrum der Ausstellung steht eine neue Videoarbeit, die den Blick auf die Zuckerfabrik in Frauenfeld richtet. Schon seit Längerem hatte Rütimann den Wunsch, mit diesem Ort zu arbeiten. Die Realisierung erfolgte im vergangenen Winter – zu einem Zeitpunkt, der rückblickend eine besondere Bedeutung erhält, denn er war von einem Desaster für die Produktion geprägt: Aufgrund eines technischen Defekts musste der Kalkofen abgeschaltet werden, die Produktion kam zum Erliegen und wurde nach Aarberg umgeleitet. Die Videos haben damit fast einen historischen Wert, denn in den ersten Aufnahmen ist der Turm mit dem Kalkofen noch zu sehen, während er in den späteren Aufnahmen dann fehlt. Damit wird die Arbeit nicht nur zur künstlerischen Untersuchung eines Ortes, sondern auch zu einem stillen Zeugnis seiner Veränderung.
Die katastrophale Unterbrechung verweist auf die Fragilität eines Systems, das zugleich von einer eigentümlichen Zeitlichkeit geprägt ist. «Zuckerproduktion hat schon fast etwas Zyklisches, Natürliches. Die Produktion läuft etwa drei Monate, in denen die Zuckerrüben verarbeitet werden müssen. In den restlichen Monaten geht es dann um Reparatur und Instandsetzung, sowie den Vertrieb. Es korreliert somit irgendwie mit den Prozessen in der Natur. Das erscheint fast wie Irrsinn unter den heutigen marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten der Effizienz. Mich hat dabei sehr der Produktionskreislauf interessiert», meint Rütimann.
So nimmt uns der Künstler mit, auf eine rasante Fahrt durch die Fabrik. Die Kamera folgt dabei den Handläufen und Rohren, zeigt überraschende Perspektiven, wackelt und zeigt so den handgemachten Charakter dieser Aufnahmen. Es ist ein Sich-Bewegen strikt entlang vorgegebener Struktur: Architektur wird zur Choreografie, der Handlauf zum Akteur – wobei der Künstler die Kamera die ganze Zeit in der Hand hält und im richtigen Moment abspringen muss.
Was auf den ersten Blick wie eine nüchterne Dokumentation wirkt, kippt schnell in eine Form des Dazwischen: Weder reine Dokumentation noch klassische filmische Inszenierung, sondern ein Zwischenbereich. Das Werk vereint so zentrale Elemente, die wir immer wieder in den anderen Arbeiten von Rütimann sehen: sein Interesse für Linien und Zeichnungen, Orte und Architektur sowie Körper.
Filmstill aus Rütimanns Videoarbeit (Bild: Filmstill/Christoph Rütimann)
Auffällig ist zudem die weitgehende Abwesenheit von Menschen in den Aufnahmen. Die Produktion erscheint als automatisierter Prozess, gesteuert von Maschinen und digitalen Systemen. Gerade dadurch entfaltet sich eine eigenständige Industrieästhetik, die jedoch nicht distanziert wirkt. Im Gegenteil: Durch die spezifische Perspektive und die körperlich geführte Kamera wird die industrielle Umgebung sinnlich erfahrbar – als ein Gefüge aus Material, Bewegung und Rhythmus.
«In meinen Videos gilt sonst, was man während der Fahrt nicht sieht, bleibt verborgen. Dieses Mal habe ich es so geschnitten, dass langsame Beobachtungen zwischen die Fahrten geschaltet sind. Es ist nicht wie am Fliessband.» Das gibt den Aufnahmen nochmals eine menschliche Perspektive, trotz oder gerade wegen der Industrieästhetik.
Material spielt in Rütimanns Arbeiten eine zentrale Rolle – nicht als passiver Träger von Bedeutung, sondern als aktiver Mitspieler im künstlerischen Prozess. «Material und Empfindung sind essenzielle Elemente im Prozess meines Schaffens. Ich stelle zum Beispiel auch viele Federn für die Zeichnungen her.» Man sieht diesen forschenden Aspekt für das Material deutlich bei der Videoarbeit Zucker Zeit Gewicht (2026), die eine Waage zeigt, auf die von einem darüber befindlichen Sieb, Zucker rinnt – ein Kilogramm Zucker benötigt neun Minuten.
Eine Erzählung aus Materialität, Zeit, Gewicht und Bewegung. Doch wie in vielen seiner Arbeiten liegt die Bedeutung nicht in der Apparatur, sondern in der Versuchsanordnung selbst. Zeit wird sichtbar, Gewicht erfahrbar, Bewegung messbar. Es entsteht eine Situation, in der Zeit nicht abstrakt vergeht, sondern sich materialisiert – als kontinuierlicher Prozess.
Zugleich entzieht sich die Arbeit einer rein physikalischen Beschreibung. Das gleichmässige Rieseln ist von minimalen Unregelmässigkeiten geprägt. Jedes Zuckerkorn fällt anders, jeder Moment verschiebt das Gleichgewicht. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen Präzision und Erfahrung, zwischen Messbarkeit und Wahrnehmung. Zeit erscheint nicht als abstrakte Grösse, sondern als materieller Prozess.
Bei Christoph Rütimann lässt sich die Linie nicht als blosses grafisches Element verstehen, sondern als Resultat einer Handlung – als Spur einer Bewegung und Erkundung im Raum. Linien entstehen bei ihm durch ein konsequentes Tun im Verhältnis zum Raum.
Seine Erweiterung der Zeichnung in den Raum hinein zeigt sich besonders eindrücklich in seinen fotografischen Arbeiten im Schnee. Hier wird die verschneite Landschaft selbst zum Zeichengrund, in den sich Linien einschreiben – zunächst durch Rohre, die zu Zeichnungen im Raum werden und durch die Grobkörnigkeit der grossen Polaroids eine eigene Bildsprache entwickeln. Wie in der Arbeit aus dem Jahr 1985 mit dem passenden Titel: Das Rohr, das die Bedeutung in die Zeichnung verlor.
Die Videoarbeit Zucker Zeit Gewicht aus dem Jahr 2026 (Bild: Anabel Roque Rodríguez)
Kiste mit 7 Kulturkeulen aus dem Jahr 2019(Bild: Anabel Roque Rodríguez)
Später gestaltet er komplexere, beinahe kulissenhafte Strukturen und mischt Zeitungsausschnitte mit anderem Material. Für den:die Betrachter:in ist es mitunter nicht mehr klar erkennbar, was gebaute Kulisse, Zeitungsausschnitt, real oder inszeniert ist.
Die Frage, was Bild ist und was Darstellung, bleibt bewusst offen. So taucht in der Fotografie In God we Trust (2000) eine Kulisse mit einem ehemaligen amerikanischen Präsidenten mitsamt zerstörter vorgelagerter Architektur auf. Eine über 25 Jahre alte Arbeit, die unter heutiger Perspektive etwas dystopisch Visionäres hat. «Mich interessiert die Frage: Was ist Zeichnung? Was ist Bild? Mich interessieren Zwischenräume und offene Systeme.» Diese künstlerische Haltung führt ihn immer wieder zurück zum fast schon poetischen Blick auf den Alltag.
Rütimanns Interesse gilt immer wieder auch unscheinbaren Gegenständen und Situationen des Alltags. In Zeichenherd 9 (2009/10) wird ein Ceranfeld zum Ausgangspunkt für die Untersuchung von Bildräumen – vorausgesetzt, der:die Betrachtende erkennt, was man sieht. Diese Irritation ist zentral: Die Arbeiten fordern eine aktive Wahrnehmung, ein genaues Hinsehen, das über das Offensichtliche hinausgeht.
Die spielerische und teils humorvolle Komponente ist dabei ein zentraler Teil des künstlerischen Schaffens, denn sie ermöglicht einen unmittelbaren Zugang zu den Arbeiten und Ideen, ohne eine lange Einführung zu benötigen. Aber auch hier gilt: Die Schichten der Arbeiten eröffnen sich, je mehr man die Arbeiten befragt und sich immer wieder neu auf die Werke einlässt.
In diesem Zusammenhang lässt sich auch die Kulturkeule verstehen. Ihr Ursprung liegt in der Obstkultur: Durch die Veredelung von Bäumen entstehen Verdickungen am Stamm, sogenannte Keulenköpfe. Rütimann greift diese Formen auf, überführt sie in einen neuen Kontext und macht daraus eine Art künstlerisches Werkzeug – kein Werkzeug im funktionalen Sinn, sondern ein Objekt, das Vorstellungen aktiviert und erst in der Hand des:der Benutzenden eine Bedeutung erhält.
Die Kulturkeule wird an Personen mit Bezug zur Ostschweiz vergeben «(...) in der Hoffnung, dass sich Veredelung und Nebenerscheinungen zu etwas Neuem ergänzen», wie man auf der Homepage des Projektes lesen kann. Die Kulturkeule wird zu einem Objekt, das die Imagination aktiviert und Beziehungen stiftet. Das Material macht aber auch, typisch für Rütimann, Denkräume auf: Offensichtlich ist da auch die Wortbedeutung der Keule, ein archaisches Werkzeug der Gewalt, eher brachial als feinsinnig, oder die sprichwörtliche Keule, die jemand mit seinen unhaltbaren Äusserungen schwingt.
Und die Kulturkeule? Eine augenzwinkernde Erinnerung, den künstlerischen Prozess nicht nur auf das Endresultat zu reduzieren, sondern, ähnlich wie bei dem Veredelungsprozess in der Obstkultur, Begleiterscheinungen zu erlauben und Keulen zu produzieren, die in einem anderen Kontext plötzlich doch Sinn ergeben. Es ist eine Hingabe zur Mehrdeutigkeit.
Die Ausstellung im Kunstverein Frauenfeld zeigt in der Fülle verschiedener Arbeiten den roten Faden in Christoph Rütimanns Werken. Zentral ist das künstlerische Erforschen von Zwischenräumen, in denen Bedeutung nicht festgeschrieben, sondern erzeugt wird. Es sind Werke, die nicht laut argumentieren, sondern durch ihre konsequente, manchmal eigensinnige Logik eine eigene Form von Erzählsprache entwickeln.
In der Begegnung mit den Arbeiten wird sichtbar, dass Kunst bei Rütimann weniger ein abgeschlossenes Produkt ist als eine Form des Denkens in Bewegung. Eine Praxis, die sich im Tun entfaltet und im Wahrnehmen fortsetzt. Eine Kunst, die mit Herz abholt und im Kopf endet.
(Dieser Text erschien am 6. April auf ThurgauKultur.)
Christoph Rütimann – «Handlauf Zucker»: bis 26. April, Kunstverein Frauenfeld, Bernerhaus, Frauenfeld.
Im Zentrum der Ausstellung «Stranger Than Paradise» im Open Art Museum steht ein collagierter Teppich, der bereits an der Olma zu sehen war. Nun erscheint er im Kontext zwischen paradiesischer Harmonie und gebrochener Idylle.
In der Lokremise St.Gallen ist die erste Schweizer Einzelausstellung von Delcy Morelos zu sehen. In «Las formas de la sombra» baut die Künstlerin eine Brücke aus ihrer kolumbianischen Heimat in die Ostschweiz – und greift im gleichnamigen Kunstwerk die Vergänglichkeit des Lebens auf.
Kunst in Arbon
Annina Arter hat die Kunsthalle Arbon in einen imaginären Garten verwandelt und in eine Bibliothek. Ein Kinderbuch aus dem Jahr 1991 dient der Textildesignerin als Ausgangspunkt einer Gedankenreise mit üppigen Bildern und umweltethischen Fragen.
24/7 Traumacore
Kunst in Oberuzwil
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.