Eine Kabinettsausstellung, und was für eine! Die Namen sind hochkarätig. Erwin Wurm ist vertreten und Imi Knoebel, Bernard Frize ebenso wie Roman Signer, Franz Erhard Walther genauso wie Franz West.
Aber ums Namedropping geht es bei dieser Ausstellung nicht. Es geht um die Kunst. Um sie ging es immer in dieser Sammlung, die jetzt im Kunstmuseum Appenzell zu sehen ist. Um die Kunst, die Künstlerinnen und noch etwas mehr um die Künstler, ihre Kraft, ihre Innovation und ihren Gestaltungswillen.
Erwin Wurm: One minute sculpture, 1998
Deshalb ist das Kunstmuseum Appenzell für diese Sammlung der beste Ort. Seine Architektur dient der Kunst. Sie bietet die idealen Räume, die richtigen Dimensionen und Proportionen. In der Abfolge der zehn Kabinette werden keine Höhepunkte oder Hierarchien inszeniert; der Sammlung wird keine Dramaturgie übergestülpt. Alles ist gleich gut, sehr gut sogar.
Schlingen im Quadrat
Dass die Ausstellung mit Bernard Frize bereits im Foyer des Hauses beginnt, widerspricht keinesfalls dem Gedanken, Ebenbürtiges ebenbürtig zu zeigen. Stattdessen ist das Gemälde von Frize ein symbolischer Auftakt, für alles Folgende: Eine breite, nahezu monochrome Farbbahn verschlingt sich auf der quadratischen, schwarzen Fläche. Keine Spur gewinnt die Oberhand, alle sind gleichwertig, aber niemals langweilig.
Bernard Frize: Mercredi, 2005
Die Farbbahn verwebt sich zu einem Spannungsfeld, zu einem Bildraum, dem ein Zeitraum entspricht: Ein Verlauf zeichnet sich ab, ohne dass Anfangs- oder Endpunkt zu sehen sind. Stattdessen sind Annäherung und Abstand wichtig, auch Kreuzungspunkte und Schlaufen. Der Künstler konstruiert mit der Farbbahn ein Kontinuum, in dem Stabilität genauso bedeutsam ist wie Abwechslung und in dem jedes Element am richtigen Platz ist.
Damit entspricht Frizes Gemälde dem Charakter der Ausstellung und diese wiederum ihrer Ausgangslage: Die gezeigte Sammlung ist die der Galeristin Wilma Lock. Mit 24 Jahren zog die gebürtige Appenzellerin aus, um ihre Berufung zu finden: die internationale zeitgenössische Kunst.
Sie gründete in St.Gallen ihre Galerie und führte sie bis 2009. Vielen galt sie als eine der besten Programmgalerien der Schweiz, in ihr waren künstlerische Entdeckungen möglich. Lock holte internationale Künstler:innen in die Schweiz, forderte und förderte die von ihr vertretenen Positionen. So verstand sie die Arbeit einer Galeristin auch als diejenige einer Vermittlerin, die ihre Kunstbegeisterung weiterträgt und anderen zugänglich werden lässt.
Kelly Wood: Nr. 49. Aus: Year Two, Continuous Garbage Project, 1998-2003
Genau das passiert nun auch mit dieser Ausstellung. Sie spiegelt Wilma Locks Kennerinnen-Auge für die Kunst und ihre Beharrlichkeit: Diese Sammlung ist erarbeitet. Die gezeigten Stücke wurden über einen langen Zeitraum zusammengetragen und die künstlerische Qualität war dabei stets das wichtigste Kriterium. Deshalb passen diese Werke nun auch so gut zusammen; in den meisten Räumen treffen mehrere Positionen aufeinander, andere sind einem Künstler und seinen Arbeiten vorbehalten.
Blicke aus dem Museum
Malerei hat ein starkes Gewicht, aber auch die dreidimensionale Kunst hat ihren Platz. Fotografie bekommt ihren Platz durch Kelly Wood und Liddy Scheffknecht, die zugleich die einzigen Frauen in der Ausstellung sind. Wood vertritt die konzeptuelle Fotografie mit ihrer Serie der fotografierten Abfallsäcke als Abbild einer Lebenszeit, und Scheffknecht reduziert eingerüstete Architektur auf das Gerüst – die Struktur wird zur eigentlichen Konstruktion im Bild.
«Unerkannt – Bekannt. Zeitgenössische Kunst aus einer Ostschweizer Sammlung»: bis 13. März 2022, Kunstmuseum Appenzell
h-gebertka.ch
Anderen Positionen gelingt dank der Architektur eine unerwartete Symbiose: Xavier Noiret-Thomés Arbeiten wurden so platziert, dass der Blick von den üppigen Bildern unwillkürlich zum Fenster hinausschweift, zur reich geschmückten Hausfassade, zur bunt zusammengewürfelten Infrastruktur. So eröffnet Kunst neue Sichtweisen auf das Bekannte. Wenn letzteres auf diese Weise neue Erkenntnisse vermittelt, erfüllt sich das Ausstellungsmotto einmal mehr.
Xavier Noiret-Thomé: Tout converge, 2006
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