«Wenn wir alle so reden, verstehen wir uns bald gar nicht mehr.» Da hat er nicht unrecht, Graf Kent, der sich als Narr verkleidet hat. Die Narren haben bekanntlich immer recht, und stellenweise versteht man als Zuschauer tatsächlich kaum noch etwas in den Turbulenzen dieser Lear-Adaption. Besonders im langen ersten Teil übertönt der Klamauk die Inhalte.
Ein Klamauk zwar mit Hintersinn: Lears «Scheinwelt» ist hier die Welt des Internets, der Virtual-Reality-Brillen, die sich die königlichen Herrschaften aufsetzen und mit denen sie ihre Follower beglücken oder ihre intriganten Mails verschicken. Die Welt der Fake News und Realitätsverschiebungen, wie sie Lear schon bei Shakespeare und auch hier königlich verkörpert: Der alte Herrscher gibt zwar seine Herrschaft in die Hände der Töchter, aber er kommt nicht los vom Machthunger und von der Täuschung, noch immer der König zu sein.
Lear (Christian Hettkamp) und Edmund (Tobias Graupner) am Kommunizieren.
Es ist ein schizoider Zustand, den der Autor der hier gespielten Fassung, Thomas Melle, bestens kennen dürfte: Er leidet selber an einer bipolaren Störung und hat darüber unter anderem das Stück Versetzung geschrieben, das 2019 in St.Gallen aufgeführt wurde.
Psychogramm eines Terroristen
Aber einer spricht klar und unmissverständlich: Edmund. Der uneheliche Sohn von Gloucester zieht die Fäden in diesem Stück, das nach seiner Regie verlaufen soll: Weg mit dem bevorzugten, ehelich geborenen Bruder Edgar, hin zur Macht, wozu ihm alle Mittel recht sind.
Der erste Auftritt Edmunds ist ein Paukenschlag im Wortsinn: Mit dem Beil haut er einen Keil zwischen Kent und Gloucester in den langen Gralstisch, der die Mitte der Bühne dominiert als Laufsteg des Machthungers, der Eifersucht und des Wahnsinns.
Bruderkampf zwischen Edmund (Tobias Graupner, links) und Edgar (Frederik Rauscher).
Edmund, obwohl die verlogenste aller Shakespeare-Figuren, spricht zugleich die bösen Wahrheiten aus, die Melle aus der Vorlage herauskristallisiert. Etwa: Humanismus ist etwas für die Mehrbesseren, die aus ihren Palästen Gleichheit und Gerechtigkeit auf das Volk herabpredigen. Oder: Es gibt kein Schicksal, das von Sternen oder Dynastien vorbestimmt ist – es gibt nur das Recht des Stärkeren und Schamloseren. Und auch: Alle Macht den Bastarden. Alle Macht dem Volk, dessen stärkster «Muskel» er, Edmund, ist.
König Lear: Vorstellungen am 2., 9., 17., 18., 19. und 20. Mai
theatersg.ch
In der Figur des Edmund, mit trotziger Verletzlichkeit gespielt von Tobias Graupner, zeigt diese Lear-Fassung das kritische Porträt eines Faschisten, des angeblichen Kämpfers für die Rechte der Erniedrigten und Beleidigten, des Verlierers, der sich zum Sieger aufschwingen will und sich am Ende auf dem Königsthron unverblümt seiner «Diktatur» rühmt. In ihm spiegelt sich der Aufstieg von Rechtsextremisten, von Terroristen, von «Wir sind das Volk»-Schreiern von Berlin bis zum Kapitolsturm von Washington. «Weg mit der verdammten Mitte» schleudert Edmund einmal seiner Mutter entgegen.
«Kein Paradies ohne Höllenritt»
In dieser Figur und ihrer prahlerischen Männlichkeit steckt der eine politische Zündstoff dieses Stücks – ein Männerbild, dessen altersverrücktes Zerrbild Christian Hettkamp als Lear schillernd verkörpert.
Den anderen Gender-Zündstoff liefern die Töchter Goneril (Tabea Buser) und Regan (Pascale Pfeuti), die sich in einem gewalttätigen, verqueren Feminismus gegen das Patriarchat auflehnen, die falschen Sandburgen ihrer Kindheit zerstören und der alten Zeit mit «neuen Schlachten» den Garaus machen wollen. «Kein Paradies ohne Höllenritt» proklamieren die Terror-Schwestern.
Goneril (Tabea Buser) wütet gegen Lear (Christian Hettkamp).
Melles König Lear ist – beziehungsweise wäre – ein so hellsichtiges wie illusionsloses, stellenweise allerdings auch plakatives Stück um den Kampf der Generationen und der Geschlechter, um Privilegien und Populismus.
Die St.Galler Inszenierung der Schwestern Christine und Franziska Rast stülpt nun aber mit der Virtual Reality eine Assoziationsebene zu viel darüber. Das Spiel mit VR-Brillen, Comic-Assoziationen, grotesken Kostümierungen und Requisiten nimmt dem Stück seine Brisanz, versetzt es in ein seltsam altmodisches Game-Ambiente und zwingt das Ensemble in ein spielerisch enges Korsett.
Nach der Pause lockert sich dieses Korsett zum Glück und schälen sich die Konflikte deutlicher heraus. Und mehr und mehr übernehmen die Narren das Regime, der verrückt gewordene Lear (Christian Hettkamp), sein wahrsagender und witzereissender Begleiter Kent (Martina Momo Kunz), der in die Rolle des tumben Toren geschlüpfte Edgar (Frederik Rauscher), der durch das Stück stolpernde Diener Oswald (Anja Tobler) und die (hier weibliche) geblendete Gräfin Gloucester (Birgit Bücker). Sie weiss: «Wir sind nur Geschmeiss.»
Narren-Freiheit: Lear (Christian Hettkamp), Gloucester (Birgit Bücker) und am Pranger der verkleidete Kent (Martina Momo Kunz).
«Dunkle Zeiten sind das, wenn Irre Blinden den Weg weisen», klagt Gloucester, und Cordelia, die sonst englisch singt, fällt für einmal in Dialekt und intoniert das Lied von der «Wuet»: «Do gohts zom Liicheberg». Da gelingen dann auch starke Bilder wie die traurige Prozession der Narren, Entrechteten und Entblössten, bevor es wieder ans groteske grosse Schlachten geht.
Machtlos: Cordelia
Cordelia, verkörpert von der Sängerin und Multiinstrumentalistin Gina Été, hat die musikalischen Fäden in der Hand. Aber sie wird von der Regie in ihrer Ecke vorn am Bühnenrand festgeklemmt, bleibt machtlos in diesem Spiel um Macht. Den Leichenberg kann auch sie nicht verhindern – am Ende sammeln sich die geschändeten, grausig erstochenen, blauzungig vergifteten und erschlagenen Toten auf der Bühne rund um einen Lear am Königs-Kreuz.
Gina Été.
Das wäre allerdings nur die halbe Pointe. Lears Terror-Töchter auferstehen nämlich und jagen mit einer letzten Bazooka die patriarchale Welt endgültig zur Hölle. «Vorbei. Jetzt ist dann alles möglich.»
Ein Schlusssatz zumindest für die 50 Glücklichen, die pro Vorstellung für die Mai-Termine des Stücks im Theater-Provisorium ein Ticket ergattern.
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