Sechs Architekturbüros hatte die AHV-Ausgleichskasse der Ärzte, medisuisse, für den anonym durchgeführten Wettbewerb eingeladen. In der prominent besetzten Jury sass unter anderem ETH-Professor (und Klanghaus-Architekt) Marcel Meili. Medisuisse hatte das ehemalige italienische Konsulat 2014 erworben, seit einem halben Jahr sind das Kulturmagazin Saiten, der Projektraum Nextex und zahlreiche Kulturschaffende hier an der Arbeit, als befristete Zwischennutzung.
Philip Stuber vom Saiten-Verlag lobt das temporäre Modell als vorbildlich: Die Hauseigentümerin sei mit der Idee einer kulturellen Übergangslösung selber auf die Stadt zugekommen, der Umgang sei unbürokratisch, «man lässt uns innerhalb des gegebenen Rahmens alle Freiheiten», und die Kommunikation sei transparent und einfach. Zudem passe die Mischung im Haus, sagt Stuber, der auch den Verein Kulturkonsulat co-präsidiert. Nextex, Saiten und die Dutzenden von Kulturschaffenden aller Sparten im Haus inspirierten sich gegenseitig. «Wir würden sehr gern auch an einem neuen Ort wieder mit Nextex und anderen Kulturtätern zusammenarbeiten.»
Stimmt. Es wird nicht leicht fallen, aus dem Konsulat wieder auszuziehen. Hier arbeitet und stadtlebt es sich gut.
Wann mit der Zwischennutzung Schluss ist und die Bagger auffahren, sei noch nicht definitiv zu sagen, erklärt der Kassenleiter der medisuisse, Rechtsanwalt Marco Reichmuth, auf Anfrage. Der Zeitplan ist abhängig vom Verlauf des Verfahrens und allfälliger Einsprachen.
Ausstellung der Wettbewerbsergebnisse: Amthaus, Neugasse 3, 3. Obergeschoss, bis 14. Juli
Verlangt wird ein Sondernutzungsplan. Das Gebäude liegt in der Kernzone K 5, erlaubt sind dort grundsätzlich fünf Vollgeschosse sowie ein Attikageschoss. Die umliegenden Neubauten, das kantonale Verwaltungsgebäude nebenan und die geplante private Überbauung vis-à-vis, haben jedoch per Gestaltungsplan ein sechstes Vollgeschoss bewilligt erhalten – dasselbe strebe auch die medisuisse an. Ist die Sondernutzung vom Kanton bewilligt, kann das Baubewilligungsverfahren starten. Zeithorizont: Circa Ende 2018/Anfang 2019 könnte der Bau beginnen, ein Jahr später sollte er bereits stehen.
Zwischen «Rotem Platz» und Altstadt: Das Projekt Frongartenstrasse 9 (in der Planmitte), darum herum das lückenhafte Geviert.
Schnell gebaut und gut eingepasst
Das forsche Tempo verdankt sich der Bauweise: Das siegreiche Wettbewerbsprojekt von Harry Gugger Studio Ltd., betitelt «Plug & Play», ist untypischerweise ein Holzbau. Mit Ausnahme des Fundaments soll das Gebäude aus weitgehend vorfabrizierten Holzelementen erstellt werden. Reichmuth hebt die praktischen Qualitäten dieser Methode hervor, ebenso der Jurybericht: An dem engen Bauplatz könne dank Präfabrikation schnell und effizient gebaut werden. Hohe Bauten aus Holz sind in jüngerer Zeit auch anderswo zum Thema geworden, so beim Neubau des «Tages-Anzeigers» von Shigeru Ban oder bei einem zehngeschossigen Gebäude in Rotkreuz.
Die Effizienz sei aber nicht allein ausschlaggebend gewesen, betont das Preisgericht weiter: Zum einen stimmten beim Projekt Gestaltung, Bauweise und Nutzung in bemerkenswertem Mass überein, zum andern gelinge auf der vergleichsweise kleinen Parzelle eine architektonische Verdichtung, ohne den Nachbarliegenschaften zu nahe zu treten, wie dies andere Wettbewerbsteilnehmer vorschlagen.
Das Siegerprojekt in der Mitte, links davon das Verwaltungsgebäude des Kantons, rechts das zur Zeit in Renovation befindliche Gebäude Frongartenstrasse 11.
Denn das war die Entscheidung, welche die Teilnehmer zu treffen hatten: Solitär oder Blockrandbebauung? Solo steht das heutige Gebäude da und erinnert damit an die einstige, handwerklich geprägte, kleinteiligere Bleicheli-Bebauung. Die später hinzugekommenen Gebäude des Gevierts, darunter die geschützten Stickereigeschäftshäuser «Pacific» am Raiffeisenplatz und Oberer Graben 32, bilden hingegen mit den modernen Gebäuden, zuletzt dem preisgekrönten Verwaltungsgebäude von Jessenvollenweider, eine geschlossene Strassenrand-Bebauung.
Ein heterogenes Stadtbild also insgesamt, sagt der Jurybericht – aber nicht reparierbar: Die ebenfalls einzeln stehende Nachbarliegenschaft Frongartenstrasse 11 wird gerade renoviert, eine «gemeinsame Projektentwicklung» für das ganze Geviert sei nicht zur Diskussion gestanden.
Keine Chance für das «Gehirn»
Entsprechend hat die Jury die Solitär-Projekte favorisiert – und jene Vorschläge verworfen, die auf eine dereinstige Schliessung der Blockrandbebauung tendierten. Zu letzteren gehört das Projekt «Encephalon» des St.Galler Büros hutterzoller, das in der ersten Juryrunde ausschied.
Die beiden jungen Architektinnen Sabine Hutter und Myrjam Zoller schlugen vor, den Baukörper dem Nachbargebäude zur Rechten anzunähern im Hinblick auf eine spätere Vervollständigung. Sie entwarfen zudem eine bewegte Fassade, wollten im Erdgeschoss einen grosszügigen Raum für Co-Working, im Dachgeschoss eine eigenwillige Cafeteria sowie an den Seitenfassaden Platz für Kunst am Bau schaffen. Mit dem Blick des Laien geurteilt: Das hätte auch ein inspirierendes, die St.Galler Baukultur bereicherndes Haus werden können.
Visualisierung des Dachgeschosses, künftiger Sitz der Geschäftsleitung.
Das siegreiche Projekt gibt sich eingepasster, mit einer Fassade, die gemäss Jury «eine Ahnung von Säulen, aber auch eine Erinnerung an die Skelette der alten Textilbauten der Stadt vermittelt», und mit einer Terrasse gegen den Innenhof, wie sie bereits heute existiert. Auf fünf Geschossen sollen Büros für die rund 50 Angestellten entstehen, welche die insgesamt 22’000 Mitglieder der Kasse betreuen. Im Erdgeschoss ist zudem eine Ladenfläche eingeplant.
Für medisuisse-Leiter Reichmuth steht fest: Hier entstehen Arbeitsplätze von hoher Raumqualität. Entsprechend müsste das Siegerprojekt eigentlich heissen: «Plug & Work».
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