«In jeder Familie gibt es dunkle Geheimnisse, und meine ist da keine Ausnahme. Als ich noch ein Kind war, hatte ich ein grosses Vorbild: meine Tante Adriana.» Mit diesen Sätzen der chilenischen Regisseurin Lissette Orozco beginnt der Dokumentarfilm El pacto de Adriana.
Er setzt an jener Stelle ein, an der Orozco herausfindet, dass ihre Tante in ihrer Jugend für die Geheimpolizei der Pinochet-Diktatur gearbeitet und Gefangene gefoltert hat. In Ich-Form erzählt Orozco, wie sie dem Geheimnis nach und nach auf die Spur kommt und herausfindet, dass ihre Tante, die alles abstreitet, lügt.
El pacto de Adriana ist eine von 28 Vorführungen am diesjährigen Filmfestival Pantalla Latina in St.Gallen. Während vier Tagen sind im Kino Rex Studio insgesamt 13 Spielfilme, 14 Kurzfilme und im Parallelprogramm im Palace ein Dokumentarfilm aus elf Latein- und Südamerikanischen Ländern zu sehen. In diesem Jahr geht es um Integration, Migration, Interkulturalität, Ungerechtigkeit, den Machtmissbrauch seitens der Justiz, weibliche Macht und Solidarität.
Frauen vor und hinter der Kamera
«Es sind Themen, die einerseits tief in der lateinamerikanischen Kultur und Identität verwurzelt sind, beim Schweizer Publikum dennoch grosse Empathie erzeugen», sagt Alma Zeller-Lopez von der Festivalleitung. Ausserdem sollte der Fokus auf die weibliche Präsenz sowohl vor als auch hinter der Kamera gelegt werden: Neun der 13 Spielfilme sind von Regisseurinnen. «Frauen erzählen auf eine andere Art. Sie thematisieren zwar genauso harte Probleme, aber auf eine feinfühligere und ästhetischere Weise», sagt sie.
Zu den feinfühligsten Filmen im Programm gehört wohl Las Cinéfilas der Argentinierin María Álvarez. Sie begleitet pensionierte Frauen aus Spanien, Argentinien und Uruguay, denen die Leidenschaft für Filme gemeinsam ist. Täglich gehen sie ins Kino und entfliehen so ihrem Alltag.
Ein weiterer Film aus Argentinien ist Nadie nos mira von Julia Solomonoff, der von Stereotypen und untypischen Ausländern handelt. Nico, ein argentinischer Schauspieler, versucht sein Glück in New York. Allerdings bekommt er wegen seines kaukasischen Aussehens keine Rolle als Latino und für die Rolle eines US-Amerikaners ist sein Akzent zu stark. Er nimmt einen Job als Babysitter an und lernt im Park ein Latina-Kindermädchen kennen. Je mehr er von ihrem Schicksal erfährt, desto stärker reflektiert er seine eigenen Erfahrungen.
Pantalla Latina 2017: 15. bis 19. November, Kino Rex Studio und Palace
pantallalatina.ch
Actionreicher wird es in Niñas araña des chilenischen Regisseurs Guillermo Helo. Gefangen zwischen zwei Welten begeben sich drei jugendliche Mädchen, die in einem Ghetto leben, auf Diebestour in die Wohnviertel der Reichen. Sie brechen über Balkone in Wohnungen ein und begeben sich mit waghalsigen Stunts in Lebensgefahr. Sind sie aber erst einmal in den Wohnungen drin, kosten sie den Ort so aus als ob er ihr Zuhause wäre.
Das Pantalla Latina zieht jedes Jahr rund 2000 Besucherinnen und Besucher an. Anna Zeller-Lopez ist mit diesen Zahlen zufrieden. Einerseits weil es jedes Jahr eine leichte Steigung gibt, andererseits weil sich die Besucherinnen und Besucher mittlerweile kennen würden und eine spezielle Atmosphäre herrsche. «Während der Diskussionen nach den Filmvorführungen trauen sich daher auch viel mehr Personen, Fragen zu stellen und sich zu Wort zu melden», sagt sie. «Daraus entstehen spannende Gespräche.»
Kurzfilme und ein Lob auf militante bolivianische Frauen
Neu in diesem Jahr sind nebst den Spielfilmen die drei Kurzfilm-Blöcke, die jeweils am Donnerstag und am Samstag gezeigt werden. «Die Kurzfilme haben wir bisher eher versteckt nur am Donnerstag gezeigt. Weil sie in den vergangenen Jahren aber so gut angekommen sind, wollen wir ihnen diesmal mehr Platz einräumen», erklärt Alma Zeller-Lopez.
Die Kurzfilmauswahl setzt sich auch dieses Jahr aus einer grossen Vielfalt von Themen und Genres zusammen: Sie handeln von Ballett, Yoga, Leidenschaft, Kriegsgemetzel, Umweltverschmutzung, der Verlockung, Millionen aus einem Geldtransporter zu stehlen sowie von einem Stamm, der in der Wüste lebt.
Szene aus Verde von Alonso Ruizpalacios.
Zum Pantalla Latina gehört auch ein Parallelprogramm im nahegelegenen Palace. Dort zeigt der Schweizer Regisseur René Lechleiter seinen Dokumentarfilm Hojas sueltas – eine Hommage an die militanten bolivianischen Frauen ist. Sie haben mit grossem Mut und politischen Bewusstsein gegen die Diktatur in ihrem Land gekämpft und einen politischen Wandel bewirkt haben. Anschliessend an die Premiere führt die Band «Paisajes del Sur» mit einer musikalischen Reise durch die Landschaften der Kapverden, Brasilien und ganz Lateinamerika.
Vielfältiges Rahmenprogramm
Wie in jedem Jahr werden während der Filmvorführungen auch einige Regisseure anwesend sein, um ihre Dreh-Erfahrungen mit dem Publikum zu teilen. Im Palace können die Besucherinnen und Besucher mit René Lechleiter über Hojas sueltas diskutieren, im Kino Rex Studio werden ausserdem Yanillis Pérez, María Álvarez und Lissette Orozco anwesend sein.
Zu entdecken gibt es am Pantalla Latina viele Filme von bekannten Regisseuren sowie Veranstaltungen und mehr. Im Raum für Literatur liest etwa der guatemaltekisch-schweizerische Autor Manuel Giron eine seiner Erzählungen. Und auch für die Kleinen gibt es ein Unterhaltungsprogramm: Nach der Vorführung von El libro de Lila aus Uruguay und Kolumbien sind die Kinder in Begleitung ihrer Eltern ins Kulturbüro zur Lesung einer präkolumbischen Legende eingeladen.
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