, 27. Februar 2019
2 Kommentare

Hort der «Fragensteller»

An der Fachhochschule St.Gallen ist das Studium eine grosse, in Sonnenlicht getauchte Selbstverwirklichungsoase zwischen Urbanität und grünem Ring. Mit der Diversity haperts aber noch.

So sonnig ist das Leben auf der FHS-Terrasse. (Filmstill)

Auf meinem Lieblingsradiosender kommt manchmal ein Werbespot aus «Chlilützeldorf». Nach wenigen Sätzen bricht der Jingle ab und die Stimme aus dem Off erklärt, dass Werbung kacke ist und man doch bitte Member werden solle, damit der Sender auch weiterhin werbefrei bleibt.

Eine hübsche Idee. Viele setzen auf solche Einfälle. Mit möglichst biederen, nichtssagenden Bildern daherkommen und die Sache dann auflösen, umdrehen, parodieren. Galaxus zum Beispiel. Andere aber meinen es so richtig ernst. Die Fachhochschule St.Gallen zum Beispiel.

Der Ende Januar publizierte neue Imagefilm guckt sich wie der Trailer zum spiessig hippen Ich-AG-Kafi-Franz-Vorstadtleben. Spektakuläre Kamerafahrten, bedeutungsschwangere Bahnhofsbilder, junge Menschen im Sonnenlicht, die den Horizont oder die Kamera anschmachten und in ihrer Freizeit Klettern oder Rollbretteln. Der erhoffte ironische Bruch bleibt aus.

Natürlich wird dabei fleissig geschwurbelt und mit Allgemeinplätzen hantiert: Wir sind «Kreativköpfe», die «nächste Generation von Machern», «wir bleiben nicht stehen», «wir wollen hoch hinaus», wir sind «Problemlöser», «Wertschaffer», «Stimmungsmacher», «Fragensteller» und so weiter. Bester Marketing-Jargon direkt von der Glückskeksfabrik.

Zu sehen sind ausschliesslich weisse Menschen. Auch sprachlich ist nichts zu spüren von Diversity. Alles strikt in der männlichen Form. Und das von einer Bildungsinstitution, die sich an «Grundsätze des Umgangs mit Diversität» und an einen Gender-Sprachleitfaden halten will. In letzterem steht: «Der bewusste Umgang mit Sprache ist ein Qualitätskriterium unserer Fachhochschule. Daher ist es wichtig, im Arbeits- und Studienalltag, in Publikationen und im Auftritt eine geschlechtersensible Sprache konsequent anzuwenden.»

Vielleicht erfindet die FHS beim nächsten Imagefilmchen eine weitere Menschensorte, die sich nicht hinter den «Raumschaffern» und «Problemlösern» verstecken muss: die «Leitfadenberücksichtiger».

 

 

Nachtrag vom 20. März 2019:

Die FHS hat mittlerweile auf die Berichterstattung reagiert und die Texte im Video angepasst. Nun bildet die FHS also offiziell auch «Gedankenherausforderinnen», die «nächste Generation von Macherinnen», «Wertschafferinnen» und «Überfliegerinnen» aus. Danke, liebe FHS. Zumindest die binäre Gendergerechtigkeit ist wiederhergestellt. Hier das neue Video:

2 Kommentare zu Hort der «Fragensteller»

  • Lukas Meier sagt:

    Liebes Saiten-Team
    Man stelle sich die Vertonung des Films mit den weiblichen und männlichen Formen dieser frei erfundenen Wörter vor. Er wäre dann noch viel spiessiger und dennoch nicht genderneutral. Sensibler Umgang führt eben nicht immer zum selben Resultat.
    Wenn Diversity aber nur als schwarz/weiss und Mann/Frau gedacht wird, dann kratzt man mit so einem Artikel aber so oder so nur an der Patina der Oberfläche. Dabei geht es um viel mehr wie das äussere Erscheinungsbild. Es spielt keine Rolle ob wie diese Personen aussehen. Es geht viel mehr darum, ganz viele Verschiedene Charaktere zu einem Ganzen zu bringen.

    Vielleicht denkt „Saiten“ beim nächsten Artikelchen weiter. Der sich nicht hinter Emanzipationsdrängen und Scheinheiligkeit verstecken muss: einer der „Fragensteller“.

  • Silv sagt:

    Dass ein paar eingestreute schwarze oder asiatische oder weibliche oder non-binäre Menschen das Filmli bloss gekünstelt divers wirken lassen hätten, da geb ich dir recht. Aber ich finde, der Saiten- Artikel hat immerhin an der Oberfläche gekratzt. Der Werbefilm der FHS jedoch berücksichtigt anscheinend nicht mal den eigenen Sprach- und Grundsatzleitfaden. Nicht besonders reflektiert. Dabei wird einem der Begriff „Reflexion“ im Sozi- Studium richtiggehend eingebläut, imfall. Tjoah, da fühlt man sich wiedermal so… Schulterzucken… so isses halt. Gescheite Wörter und schöne Bilder sind halt wichtiger als echte, selbstverständliche „Diversity“.

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