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Hürde um Hürde

Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.

(Illustration: Nina Schweizer)

(Illustration: Nina Schweizer)

«Was ma­chen Sie hier ei­gent­lich?» – die Fra­ge kam rasch. Und sie war er­wart­bar. Sa­mi­ra Ra­him ist für die­ses Ge­spräch ex­tra nach Bern ge­fah­ren. Es war die münd­li­che Deutsch­prü­fung auf B1-Ni­veau. Nur we­ni­gen Ta­ge da­vor hat­te sie sich für die Prü­fung an­ge­mel­det. Ex­tra vor­be­rei­tet war sie sich nicht, schliess­lich wa­ren ih­re Deutsch­kennt­nis­se zu die­sem Zeit­punkt schon auf C2-Ni­veau und sie ar­bei­te­te be­reits als Dol­met­sche­rin beim Kan­ton St.Gal­len.

Doch aus­ge­rech­net die­ser Kan­ton an­er­kann­te ihr Sprach­di­plom der HDS St.Gal­len nicht, es muss­te ein B1 Zer­ti­fi­kat von Fi­de in Bern sein. Die Fra­ge, was sie hier ma­che, war al­so be­rech­tigt, doch Sa­mi­ra konn­te die Fra­ge nicht schlüs­sig be­ant­wor­ten. Prü­fungs­re­le­vant war die Fra­ge nicht: Al­len war klar, dass Sa­mi­ra das B1-Di­plom lo­cker krie­gen wird.

Flucht aus dem Irak

Die Ge­schich­te mit dem Sprach­di­plom war nur ei­ne der vie­len Hür­den im Ein­bür­ge­rungs­pro­zess von Sa­mi­ra Ra­him und ih­rer Fa­mi­lie. Im Jahr 2019 ent­schied sich Sa­mi­ra ge­mein­sam mit ih­rem Mann, ih­rer Toch­ter und den zwei Söh­nen, sich in der Schweiz ein­zu­bür­gern. En­de 2008 war die Fa­mi­lie aus dem Irak in die Schweiz ge­flo­hen. Sa­mi­ra und ihr Mann hat­ten das Land aus po­li­ti­schen Grün­den ver­las­sen müs­sen. Sie hat­ten Kor­rup­ti­on kri­ti­siert und für Men­schen­rech­te ge­kämpft. Sa­mi­ra hat­te als Ju­ris­tin und ihr Mann als Jour­na­list ge­ar­bei­tet. «Als Kur­den ha­ben wir kei­ne an­er­kann­te Hei­mat, wir sind kei­ne Ira­ker. Und von den Kur­den selbst wur­den wir ver­folgt», sagt Sa­mi­ra. Nach zehn Jah­ren in der Schweiz war der Schwei­zer Pass der ein­zi­ge Weg, um wie­der in den Irak rei­sen zu kön­nen. «Nicht zu­letzt woll­ten wir auch po­li­tisch wie­der ei­ne Stim­me ha­ben», so Sa­mi­ra.

Einbürgerungsgeschichten

Die De­bat­te um die so­ge­nann­te De­mo­kra­tie­in­itia­ti­ve hat be­gon­nen. Sie ver­langt, dass die Kri­te­ri­en für das Er­lan­gen der Schwei­zer Staats­bür­ger­schaft lan­des­weit ver­ein­heit­licht und ver­ein­facht wird. Lan­ciert hat die In­itia­ti­ve die Ak­ti­on Vier­vier­tel, die sich für ein Grund­recht auf Ein­bür­ge­rung und po­li­ti­sche Teil­ha­be je­ner Men­schen ein­setzt, die schon lan­ge hier le­ben, Steu­ern und an­de­re So­zi­al­leis­tun­gen zah­len, aber oh­ne Bür­ger:in­nen­recht kein po­li­ti­sches Mit­be­stim­mungs­recht ha­ben. Be­trof­fen da­von ist im­mer­hin ein Vier­tel der Schwei­zer Be­völ­ke­rung.

In die­ser lo­sen Ar­ti­kel­se­rie er­zäh­len Per­so­nen aus der Ost­schweiz aus ih­rem Le­ben und über ih­re Er­fah­run­gen im Ein­bür­ge­rungs­ver­fah­ren. (red.)

Die Fa­mi­lie leb­te für zehn Jah­re in Nie­der­uz­wil. Die ers­te Woh­nung war un­ge­eig­net, da die Toch­ter im Roll­stuhl ist und die Woh­nung nicht bar­rie­re­frei war. Erst nach fünf Jah­ren konn­ten sie die Woh­nung wech­seln. Im Jahr 2019 kauf­te sich die Fa­mi­lie ein Haus in Hen­au. «Wir woll­ten da­mit die Zu­kunft der Kin­der ab­si­chern und ver­hin­dern, dass un­se­re Kin­der ir­gend­wann So­zi­al­hil­fe be­zie­hen müs­sen.» Sa­mi­ra ar­bei­tet in­zwi­schen als Be­treue­rin in ei­nem Asyl­zen­trum, als Dol­met­sche­rin beim Kan­ton St.Gal­len und als Be­ra­te­rin bei Ar­ge, ei­ner An­laufs­stel­le für Mi­grant:in­nen. Auch ihr Mann ori­en­tier­te sich be­ruf­lich neu und ar­bei­tet heu­te als Chauf­feur.

Hei­rats­ur­kun­de nicht an­er­kannt

Ne­ben dem Sprach­di­plom sorg­te vor al­lem die Be­schaf­fung von ira­ki­schen Do­ku­men­ten für viel Ar­beit. Die Ko­pie der Hei­rats­ur­kun­de lehn­te die Schwei­zer Be­hör­de ab. Da die Rei­se nach Irak nicht mög­lich war, muss­ten sie ei­nen An­walt zah­len, der vor Ort ei­ne neue Ko­pie der Ur­kun­de or­ga­ni­sier­te. Ei­ne teu­re und auf­wän­di­ge An­ge­le­gen­heit, zu­mal die Ira­ker Be­hör­den und auch der An­walt wuss­ten, dass sie Schwei­zer Prei­se ver­lan­gen kön­nen.

Nach­dem die Sa­che mit der Hei­rats­ur­kun­de ge­re­gelt war, lief der Ein­bür­ge­rungs­pro­zess wei­ter. Bis ei­nes Ta­ges ein Brief der Be­hör­den kam: Der Ein­bür­ge­rungs­pro­zess sei we­gen ei­ner Ver­ur­tei­lung ih­res Soh­nes sis­tiert. Tat­säch­lich hat­te ihr Sohn Po­li­zei­ein­trä­ge. Ein­mal we­gen ei­ner Töff­li­fahrt oh­ne Licht, ein­mal weil er als Kind auf ei­ner Bau­stel­le mit an­de­ren Kin­dern spiel­te und ein­mal we­gen ei­nes Vor­falls, bei dem er von ei­nem an­de­ren Kind an­ge­grif­fen wur­de. Beim letz­ten Fall gab es tat­säch­lich ein Ver­fah­ren ge­gen den Sohn, das aber ein­ge­stellt wur­de, weil er un­schul­dig war. Ei­ne Ver­ur­tei­lung gab es nie. Sa­mi­ra woll­te nach die­sem Brief fast auf­ge­ben, ent­schied sich je­doch, ei­nen An­walt zu kon­tak­tie­ren. Die­ser konn­te die Un­schuld des Soh­nes be­wei­sen.

Schliess­lich wur­de die an­fangs be­zo­ge­ne So­zi­al­hil­fe zum Pro­blem für die Ein­bür­ge­rung. Weil ihr Mann we­gen ei­ner By­pass-Ope­ra­ti­on ar­beits­un­fä­hig war, wa­ren sie auch nach fünf Jah­ren noch auf So­zi­al­hil­fe an­ge­wie­sen. Dies ver­ur­sach­te der Fa­mi­lie 46‘000 Fran­ken Schul­den. Sie hät­ten rasch zu­rück­be­zahlt wer­den müs­sen, was nicht mög­lich war. 

Pri­vi­le­gi­en und Ras­sis­mus

Seit 2022 ist die Fa­mi­lie nun in der Schweiz ein­ge­bür­gert. Der Pro­zess ver­ur­sach­te der Fa­mi­lie Ra­him Kos­ten von rund 10‘000 Fran­ken. Da­bei ein­ge­rech­net sind al­le Ge­büh­ren und An­walts­kos­ten. Mit dem Schwei­zer Pass konn­te die Fa­mi­lie wie­der zu ih­ren Ver­wand­ten im Irak rei­sen. Trotz all den Pri­vi­le­gi­en, die Sa­mi­ra mit dem Pass hat, sagt sie: «Am En­de ist es nur ein Pa­pier. Die Men­schen ur­tei­len nach Aus­se­hen oder nach Her­kunfts­land.» Ras­sis­mus ge­hö­re für sie zum All­tag.

Die Mi­gra­ti­ons­ge­schich­te hat Sa­mi­ra zu ih­rem heu­ti­gen Be­ruf ge­bracht. «Ju­ra und Mi­gra­ti­on ge­hö­ren zu­sam­men», sagt sie. Nächs­ten Mo­nat star­tet sie mit dem CAS in Mi­gra­ti­ons­recht. Sie macht ih­re Ge­schich­te da­mit zu ei­nem Teil ih­rer Zu­kunft.

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Hür­de um Hür­de

Nach zehn Jah­ren in der Schweiz woll­te sich Sa­mi­ra Ra­him mit ih­rer Fa­mi­lie ein­bür­gern las­sen. Die zahl­rei­chen bü­ro­kra­ti­schen Hin­der­nis­se und die ho­hen Kos­ten brach­ten die Fa­mi­lie zeit­wei­se fast da­zu, auf­zu­ge­ben.

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