, 30. September 2017
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Hugo brüstete sich als albanischer Gummiadler.

Charles Pfalbauer jr. über den Boris von damals, künstliche Feinde, einen kampftauchenden Blöffsack und die dringend benötigte Beweglichkeit.

Schon wieder fault uns der Herbst entgegen, mal wieder ein Wahlherbst, das merke ich immer sofort, mehr oder weniger schmerzlich, wenn jeweils ein Ceevaupeeler vor unseren Hanghäusern hängt, die bekanntlich der Christlichsozialen Wohnbaugenossenschaft gehören und der Partei eine prima Strassengartenwerbefläche bieten. Diesmal ists Boris, der grinskantig-joviale Rheintaler, «anerkannt und erfahren» soll er sein, ich kenne ihn, wie alle Leute weitherum ihn kennen: hopp, wiä häschts, beschtens, hopp. Beim Namen Boris muss ich unweigerlich an den komischen Bub im Hochhaus unserer Nachbarschaft in der Siedlung am Grossen Pfahlbauersee denken; nicht weil er der erste deutsche Zuwanderer war, der in unsere schweizerisch-italienische Quartieridylle einbrach, sondern weil er eine sehr seltsame Eigenart hatte: Er ass permanent von seiner eigenen Haut, also alles, was Hände, Zehen oder sonstige Körperteile häutend hergaben, und selbstverständlich auch Nasenböggen, und er trank ausschliesslich Coca-Cola; nie haben wir gesehen, dass er sich von etwas anderem ernährte als von Hautfetzen und Cola. Trotzdem liessen wir ihn ab und zu mitspielen, beim leidenschaftlich umstrittenen Landhockey auf dem Garagenvorplatz, und speziell freuten ihn alle Schürfungen, die der gnadenlose Teerboden forderte.

Sorry, bin abgeschweift, wollte vom Sommer erzählen, der allerdings nicht viel hergab an besonderen Vorkommnissen, und drum umso besser war. Ein langweiliger Sommer ist ein guter Sommer. Was erst recht für einen gilt wie für diesen Charlie, dem manche Bekannte erst noch im Spätfrühling Wutbürgertendenzen unterstellt hatten und dem das tiefenentspannte Nichtstun deshalb sehr entgegenkam. Ich hockte also südlich am Langen See im Schatten des Maulbeerbaums und las, wenn ich nicht wegschlummerte, grossartig altmodische Bücher wie Josef Bierbichlers deftige Bayern-Generationen-Saga Mittelreich, dessen Klang man sich anhand einer Interviewaussage Bierbichlers etwa so vorstellen muss: «Ich kenne noch die alten Bauern der fünfziger und sechziger Jahre, die ihre Hosen immer bis zu den Brustwarzen hochgezogen trugen. Die haben einen grossen Eindruck bei mir hinterlassen. Die gibt es, optisch, heute nicht mehr.» Oder, ebenso drastisch einnehmend und bildgewaltig, das sehr pfahlbauerlebensnahe Louisana-Shrimpfischer-Sumpfbuch Das zerstörte Leben des Wes Trench von Tom Cooper, in dem mich vor allem das Schicksal des einhändigen Grantlers Lindquist mitnahm.

Liegestuhl-Idylle zwischen See und Schwemmholzgrill, von nichts und niemandem überschattet. Weil nicht einmal jener Ratz auftauchte, vor dem man uns gewarnt hatte und den wir mit allerlei Brutalofallen fangen sollten, und weil Braunauge und ich offenbar seit längerem ewigen Frieden geschlossen hatten, mussten mangels Gezänk und Aufregung künstliche Feinde her. Ein bisschen konnten wir uns, so wir uns denn anstrengten, über die eitle Brut eines Motorbootbesitzers aufregen. Und über den einzigen Kormoran in unserer Bucht, ein kampftauchender Blöffsack, den wir Hugo tauften und den wir in seiner andauernden Fischjagdgier attackierten, wo wir konnten: schwimmend, tauchend, mit Schiefer- oder Kugelsteinen nach ihm werfend. Natürlich verhöhnte er uns und flatterte im Extremfall ein paar Meter auf eine Boje, wo er dann die Flügel trocknete, sich brüstend in der Pose eines albanischen Gummiadlers. Es sah jämmerlich aus, aber was kümmert das einen üblen Gesellen wie Kormohugo.

Ungetrübt erfreuliche Sommerlangeweile also. Überschattet war dann, wohl zur Strafe, prompt die Rückkehr. Kaum wieder in der Gallenstadt, wollte ich mich etwas bewegen, aber die Bronchien versagten ihren Dienst und alles machte schlapp, zwei Wochen lang ging nichts mehr. Also sehr viel Brust- und Hustentee, kiloweise Ingwer und Zitronen, Emserpastillen und andere Pillen und gehörig Mucho Mephisto, eigentlich Muco-Mepha, die bewährte schleimlösende Brausetablette, wie mein Apotheker sagt. Zeitweise sah das bös nach Medikamentencocktail aus, weil noch, langfristige Kniekur, monströse Tabletten dazu kamen; Chondrova, 90 Stück à 190 Gramm, sogenanntes Nahrungsergänzungsmittel mit Glucosaminsulfat und Chondroitinsulfat, für den Erhalt der Gelenkbeweglichkeit, leider kann man Knorpel ja noch immer nicht einspritzen. Jetzt darf wieder etwas passieren, diesen Herbst, Bewegung tut not, hopp Knorpel. Und, ach ja, Boris muss nicht unbedingt sein, schon gar nicht grinsend vor meinem Haus.

 

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