Der linke Protest gegen das HSG-Symposium hat in St.Gallen Tradition, zumindest die alljährliche Demo gegen die «Leaders of Today and Tomorrow». Dieses Jahr ist einiges anders: Das Bündnis Smash Little WEF, zu dem seit 2016 auch die SP der Stadt St.Gallen gehört, organisiert eine ganze Veranstaltungsreihe rund um den Kongress oben am Berg. «Disruption!» heisst sie, angelehnt an das diesjährige Symposiumsmotto «The dilemma of disruption».
Mehr zum Symposium: hier. Saiten oben am Berg: hier. Das Saiten-Interview mit Ullrich Thielemann: hier. Saskia Sassen im Gespräch mit Saiten: hier.
Gestartet wurde mit zwei Abenden im Cabi und einem grossen Fest in der Grabenhalle letzten Freitag, wo auch der Film Agorá – von der Demokratie zum Markt gezeigt wurde. Diese Woche standen bzw. stehen gleich drei Punkte auf dem Programm: Am Dienstag waren Eva Schürmann und Silva Lieberherr von Mulitwatch an der Erfreulichen Universität im Palace zu Gast, am Freitag wird Rolf Bossart dort mit Ulrich Thielemann, dem ehemaligen Vizedirektor des Zentrums für Wirtschaftsethik an der HSG, ein Gespräch führen, und am Samstag um 13:45 Uhr wird im St.Leonhardspark gegen das «Little WEF» demonstriert. Den Abschluss der Reihe macht wieder die Erfreuliche Uni am 2. Mai zum Thema «Freihandel: Welche Antwort der Linken?».
Agrochemie: ein monopolisiertes Geschäft
Zurück zu Syngenta. «Die grosse Unbekannte» der Schweizer Multis, nannte sie Eva Schürmann am Dienstagabend. Dabei sei der Konzern ein Riese im Agrochemie-Geschäft – «bei den Pestiziden die Nummer eins auf der Welt und beim Saatgut immerhin die Nummer drei.» Die Agrarchemie- und Saatgutbranche sei ein «sehr, sehr konzentriertes und monopolisiertes Feld», das im Moment von sechs grossen Multinationalen Konzernen regiert werde.
Und bald werden es nur noch drei sein: Syngenta wird voraussichtlich für 43 Milliarden Dollar von ChemChina übernommen, Bayer will Monsanto aufkaufen und Dupont und Dow Chemical wollen ebenfalls fusionieren.
Bild: Konzernatlas – Daten und Fakten über die Agrar- und Lebensmittelindustrie
Eine Ursache für dieses Agrar-Oligopol seien die strengen Patentrechte und Saatgutgesetze, erklärte Eva Lieberherr. «Diese verunmöglichen es Newcomern und kleinen Firmen, Fuss zu fassen.» Doch die Branche habe auch Probleme: Das Modell der Konzerne sei in der Krise, da man mit hochgiftigen Pestiziden, die immer weniger funktionieren aufgrund von Resistenzen, kein Wachstum erzielen könne. «Es gibt kaum Innovation in diesem Bereich, auch in Sachen Saatgut nicht. Darum auch die Fusionen.»
Wobei, Krise ist nicht ganz das richtige Wort: Syngenta habe 2016 zwar einen Gewinnrückgang von 12 Prozent verzeichnet, sagt die Agrarwissenschaftlerin – «aber immer noch einen Gewinn von 1,18 Milliarden US-Dollar.»
Bedrohung für die Ernährungssouveränität
Machtkonzentration gleich Kontrolle über das Ernährungssystem. Unter anderem heisst das: Die eigentlich innovativen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in aller Welt werden unter dem Deckmantel der Entwicklungszusammenarbeit gesetzlich dazu verpflichtet, mit dem genetisch veränderten Saatgut und den dazugehörigen Pestiziden der Agrar-Multis zu arbeiten statt mit ihrem eigenen.
Schon jetzt würden weltweit drei Viertel aller Pestizide und des veränderten Saatguts von den Multis produziert, erklärte Eva Schürmann. «Das bedroht die Ernährungssouveränität, da eine demokratische, ökologische und selbstbestimmte Landwirtschaft so verununmöglicht wird.»
«Syngenta präsentiert sich trotz allem total als NGO», ergänzte Lieberherr. «Das Wording haben sie voll drauf.» Hier ein Zitat, das sie im Palace präsentiert hat, zum «Good Growth Plan» von Syngenta: «Every day, our planet wakes with nearly 200,000 more mouths to feed and more farmland lost to erosion. Many people who produce the world‘s food are living in poverty, while biodiversity is disappearing fast. We have a plan to meet these challenges: The Good Growth Plan.»
March against Monsanto & Syngenta: 20. Mai, 14 Uhr, Barfüsserplatz Basel. Mobivideo: hier.
Dass man mitverantwortlich ist an dieser Misere und es in der Landwirtschaft eine radikale Kehrtwende bräuchte, darauf geht der Konzern natürlich nicht ein, schliesslich basiert sein Profit auf oben beschriebenem Geschäftsmodell. Der Basler Multi unternehme mit seiner Politik auch überhaupt nichts gegen den Hunger, sagen Schürmann und Lieberherr. «Syngenta verschlimmert ihn vielmehr, auch wenn es das erklärte Ziel des Konzerns ist, die Welt zu ernähren. Dabei ist Hunger ein Verteilungsproblem und nur ein Verteilungsproblem. Es gäbe genug, um die Welt problemlos eineinhalb Mal zu ernähren.»
Der Verein Multiwatch wurde im März 2005 gegründet und setzt sich aus NGOs, Gewerkschaften, Parteien und globalisierungskritischen Organisationen zusammen. Die Koalition setzt sich ein für die Beobachtung und Veröffentlichung von Menschenrechtsverletzungen bei Schweizer multinationalen Konzernen wie Nestlé, Novartis, Glencore Xstrata oder eben Syngenta.
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