Saiten: Du wirst am 17. November mit dem Kulturpreis der St.Gallischen Kulturstiftung ausgezeichnet. Man ist versucht zu sagen: doch noch.
Milo Rau: Ja, vor vier Jahren wurde mir bekanntlich ein Preis aberkannt vom Stadtrat. Das war natürlich ein sehr bedauerlicher Vorgang, und deshalb freut es mich, dass ich jetzt den kantonalen Preis erhalte. Selbstverständlich wird behauptet, dass kein Zusammenhang besteht, das glaube ich gerne. Jedenfalls: grosse Freude! Ich habe nicht erwartet, dass ich je wieder irgendeinen Preis in St.Gallen bekomme, nachdem mir der eine aberkannt wurde. Das hat mich erstaunt und gefreut, weil damit alles aus der Welt ist.
2018 hat dir der Stadtrat von St.Gallen den Kulturpreis nicht verliehen, obwohl du von der Kulturkommission für den Preis vorgeschlagen warst. Du hast damals in einer Breitseite gegen den Stadtrat von einer «beschämenden Posse politischer Unkultur» gesprochen. Siehst du das heute immer noch so?
Ich bin der Meinung, dass man immer ein schlechter Verlierer sein muss. Ich wollte nicht über den Entscheid hinweggehen und sagen: «Aha, die Kulturkommission wird vom Stadtrat überstimmt, worauf einige aus der Kommission zurücktreten, das ist doch ein normaler Vorgang.» Da musste ich schon Paroli bieten, auch aus Loyalität zu den Mitgliedern der Kommission. Der Stadtpräsident hat damals argumentiert, mein kultureller Fussabdruck, den ich in St.Gallen hinterlassen hätte, sei zu klein. Bis herausgekommen ist, dass frühere Preisträger noch weniger vor Ort gearbeitet hatten.
Milo Rau wurde 1977 in Bern geboren und wuchs in St.Gallen auf. Er studierte Soziologie, Romanistik und Germanistik in Paris, Berlin und Zürich, u. a. bei Pierre Bourdieu und Tzvetan Todorov. Seit 2002 entstanden über 50 Theaterstücke, Filme, Bücher und Aktionen, die in über 30 Ländern zu sehen waren. 2007 gründete er das International Institute of Political Murder (IIPM), seit der Spielzeit 2018/19 ist Milo Rau Künstlerischer Leiter des NTGent.
Rau erhielt zahlreiche Auszeichnungen, wie 2016 als jüngster Künstler überhaupt den Preis zum Welttheatertag des Internationalen Theaterinstituts oder 2017 die Saarbrücker Poetik-Dozentur für Dramatik. Seine Theaterstücke und Filme wurden in über zehn Ländern mit Kritiker:innenpreisen ausgezeichnet. 2018 erhielt Milo Rau für sein Gesamtwerk den Europäischen Theaterpreis. Jetzt zeichnet ihn die St.Gallische Kulturstiftung mit ihrem grossen, alle drei Jahre vergebenen Kulturpreis aus.
Könnte man die ganze Affäre rückblickend nicht auch anders beurteilen: Dass über Kultur in St.Gallen gerne gestritten wird, dass der Stadtrat auch gern eine Meinung hat. Das ist doch im Grunde etwas Positives.
Das stimmt natürlich. Ich meine, ein verweigerter Preis ist als biografisches Erlebnis immer schöner als ein gesprochener. Wobei, die Kombination aus Verweigerung und dann doch einen bekommen ist vielleicht das Schönste. Das ist die private Perspektive.
Und die öffentliche?
Ich hätte es für die Öffentlichkeit interessant gefunden, wenn der Stadtrat auch offen debattiert hätte. Dann wäre klar geworden, ob er mir den Preis aus politischen Gründen nicht gegeben hatte, etwa weil man mir nicht verziehen hat, dass ich einst ein Stück Der St.Galler Lehrermord nennen wollte. Nur wenn es eine Debatte gibt, kommt man weiter. Aber bei solchen Hinterzimmer-Scharaden kann ich nur sagen: Da goht nöd!
Ein st.gallisches Motto.
Ich meine, wir haben das Kloster und die Universität, das sind alles Geschenke, die uns die Weltgeschichte gemacht hat. Da müssen wir uns doch auch ein bisschen würdig zeigen und auf diesem Niveau unsere Kulturpolitik machen. Wir können nicht in zwei Ligen gleichzeitig spielen. Die Kulturkommission, die Öffentlichkeit: Alle waren ein bisschen weiter als der Stadtrat. Jetzt hoffe ich, dass sie uns einholen und wir dann am 17. November lachend zurückschauen.
Du hast es angetönt: Damals war die Rede davon, als Künstler:in müsse man einen Fussabdruck in St.Gallen hinterlassen, um preiswürdig zu sein. Ich möchte das Umgekehrte versuchen und darüber reden, ob St.Gallen dich geprägt hat. Wie hast du die Stadt, in der du aufgewachsen bist, als Jugendlicher wahrgenommen?
Ich bin ja Materialist, wie dir vielleicht schon einmal aufgefallen ist. Ich bin der Meinung Bruno Latours, dass der Kontext, in dem man aufwächst, einen mehr prägt als man selbst den Kontext prägt. Ich glaube, die Idee des Fussabdruckes ist eine überholt aufklärerische. Heute muss man eher sagen, man wird von der Heimat besessen und man besitzt keine Heimat. Eine Heimat hat man nicht, glaube ich, sondern die Heimat hat uns. Ich merke, wenn ich einfahre mit einem der grossartigen Züge und unter dem Maestrani-Schild aussteige: Schon diese Kühle, diese Feuchte, diese Wiesen, dieser Geruch, die Gülle! Man merkt einfach: «Zack, ich bin zuhause.» Da kann ich gar nichts machen. Dann biege ich um die Ecke und: Zack, da wartet schon Florian, mein ehemaliger Kantilehrer.
Wenn einen die Heimat hat und man sie selbst nicht: Dann wird man sie auch nicht mehr los.
Man sagt ja gerne, wo meine Freunde sind, oder wo meine Arbeit ist, da bin ich zuhause. Und natürlich stimmt das auch. Aber ich glaube doch, dass die Heimat eine Landschaft ist, ein Komplex, ein biografischer Zufall. Und bei mir ist das nun einmal St.Gallen. Zehntausende Erinnerungen, zehntausende erste Male – das geht von der Musik über intellektuelle Ereignisse bis hin zu Trauerfällen – habe ich durch die Brille des St.Gallischen erlebt und gesehen und gelernt. So ist das nun mal.
Und was charakterisiert dieses St.Gallische?
Dieser materielle Geist zeigt sich natürlich an vielen Orten, zum Beispiel in den Drei Weieren. Spontan kommt mir diese seltsame Kühle an einem Sommerabend in den Sinn. So dass man merkt, eigentlich ist die wahre Natur hier der Winter. Der Sommer ist im Grunde nur eine scheinhafte, vorübergehende Geschichte. Ich fand auch immer toll, dass St.Gallen eine verhinderte Weltstadt in diesem Hochtal ist.
Eine Stadt, die grösser gebaut wurde, als sie heute tatsächlich ist.
Genau. Weil sie grösser gebaut ist, aber auch, weil sie von einem riesigen ländlichen Kanton umgeben ist, sich im Würgegriff von einer Million Bauern befindet, die sämtliche Versuche, mittelländisch zusammenzuwachsen oder wie Zürich selbstgerecht als goldene Sackgasse zu enden, verweigert haben. Dann ist halt Olma, und dann ist Schluss.
Kulturpreisverleihung an Milo Rau: 17. November, 19 Uhr, Lokremise St.Gallen, mit einer Laudatio von Sibylle Berg
kulturstiftung.sg
Milo Rau: «Warum Kunst?»: 17. November bis 18. Dezember, Kunsthalle St.Gallen,
Vernissage: 17. November 22 Uhr
k9000.ch
Wie hat dich dieser Geist geprägt, im Guten wie im Schlechten?
Tatsächlich bin ich kein urbaner Geist. Ich bin ein Freund der direkten Begegnung, der Loyalität. Ich habe viele alte St.Galler Freund:innen, die mir geblieben sind, obwohl sich unsere Lebenswege teilweise in ganz andere Richtungen entwickelt haben. Ich bin ein Leben lang ein Freund der kleinen und mittleren Städte geblieben, ich bin nie ein richtig krasser Grossstadtfreak geworden, mag aber auch das Dörfliche nicht. Wo auch immer ich bin – ich wohne jetzt schon seit langem in Köln –, verkleinere ich alles auf eine St.Gallische Grösse. Ich betrete gewisse Quartiere gar nicht, weil die zu weit weg sind. Auf einen Fussballclub bezogen, müsste ich wirklich sagen: Ich bin ein St.Gallen-Ultra.
Wusstest du eigentlich schon in deiner Jugend, dass du Theater machen willst?
Meine Theaterkarriere ist aus dem Scheitern des Filmprojektes Paranoia Express entstanden. Der Prozess war viel zu teuer und dauerte lange. Damals hat mich eine Freundin, die Theater machte, mitgenommen. So bin ich reingerutscht und habe gemerkt: Da kann man crossover ganz schnell viel machen und bewegen. Ich hatte also ursprünglich nicht den Plan, Theater zu machen. Wenn du damals, als ich jung war, ins Stadttheater St.Gallen gegangen bist, dann hattest du das übliche nervige Poptheater, das in den 90ern gemacht wurde. Da bin ich lieber an eine richtige Party gegangen als an eine solch komische Krampfparty mit Tschechow-Texten.
In deinen Stücken geht es häufig um eine gesellschaftliche Dokumentation oder mehr noch um eine politische Intervention, von den Moskauer Prozessen bis zum Kongo Tribunal. Nun gibt es in St.Gallen auch eine Art Tradition dieser interventionistischen Dokumentation, ich denke etwa an Bücher wie Die Ermordung des Landesverräters Ernst S. von Niklaus Meienberg oder Grüningers Fall von Stefan Keller. Haben dich diese Bücher beeinflusst?
Die waren extrem präsent! Sowohl Meienberg wie Keller natürlich, diese Art von historischem Zugriff, vom Bewusstsein einer Klassengeschichte oder Gewaltgeschichte, die grösser ist als man selbst, hat mich immer fasziniert. Diese Brechtsche Idee auch, dass man nicht einfach die Fabrik schön abmalt in Ölfarben, sondern vielleicht hineingeht und mit den Leuten redet. Und versteht, was diese Fabrik ist.
Du siehst dich also selbst in dieser Tradition?
Man könnte es vielleicht so sagen: Wir in St.Gallen sind Geschichtenerzähler:innen, wir mögen den epischen Zugriff, wir haben Zugang zu den Menschen, wir vertrauen der oralen Geschichte. Wir sind ja, obwohl wir diese berühmte Stiftsbibliothek haben, eine halb-nichtschriftliche Kultur. Meienberg mochte auch immer das Dialektale. Man vergisst oft, dass die postmoderne reiche Schweiz eine sehr neue Erfindung ist. Und dass darunter ganz andere Welten liegen, unter diesem dünnen Firnis.
Wie nimmst du die Rolle der Schweiz in der Welt wahr?
Als Schweizer habe ich immer das Privileg, gleichzeitig Zugriff zu einer archaischen, vormodernen Gesellschaft und einer postmodernen Gesellschaft zu haben. Unversehrt von Bombenkriegen hatten wir Schweizer:innen welthistorisch die Möglichkeit, ständig von der kapitalistischen Entwicklung zu profitieren. Die Virtualität der Finanzströme ist unfassbar geworden, aber sie setzt sich in der Schweiz quasi ab wie Kalk in einer Wasserleitung. Für Leute mit eher düsteren Neigungen wie mich ist das toll. Du hast wirklich diese hohe Kriminalität des Schweizer Bürgertums. Überspitzt gesagt wird man ja an unseren Unis quasi ausgebildet, um Massenmördern zu assistieren. In diesem Sinn kann man die HSG eigentlich als Ausbildungsstätte für Wirtschaftskriminalität bezeichnen.
Du machst die Beteiligung der Schweiz an der Ausbeutung immer wieder sichtbar in deinen Stücken, etwa im Kongo Tribunal vor der Abstimmung über die Konzernverantwortung. Trotzdem assistieren die meisten weiter.
Den Trick haben ja alle gemacht, sogar die Deutschen nach dem Faschismus. Da haben alle nur assistiert, und der Hauptschuldige hat sich zum Glück umgebracht im Bunker. Das ist der alte Trick in arbeitsteiligen Gesellschaften: Im Endeffekt ist nur einer verantwortlich. Und das ist natürlich auch bei der Wirtschaftskriminalität so. Glencore, das zeigte sich beim Kongo Tribunal, ist bei der Verantwortungsdiffusion superprofessionell. Es gibt immer noch eine Unterfirma. Doch angesichts des riesigen Reichtums in der Schweiz müssen wir uns immer wieder die Frage stellen: Woher kommt der? Wir haben keine Bodenschätze. Der Reichtum muss vorher also jemand anderem gehört haben. Aber irgendwie verdränge ich das auch immer wieder.
Zu diesem Schweizbild passt der Ausspruch «La realité dépasse la fiction», die Realität übertrifft die Fiktion. Deine Stücke sind generell keine Recherchen zu realen Katastrophen und keine hübschen oder auch düsteren Fiktionen.
Die Realität ist für mich etwas, was sich nicht in eine erzählbare Motivationsstruktur einordnen lässt. Darum habe ich mich immer wieder mit der Gewalt, dem Tod oder auch der Weltwirtschaft beschäftigt. Mit objektiven Kräften, die gross sind, und bei denen man nicht weiss: Warum gibt es sie, woher kommen sie, wer steuert sie? Für uns Linke besteht immer die Gefahr der moralistischen Machbarkeit. Alles muss aus der Realität vertrieben werden, was uns nicht behagt. Das ist natürlich die Wurzel des Fortschrittes und darf a priori nicht in Frage gestellt werden – aber auf der anderen Seite ist auch eine gewisse Gelassenheit nötig, dass wir halt Objekt der Geschichte, Opfer von Vorgängen sind. Das ist der Moment, wo die Realität die Fiktion oder auch die Zivilisation übertrifft.
Die Fiktion ist also harmloser.
Die Romanautor:innen klagen immer, dass sie die Wirklichkeit entfiktionalisieren müssen, damit sie als Fiktion taugt. Und das stimmt tatsächlich. Als ich das Stück über den rumänischen Diktator Ceausescu gemacht habe, musste ich ihn komplett normalisieren, damit er irgendwie akzeptabel war auf der Bühne. Sonst hätten alle gedacht, ich übertreibe. Das ist auch ein Grund, warum die Leute trotz der Klimakrise gleich weitermachen wie eh und je: Wir nehmen der Wirklichkeit nicht ab, dass es jetzt wirklich eine Katastrophe gibt. Das glauben wir halt einfach nicht. Die Fiktion ist schon fast ein Normalisierungsapparat für die Wirklichkeit selbst geworden, damit wir sagen können, so schlimm wird es nicht kommen.
Trotz all der schwierigen Themen, die du verhandelst, sind deine Stücke von einer Leichtigkeit geprägt. Der Wilhelm Tell, den du zuletzt in Zürich gezeigt hast, war fast schon eine Hymne auf die Versöhnung. Woher kommt diese Leichtigkeit? Oder besser: Was machst du, damit du sie nicht verlierst?
Es gibt verschiedene Gründe. Sicher ist in meiner Biografie der superintegrative Wunsch angelegt, dass alle zusammen sind und glücklich. Das hat bestimmt damit zu tun, dass meine Familie Einwanderer:innen sind. Mein Grossvater Dino Larese hat als Einwanderer St.Galler Sagen geschrieben, das war wirklich Cultural Appropriation. Ich verfolge selbst einen Theatrum-Mundi-Zugriff, alle sollen dabei sein, selbst die Nazis. Das sind darstellerisch auch einfach skurrile Figuren. Und natürlich habe ich die naive Hoffnung, dass sie durch die Beteiligung ein Stück weit humanisiert werden. Bisher wurde ich nicht enttäuscht.
Um zum Schluss auf die Preisverleihung zurückzukommen: Verläuft sie ordnungsgemäss oder gibt es etwas zu erwarten?
Man darf durchaus etwas erwarten. Als Ultra werde ich den Preis sofort reinvestieren, um St.Gallen noch st.gallischer zu machen, als es schon ist. Selbstverständlich voller Sanftheit, Wohlwollen und auf höchstem Niveau!
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