Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Ich bin einfach niemand gewesen»

Rund 60'000 Menschen waren in der Schweiz Opfer von Zwangsinternierungen und Fremdplatzierungen – darunter viele Kinder und Jugendliche. Ihr Schicksal hat eine Historikerkommission aufgearbeitet, heute wurde dem Bundesrat der Schlussbericht überreicht. Auch St.Gallen leistet Erinnerungsarbeit.
Von  Peter Surber
Eduard und Robert Blaser. Die Porträts entstanden für den ersten Band «Gesichter der administrativen Versorgung» der von der UEK herausgegebenen Publikationsreihe. (Bilder: Jos Schmid)

«Ich bin einfach niemand gewesen.» So bringt S.Z. sein Leben auf den Punkt: Als unehelich gezeugtes Kind eines polnischen Staatsbürgers, der während des Zweiten Weltkriegs in der Schweiz interniert war, war S.Z. gleich in mehrfacher Hinsicht «illegitim». Abgelehnt vom Stiefvater, wird S.Z. schon kurz nach der Geburt im Heim plaziert. Es beginnt eine «Karriere» wechselnder Fremdplatzierungen – ein «Zwangslagenleben», wie es ein anderes Opfer der sogenannten Administrativen Versorgung nennt.

Über 50 Biografien von Betroffenen sind von einer Unabhängigen Expertenkommission seit 2014 aufgearbeitet worden, ergänzt um zahlreiche weitere Forschungen. Das Ergebnis: eine Wanderausstellung und ein zehnbändiger Bericht. Heute hat ihn die Kommission in Bern vorgestellt, er ist über die letzten Monate fortlaufend publiziert worden und vollständig auch online lesbar.

Strafende Gesellschaft

Uneheliche Geburt, Verlust der Eltern, Armut, zerrüttete Ehen, abwesende oder gewalttätige Väter und andere familiäre Gründe führen zu «Platzlosigkeit», wie es der Bericht nennt, zur Fremdplatzierung von Kindern und Jugendlichen – und oft zu lebenslänglicher sozialer Stigmatisierung.

Hinter den individuellen Problemen steht eine Gesellschaft, die Familien in die Armut trieb, die mit rigiden Moralvorstellungen angeblich «liederlichen Lebenswandel» sanktionierte, «gefährdete Mädchen» internierte oder aufmüpfige Jugendliche und Erwachsene in Arbeitserziehungsanstalten steckte.

Besonders rabiat griff der Staat bei Fahrenden und Jenischen durch, wie das Schicksal von Ursula Waser exemplarisch deutlich macht, mehr dazu hier. Was ihr und anderen «administrativ versorgten» Kindern und Erwachsenen an Demütigung, Gewalt, sexuellen Übergriffen und Ausgrenzung angetan wurde; was die Folgen waren, von Fluchtversuchen über Gefängnisstrafen bis zur Psychiatrisierung oder zum Suizid; wie ein staatliches Zwangsregime Unrecht legitimierte und Leben zerstörte: Das füllt im Wortsinn Bände – und ist zum Teil, noch in der nüchternen Aufarbeitung durch die Autorinnen und Autoren des Berichts, kaum auszuhalten.

Erhellt wird mit dem Bericht eines der düstersten Kapitel in der jüngeren Geschichte der «sauberen» Schweiz, von dem nicht nur Vereinzelte, sondern rund 60’000 Menschen betroffen waren – bis 1981, als das entsprechende Gesetz aufgehoben und damit dem Unrechtsstaat ein Ende gemacht wurde.

Bei der geschichtlichen Aufarbeitung soll es nach Ansicht der Kommission allerdings nicht bleiben. Die bisherige Wiedergutmachung, ein «Solidaritätsbeitrag» von 25 000 Franken pro Person, genüge nicht, erklärte die Expertenkommission heute in Bern und schlägt weitergehende finanzielle Leistungen vor, zum Beispiel ein Gratis-GA, Steuererlass oder eine lebenslange Rente. Denn das damalige Unrecht habe vielfach lebenslange Folgen – und sei zum Teil sogar auf die nachfolgenden Generationen übergegangen.

«Erinnerungszeichen» auf der Kreuzbleiche

Anstaltslandschaft Schweiz, um 1933. (Bild: UEK)

Neben dem Bund nimmt auch der Kanton St.Gallen den Bericht zum Anlass für Erinnerungsarbeit. Er rangiert etwa bei der Zahl von Heimen und Zwangserziehungsanstalten weit oben auf der Liste der Kantone.  Am 21. September findet in der Lokremise St.Gallen ein Gedenkanlass zum Thema statt; die Einladungskarte spricht reichlich defensiv davon, dass die massiven Eingriffe in die individuelle Lebensführung «aus heutiger Sicht falsch» waren.

Gedenkanlass für Betroffene fürsorgerischer Zwangsmassnahmen:
21. September, 14 Uhr ,Lokremise St.Gallen

Beim Anlass werden Werner Fürer aus der Sicht eines Betroffenen und Martin Klöti für die St.Galler Regierung sprechen; Historiker Jakob Tanner referiert über «Freiheit und Zwang im Rechsstaat», Lukas Gschwend, Professor für Rechtsgeschichte an der Universität St.Gallen, berichtet als Mitglied der Unabhängigen Expertenkommission. Anschliessend wird auf dem Spielplatz Kreuzbleiche ein Erinnerungszeichen eingeweiht. Der Standort soll daran erinnern, dass wegen der Massnahmen «vielen Betroffenen eine unbeschwerte Kindheit und Jugend verwehrt blieb», wie der Kanton schreibt.

Zwei Videostatements, welche der Kanton veröffentlicht, sind hier und hier zu finden.

Dem Thema hat sich auch das Theater St.Gallen angenommen. Im Juni hatte das Stück «Verminte Seelen» Premiere, eine dokumentarische Aufarbeitung von Schicksalen Betroffener. Im November steht die Wiederaufnahme des Stücks auf dem Spielplan. Das Theater Basel spielt ab Oktober die Uraufführung eines Stücks von Darja Stocker über das Leben eines Verdingbuben: «Hundert Jahre weinen oder hundert Bomben werfen».

Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

Von  Daria Frick
B 8

«Open House St.Gallen»

Of­fe­ne Tü­ren – tie­fe Ein­bli­cke

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 17 40

Museum Herisau

Zeit­rei­se zu den An­fän­gen der Schul­bil­dung

Von  Redaktion Saiten
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 08 43

Ein Rück­blick auf die ver­ges­se­ne Künst­le­rin Mag­gy Mau­ritz

Das Küefer-Mar­tis-Hu­us in Rug­gell wid­met sich in ei­ner Re­tro­spek­ti­ve der Wie­der­ent­de­ckung ei­ner völ­lig über­se­he­nen Künst­le­rin: Mag­gy Mau­ritz war ei­ne Pio­nie­rin der Graf­fi­ti­kunst und des Lett­ris­mus.

Von  Sieglinde Wöhrer
IMG 5826 Paul Trummer 2

Der lan­ge Weg nach Hau­se – ein Stol­per­stein für Ja­kob Lütschg

Ja­kob Lütschg kehr­te nie nach Bal­gach zu­rück. 82 Jah­re nach sei­nem Tod im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bu­chen­wald kehrt we­nigs­tens sein Na­me heim. Der ers­te Stol­per­stein im St. Gal­ler Rhein­tal er­in­nert an ein Le­ben, das bei­na­he ver­ges­sen ging.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 1558

Musik am See

Pia­no­klän­ge für al­le

Von  Vera Zatti
IMG 0757 2

FC St.Gal­len vs. FC Thun 3:4 – Es wird heu­te nicht mehr bes­ser

Tor­reich, span­nend und doch ent­täu­schend - nur ei­ne Vier­tel­stun­de gu­ter Fuss­ball reicht halt nicht zum Punkt ge­gen Thun. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Fast ein gan­zes Le­ben spä­ter 

Nach Jahr­zehn­ten tref­fen sich Eva und Franz wie­der. Bei­de im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Viel ist pas­siert und doch ist da noch Zu­nei­gung. Schwind­lig heisst der neue Ro­man der Ost­schwei­zer Au­torin Chris­ti­ne Fi­scher, in dem viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re auf fei­nes Sprach­ge­fühl tref­fen. 

Von  Vera Zatti
Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

Neu­start für Me­ter und Off­cut

Die­ses Wo­chen­en­de er­öff­net die of­fe­ne Werk­statt Me­ter den neu­en Stand­ort an der Burg­stras­se. Und im No­vem­ber zü­gelt Off­cut nach St.Fi­den. Das ist der An­fang vom En­de der Ge­mein­schaft «Ul­men5» – zu­min­dest in ih­rer bis­he­ri­gen Form. Denn 2027 könn­te es zur teil­wei­sen Wie­der­ver­ei­ni­gung kom­men.

Von  David Gadze
Meter 6 david gadze

WG gaf­fen

Ei­ne neue SRF-Se­rie por­trä­tiert ei­ne elf­köp­fi­ge WG aus St.Gal­len. End­lich wie­der mal ei­ne se­hens­wer­te SRF-Pro­duk­ti­on, fin­det Sai­ten-Au­tor An­di Gi­ger.

Von  Andi Giger
6085807

FC St.Gal­len vs. FC Nordsjæl­land 2:3 – St. Gal­len un­ter­liegt Nordsjæl­land

St. Gal­len schlägt sich am En­de auch selbst und muss den Traum von Eu­ro­pa be­gra­ben. Ent­schei­dend war er Platz­ver­wei­se ge­gen Mihai­lo Steva­no­vic vor der Pau­se.

Von  SENF Kollektiv
Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

Saiten 2609 Cover 01

Mehr Di­ver­si­tät, mehr Durch­mi­schung

An sei­ner ers­ten Pres­se­kon­fe­renz als Lei­ter der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne schil­dert Hü­sey­in Cir­pi­ci sei­ne Ein­drü­cke der Stadt und ver­rät, was das Pu­bli­kum un­ter sei­ner Re­gie er­war­tet.

Von  Daria Frick
Whats App Image 2026 08 26 at 08 36 26

Him­mels­stür­mend und oh­ren­be­frei­end

Der St.Gal­ler Kom­po­nist Charles Uz­or hat ei­ne Art po­li­ti­sches Ora­to­ri­um ge­schrie­ben. Am Sonn­tag wur­de es in der Kir­che Tro­gen auf­ge­führt: The Gre­at Wall. A La­by­rinth mit dem gran­dio­sen New Yor­ker Vo­kal­ensem­ble Ek­me­les.

Von  Peter Surber
Charles Uzor photo Michel Canonica

Ma­schi­nen­in­tel­li­genz trifft den Ton, aber nicht die Mu­sik

An den Ap­pen­zel­ler Bach­ta­gen er­klär­te die Me­di­en­wis­sen­schaft­le­rin Mer­ce­des Bunz, wes­halb die künst­li­che In­tel­li­genz krea­tiv sein kann – und war­um sie den­noch grund­le­gend an­ders ar­bei­tet als der Mensch. 

Von  Philipp Bürkler
Bachtage ki und musik 1

Kunstausstellung

Kunst öff­net Tü­ren

Von  Vera Zatti
Arthur Stobete nah

Weis­ses Va­ku­um und ei­ne ro­te Kra­wat­te

Ge­sell­schafts­kri­tik, Wir­bel­säu­len und Ge­len­ke, die kei­ne sind. Im Rah­men ei­ner Zwi­schen­nut­zung zei­gen vier Kunst­schaf­fen­de noch bis zum 29. Au­gust ih­re Ar­bei­ten im Ku­bik-Are­al in St. Gal­len.

Von  Vera Zatti
Transluzent Saiten 5

Das Kreuz mit den Ga­gen

Die Kul­tur hat kei­ne Lob­by? Am Stadt­kul­tur­ge­spräch vom Don­ners­tag­abend im Tal­hof war sie da: Ver­tre­ter:in­nen von acht Be­rufs­ver­bän­den stell­ten sich vor. Bren­nends­tes The­ma wa­ren ein­mal mehr die Ho­no­ra­re.

Von  Peter Surber
Stadtkultur2

Ei­ne Por­ti­on Kunst

Im Kunst Kon­tor Ror­schach lud der Künst­ler Fe­lix Stöck­le zu ei­nem Din­ner, ei­ner Aus­stel­lung, ei­nem Hap­pe­ning – zwi­schen Fi­ne Di­ning, Ke­ra­mik, pop­kul­tu­rel­len Re­fe­ren­zen und der al­ten Idee ei­nes ge­teil­ten Ti­sches.

Von  Veronika Fischer
Kunstkontor dinner felix stoeckle 1

Hür­de um Hür­de

Nach zehn Jah­ren in der Schweiz woll­te sich Sa­mi­ra Ra­him mit ih­rer Fa­mi­lie ein­bür­gern las­sen. Die zahl­rei­chen bü­ro­kra­ti­schen Hin­der­nis­se und die ho­hen Kos­ten brach­ten die Fa­mi­lie zeit­wei­se fast da­zu, auf­zu­ge­ben.

Von  Andi Giger
Image2