«Ich bin einfach niemand gewesen.» So bringt S.Z. sein Leben auf den Punkt: Als unehelich gezeugtes Kind eines polnischen Staatsbürgers, der während des Zweiten Weltkriegs in der Schweiz interniert war, war S.Z. gleich in mehrfacher Hinsicht «illegitim». Abgelehnt vom Stiefvater, wird S.Z. schon kurz nach der Geburt im Heim plaziert. Es beginnt eine «Karriere» wechselnder Fremdplatzierungen – ein «Zwangslagenleben», wie es ein anderes Opfer der sogenannten Administrativen Versorgung nennt.
Über 50 Biografien von Betroffenen sind von einer Unabhängigen Expertenkommission seit 2014 aufgearbeitet worden, ergänzt um zahlreiche weitere Forschungen. Das Ergebnis: eine Wanderausstellung und ein zehnbändiger Bericht. Heute hat ihn die Kommission in Bern vorgestellt, er ist über die letzten Monate fortlaufend publiziert worden und vollständig auch online lesbar.
Strafende Gesellschaft
Uneheliche Geburt, Verlust der Eltern, Armut, zerrüttete Ehen, abwesende oder gewalttätige Väter und andere familiäre Gründe führen zu «Platzlosigkeit», wie es der Bericht nennt, zur Fremdplatzierung von Kindern und Jugendlichen – und oft zu lebenslänglicher sozialer Stigmatisierung.
Hinter den individuellen Problemen steht eine Gesellschaft, die Familien in die Armut trieb, die mit rigiden Moralvorstellungen angeblich «liederlichen Lebenswandel» sanktionierte, «gefährdete Mädchen» internierte oder aufmüpfige Jugendliche und Erwachsene in Arbeitserziehungsanstalten steckte.
Besonders rabiat griff der Staat bei Fahrenden und Jenischen durch, wie das Schicksal von Ursula Waser exemplarisch deutlich macht, mehr dazu hier. Was ihr und anderen «administrativ versorgten» Kindern und Erwachsenen an Demütigung, Gewalt, sexuellen Übergriffen und Ausgrenzung angetan wurde; was die Folgen waren, von Fluchtversuchen über Gefängnisstrafen bis zur Psychiatrisierung oder zum Suizid; wie ein staatliches Zwangsregime Unrecht legitimierte und Leben zerstörte: Das füllt im Wortsinn Bände – und ist zum Teil, noch in der nüchternen Aufarbeitung durch die Autorinnen und Autoren des Berichts, kaum auszuhalten.
Erhellt wird mit dem Bericht eines der düstersten Kapitel in der jüngeren Geschichte der «sauberen» Schweiz, von dem nicht nur Vereinzelte, sondern rund 60’000 Menschen betroffen waren – bis 1981, als das entsprechende Gesetz aufgehoben und damit dem Unrechtsstaat ein Ende gemacht wurde.
Bei der geschichtlichen Aufarbeitung soll es nach Ansicht der Kommission allerdings nicht bleiben. Die bisherige Wiedergutmachung, ein «Solidaritätsbeitrag» von 25 000 Franken pro Person, genüge nicht, erklärte die Expertenkommission heute in Bern und schlägt weitergehende finanzielle Leistungen vor, zum Beispiel ein Gratis-GA, Steuererlass oder eine lebenslange Rente. Denn das damalige Unrecht habe vielfach lebenslange Folgen – und sei zum Teil sogar auf die nachfolgenden Generationen übergegangen.
«Erinnerungszeichen» auf der Kreuzbleiche
Anstaltslandschaft Schweiz, um 1933. (Bild: UEK)
Neben dem Bund nimmt auch der Kanton St.Gallen den Bericht zum Anlass für Erinnerungsarbeit. Er rangiert etwa bei der Zahl von Heimen und Zwangserziehungsanstalten weit oben auf der Liste der Kantone. Am 21. September findet in der Lokremise St.Gallen ein Gedenkanlass zum Thema statt; die Einladungskarte spricht reichlich defensiv davon, dass die massiven Eingriffe in die individuelle Lebensführung «aus heutiger Sicht falsch» waren.
Gedenkanlass für Betroffene fürsorgerischer Zwangsmassnahmen: 21. September, 14 Uhr ,Lokremise St.Gallen
Beim Anlass werden Werner Fürer aus der Sicht eines Betroffenen und Martin Klöti für die St.Galler Regierung sprechen; Historiker Jakob Tanner referiert über «Freiheit und Zwang im Rechsstaat», Lukas Gschwend, Professor für Rechtsgeschichte an der Universität St.Gallen, berichtet als Mitglied der Unabhängigen Expertenkommission. Anschliessend wird auf dem Spielplatz Kreuzbleiche ein Erinnerungszeichen eingeweiht. Der Standort soll daran erinnern, dass wegen der Massnahmen «vielen Betroffenen eine unbeschwerte Kindheit und Jugend verwehrt blieb», wie der Kanton schreibt.
Zwei Videostatements, welche der Kanton veröffentlicht, sind hier und hier zu finden.
Dem Thema hat sich auch das Theater St.Gallen angenommen. Im Juni hatte das Stück «Verminte Seelen» Premiere, eine dokumentarische Aufarbeitung von Schicksalen Betroffener. Im November steht die Wiederaufnahme des Stücks auf dem Spielplan. Das Theater Basel spielt ab Oktober die Uraufführung eines Stücks von Darja Stocker über das Leben eines Verdingbuben: «Hundert Jahre weinen oder hundert Bomben werfen».
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«Open House St.Gallen»
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