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«Ich denke nicht in Pyramiden»

Ein Theater, das für Diversität, Nachhaltigkeit und Partizipation einsteht, in dem die Sparten gleichberechtigt sind und das trotzdem einen Chef hat: Das Interview mit Jan Henric Bogen, dem künftigen gesamtverantwortlichen Direktor von Konzert und Theater St.Gallen.
Von  Peter Surber
Jan Henric Bogen. (Bilder: Theater St.Gallen)

Was interessiert Sie an diesem Gewaltsjob?

Jan Henric Bogen: Zum einen bin ich hier in St.Gallen sehr schnell heimisch geworden. Das Theater hat einen guten Geist. Zum andern packe ich gern grosse Aufgaben an. Hier in St.Gallen sehe ich in der Funktion des gesamtverantwortlichen Direktors einen riesigen Gestaltungsspielraum und die Chance, das Theater zu verjüngen und frischen Wind hineinzubringen.

Sind Sie das «Multitalent», das all die künstlerischen, administrativen, finanziellen und kommunikativen Aufgaben dieser Position bewältigen kann?

Meine Talente müssen andere beurteilen. Ich glaube zumindest, einen breiten Erfahrungsschatz und Ausbildungshintergrund mitzubringen im künstlerischen wie im administrativen Bereich. Ich habe Jus und Musikwissenschaft studiert, in unterschiedlichen Kombinationen an verschiedenen Theatern gearbeitet und kenne das grosse Puzzle, das da zu legen ist. Mein Horizont ist weit, wenn auch vielleicht nicht gerade 360 Grad. Die Oper bleibt meine künstlerische Heimat und Leidenschaft. Deshalb war es mir wichtig, die Leitung der Opernsparte beibehalten zu können.

Es gab im Vorfeld Kritik an der neuen Hierarchie. Sie selber sprechen sich vehement für Kooperation und eine Kommunikation auf Augenhöhe aus. Wie passt das zusammen?

Ich hatte Verständnis für die Bedenken und für die Debatte – habe mich aber auch darüber gefreut, dass das Theater in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Allerdings nicht immer mit sauberen Argumenten; so sind etwa die Theater Basel und Luzern als Beispiele kooperativer Führungsstrukturen genannt worden, dabei haben auch sie ein Intendantenmodell. Das Bedürfnis des St.Galler Verwaltungsrats, nach einer langen Zeit des parallelen Nebeneinanders der Sparten die Kräfte des Mehrspartenhauses zu fokussieren, kann ich verstehen. Aber ich setze auf Dialog und denke nicht in Pyramiden. Mein Modell ist eher das eines Spinnennetzes oder eines Kreises.

Was muss man sich unter der «modernen Organisationsstruktur» vorstellen, die Sie am Theater St.Gallen gemäss Mitteilung entwickeln wollen?

Wir werden dies im Dialog mit dem Haus entwickeln. Relativ klar ist für mich zum einen, dass die Sparten gleichbehandelt werden, und das heisst vor allem, den Tanz als eigene Direktion zu behandeln statt der Operndirektion unterzuordnen. Nur so wird man der Bedeutung dieser Kunstform gerecht. «Vierspartenhaus» heisst für mich: Die Sparten sind auf einer Ebene. Zum andern braucht das Theater St.Gallen sicher die Funktion eines CFO, der die Finanzen unter sich hat. Der Direktor trägt jedoch die wirtschaftliche Gesamtverantwortung.

Sie sind in Personalunion künstlerischer Leiter des Musiktheaters und gesamtverantwortlicher Direktor. Läuft die von Ihnen eingangs genannte Fokussierung des St.Galler Theaters auf eine noch stärkere Konzentration auf das Musiktheater hinaus?

Nein. Die Fokussierung ist thematisch gemeint: Wofür steht das Theater St.Gallen? Mein Ziel ist es, in einem kommunikativen Prozess die Themen zu setzen, die wir als Gesamttheater über eine Spielzeit oder länger verfolgen wollen. Das muss kein Mottozwang sein, aber ich habe mit Themenschwerpunkten gute Erfahrungen gemacht. Der Fokus heisst: Das Theater St.Gallen steht für Diversität, Nachhaltigkeit und Partizipation. Diese Werte sollen sowohl intern wie auch gegen aussen gelebt werden. Darüberhinaus ist mir natürlich auch am Erfolg aller Sparten gelegen; schliesslich steht der gesamtverantwortliche Direktor auch dafür ein.

Weshalb dann trotzdem die neue Hierarchie?

Dass der Verwaltungsrat sie will, kann ich nachvollziehen, mit Blick auf die Herausforderungen, denen sich das Theater stellen muss – Corona natürlich, dann die bauliche Sanierung, die erhoffte Verjüngung des Publikums, die Zukunft der Festspiele und so weiter. Dass Gesamtdirektion und Leitung des Musiktheaters zusammenkommen, bedeutet keine Bevorzugung von Oper und Musical. Die grösste Zahl an Produktionen kommt vom Schauspiel. Ich gehe davon aus, dass das auch so bleiben wird.

Schauspieldirektor Jonas Knecht steht für ein Theater, das die gesellschaftlichen Diskurse aufnimmt und das Theater in die Stadt bringt – was ja auch ihr Anliegen ist. Knechts Vertrag wurde jedoch nur um ein Jahr verlängert. Wie stellen Sie sich dazu?

Jonas Knecht und ich verstehen uns gut, menschlich und künstlerisch. Aber der Verwaltungsrat hat eine relativ deutliche Entscheidung getroffen. Ich verstehe sie als klaren Auftrag für eine Veränderung.

Das Ensemble hat beim Verwaltungsrat mehrfach gewünscht, mit Hearings in den Findungsprozess für die neue Direktion zumindest einbezogen zu sein. Der Präsident des Verwaltungsrats hat das abgelehnt. Hätten Sie sich nicht für mehr Mitsprache ihrer Kolleginnen und Kollegen einsetzen sollen?

Da überschätzen Sie die Rolle eines Bewerbers. Der Verwaltungsrat war derjenige, der den Prozess gestaltet hat. Persönlich habe ich das Bewerbungsverfahren als strukturiert und fair empfunden. Aber ich kann nachvollziehen, dass der Führungswechsel nach 23 erfolgreichen Jahren bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Unsicherheiten auslöst. Ich hoffe natürlich, dass mit meiner Person und dadurch, dass mich das Haus schon kennt, ein Grossteil dieser Ungewissheiten ausgeräumt sind.

Sie waren fünf Jahre an der Opera Vlaanderen in Antwerpen und Gent tätig. Seit zwei Jahren steht der St.Galler Milo Rau an der Spitze des Theaters Gent, mit einem radikalen, alle Beteiligten einbeziehenden Theaterverständnis. Was halten Sie davon?

Ich finde sehr inspirierend, was Milo Rau macht und mit welcher Konsequenz er den unterschiedlichen Gruppen der Gesellschaft Gehör verschafft – das Ergebnis funktioniert, wie immer in der Kunst, manchmal besser und manchmal schlechter.

Kann sich die Oper trotz ihres klassischen Repertoires auch in diese Richtung entwickeln?

Die Oper hat Möglichkeiten, diverse Stimmen auf die Bühne zu bringen. Das tun wir in meiner ersten Spielzeit denn auch, mit dem Spielzeitmotto «Herstory», mit dem Fokus auf Komponistinnen und Dirigentinnen oder mit dem Engagement eines bewusst diversen Opernensembles. Wenn eine Oper nicht mehr rein ethnisch «weiss» besetzt ist, passiert automatisch etwas mit dem Publikum, ohne dass man Rassismus ständig mit erhobenem Zeigefinger anspricht. Solche Wahrnehmungsveränderungen stellen sich erstaunlich rasch ein. Wichtig ist mir immer, zu fragen und zu thematisieren: Welche Stimme höre ich? Wer erzählt die Geschichte? Wessen Geschichte ist es?

Welches Wunschprojekt werden Sie als Intendant realisieren?

Mein allgemeiner Wunsch ist es, die breite Aufstellung, die das Theater St.Gallen hat, zu nutzen und sichtbar zu machen, Hürden abzubauen zwischen den Sparten. Zu zeigen: Wir sind ein Haus. Konkret werden wir das Theatergebäude nach der Sanierung mit einer Opernuraufführung wiedereröffnen, die auch andere Sparten einbezieht und sich einem gesellschaftlichen Thema widmet, das noch kaum auf Opernbühnen verhandelt worden ist.

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

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«Open House St.Gallen»

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Ein Rück­blick auf die ver­ges­se­ne Künst­le­rin Mag­gy Mau­ritz

Das Küefer-Mar­tis-Hu­us in Rug­gell wid­met sich in ei­ner Re­tro­spek­ti­ve der Wie­der­ent­de­ckung ei­ner völ­lig über­se­he­nen Künst­le­rin: Mag­gy Mau­ritz war ei­ne Pio­nie­rin der Graf­fi­ti­kunst und des Lett­ris­mus.

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FC St.Gal­len vs. FC Thun 3:4 – Es wird heu­te nicht mehr bes­ser

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Nach Jahr­zehn­ten tref­fen sich Eva und Franz wie­der. Bei­de im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Viel ist pas­siert und doch ist da noch Zu­nei­gung. Schwind­lig heisst der neue Ro­man der Ost­schwei­zer Au­torin Chris­ti­ne Fi­scher, in dem viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re auf fei­nes Sprach­ge­fühl tref­fen. 

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FC St.Gal­len vs. FC Nordsjæl­land 2:3 – St. Gal­len un­ter­liegt Nordsjæl­land

St. Gal­len schlägt sich am En­de auch selbst und muss den Traum von Eu­ro­pa be­gra­ben. Ent­schei­dend war er Platz­ver­wei­se ge­gen Mihai­lo Steva­no­vic vor der Pau­se.

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Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

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Mehr Di­ver­si­tät, mehr Durch­mi­schung

An sei­ner ers­ten Pres­se­kon­fe­renz als Lei­ter der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne schil­dert Hü­sey­in Cir­pi­ci sei­ne Ein­drü­cke der Stadt und ver­rät, was das Pu­bli­kum un­ter sei­ner Re­gie er­war­tet.

Von  Daria Frick
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Him­mels­stür­mend und oh­ren­be­frei­end

Der St.Gal­ler Kom­po­nist Charles Uz­or hat ei­ne Art po­li­ti­sches Ora­to­ri­um ge­schrie­ben. Am Sonn­tag wur­de es in der Kir­che Tro­gen auf­ge­führt: The Gre­at Wall. A La­by­rinth mit dem gran­dio­sen New Yor­ker Vo­kal­ensem­ble Ek­me­les.

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Charles Uzor photo Michel Canonica

Ma­schi­nen­in­tel­li­genz trifft den Ton, aber nicht die Mu­sik

An den Ap­pen­zel­ler Bach­ta­gen er­klär­te die Me­di­en­wis­sen­schaft­le­rin Mer­ce­des Bunz, wes­halb die künst­li­che In­tel­li­genz krea­tiv sein kann – und war­um sie den­noch grund­le­gend an­ders ar­bei­tet als der Mensch. 

Von  Philipp Bürkler
Bachtage ki und musik 1

Kunstausstellung

Kunst öff­net Tü­ren

Von  Vera Zatti
Arthur Stobete nah

Weis­ses Va­ku­um und ei­ne ro­te Kra­wat­te

Ge­sell­schafts­kri­tik, Wir­bel­säu­len und Ge­len­ke, die kei­ne sind. Im Rah­men ei­ner Zwi­schen­nut­zung zei­gen vier Kunst­schaf­fen­de noch bis zum 29. Au­gust ih­re Ar­bei­ten im Ku­bik-Are­al in St. Gal­len.

Von  Vera Zatti
Transluzent Saiten 5

Das Kreuz mit den Ga­gen

Die Kul­tur hat kei­ne Lob­by? Am Stadt­kul­tur­ge­spräch vom Don­ners­tag­abend im Tal­hof war sie da: Ver­tre­ter:in­nen von acht Be­rufs­ver­bän­den stell­ten sich vor. Bren­nends­tes The­ma wa­ren ein­mal mehr die Ho­no­ra­re.

Von  Peter Surber
Stadtkultur2