Was interessiert Sie an diesem Gewaltsjob?
Jan Henric Bogen: Zum einen bin ich hier in St.Gallen sehr schnell heimisch geworden. Das Theater hat einen guten Geist. Zum andern packe ich gern grosse Aufgaben an. Hier in St.Gallen sehe ich in der Funktion des gesamtverantwortlichen Direktors einen riesigen Gestaltungsspielraum und die Chance, das Theater zu verjüngen und frischen Wind hineinzubringen.
Sind Sie das «Multitalent», das all die künstlerischen, administrativen, finanziellen und kommunikativen Aufgaben dieser Position bewältigen kann?
Meine Talente müssen andere beurteilen. Ich glaube zumindest, einen breiten Erfahrungsschatz und Ausbildungshintergrund mitzubringen im künstlerischen wie im administrativen Bereich. Ich habe Jus und Musikwissenschaft studiert, in unterschiedlichen Kombinationen an verschiedenen Theatern gearbeitet und kenne das grosse Puzzle, das da zu legen ist. Mein Horizont ist weit, wenn auch vielleicht nicht gerade 360 Grad. Die Oper bleibt meine künstlerische Heimat und Leidenschaft. Deshalb war es mir wichtig, die Leitung der Opernsparte beibehalten zu können.
Es gab im Vorfeld Kritik an der neuen Hierarchie. Sie selber sprechen sich vehement für Kooperation und eine Kommunikation auf Augenhöhe aus. Wie passt das zusammen?
Ich hatte Verständnis für die Bedenken und für die Debatte – habe mich aber auch darüber gefreut, dass das Theater in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Allerdings nicht immer mit sauberen Argumenten; so sind etwa die Theater Basel und Luzern als Beispiele kooperativer Führungsstrukturen genannt worden, dabei haben auch sie ein Intendantenmodell. Das Bedürfnis des St.Galler Verwaltungsrats, nach einer langen Zeit des parallelen Nebeneinanders der Sparten die Kräfte des Mehrspartenhauses zu fokussieren, kann ich verstehen. Aber ich setze auf Dialog und denke nicht in Pyramiden. Mein Modell ist eher das eines Spinnennetzes oder eines Kreises.
Was muss man sich unter der «modernen Organisationsstruktur» vorstellen, die Sie am Theater St.Gallen gemäss Mitteilung entwickeln wollen?
Wir werden dies im Dialog mit dem Haus entwickeln. Relativ klar ist für mich zum einen, dass die Sparten gleichbehandelt werden, und das heisst vor allem, den Tanz als eigene Direktion zu behandeln statt der Operndirektion unterzuordnen. Nur so wird man der Bedeutung dieser Kunstform gerecht. «Vierspartenhaus» heisst für mich: Die Sparten sind auf einer Ebene. Zum andern braucht das Theater St.Gallen sicher die Funktion eines CFO, der die Finanzen unter sich hat. Der Direktor trägt jedoch die wirtschaftliche Gesamtverantwortung.
Sie sind in Personalunion künstlerischer Leiter des Musiktheaters und gesamtverantwortlicher Direktor. Läuft die von Ihnen eingangs genannte Fokussierung des St.Galler Theaters auf eine noch stärkere Konzentration auf das Musiktheater hinaus?
Nein. Die Fokussierung ist thematisch gemeint: Wofür steht das Theater St.Gallen? Mein Ziel ist es, in einem kommunikativen Prozess die Themen zu setzen, die wir als Gesamttheater über eine Spielzeit oder länger verfolgen wollen. Das muss kein Mottozwang sein, aber ich habe mit Themenschwerpunkten gute Erfahrungen gemacht. Der Fokus heisst: Das Theater St.Gallen steht für Diversität, Nachhaltigkeit und Partizipation. Diese Werte sollen sowohl intern wie auch gegen aussen gelebt werden. Darüberhinaus ist mir natürlich auch am Erfolg aller Sparten gelegen; schliesslich steht der gesamtverantwortliche Direktor auch dafür ein.
Weshalb dann trotzdem die neue Hierarchie?
Dass der Verwaltungsrat sie will, kann ich nachvollziehen, mit Blick auf die Herausforderungen, denen sich das Theater stellen muss – Corona natürlich, dann die bauliche Sanierung, die erhoffte Verjüngung des Publikums, die Zukunft der Festspiele und so weiter. Dass Gesamtdirektion und Leitung des Musiktheaters zusammenkommen, bedeutet keine Bevorzugung von Oper und Musical. Die grösste Zahl an Produktionen kommt vom Schauspiel. Ich gehe davon aus, dass das auch so bleiben wird.
Schauspieldirektor Jonas Knecht steht für ein Theater, das die gesellschaftlichen Diskurse aufnimmt und das Theater in die Stadt bringt – was ja auch ihr Anliegen ist. Knechts Vertrag wurde jedoch nur um ein Jahr verlängert. Wie stellen Sie sich dazu?
Jonas Knecht und ich verstehen uns gut, menschlich und künstlerisch. Aber der Verwaltungsrat hat eine relativ deutliche Entscheidung getroffen. Ich verstehe sie als klaren Auftrag für eine Veränderung.
Das Ensemble hat beim Verwaltungsrat mehrfach gewünscht, mit Hearings in den Findungsprozess für die neue Direktion zumindest einbezogen zu sein. Der Präsident des Verwaltungsrats hat das abgelehnt. Hätten Sie sich nicht für mehr Mitsprache ihrer Kolleginnen und Kollegen einsetzen sollen?
Da überschätzen Sie die Rolle eines Bewerbers. Der Verwaltungsrat war derjenige, der den Prozess gestaltet hat. Persönlich habe ich das Bewerbungsverfahren als strukturiert und fair empfunden. Aber ich kann nachvollziehen, dass der Führungswechsel nach 23 erfolgreichen Jahren bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Unsicherheiten auslöst. Ich hoffe natürlich, dass mit meiner Person und dadurch, dass mich das Haus schon kennt, ein Grossteil dieser Ungewissheiten ausgeräumt sind.
Sie waren fünf Jahre an der Opera Vlaanderen in Antwerpen und Gent tätig. Seit zwei Jahren steht der St.Galler Milo Rau an der Spitze des Theaters Gent, mit einem radikalen, alle Beteiligten einbeziehenden Theaterverständnis. Was halten Sie davon?
Ich finde sehr inspirierend, was Milo Rau macht und mit welcher Konsequenz er den unterschiedlichen Gruppen der Gesellschaft Gehör verschafft – das Ergebnis funktioniert, wie immer in der Kunst, manchmal besser und manchmal schlechter.
Kann sich die Oper trotz ihres klassischen Repertoires auch in diese Richtung entwickeln?
Die Oper hat Möglichkeiten, diverse Stimmen auf die Bühne zu bringen. Das tun wir in meiner ersten Spielzeit denn auch, mit dem Spielzeitmotto «Herstory», mit dem Fokus auf Komponistinnen und Dirigentinnen oder mit dem Engagement eines bewusst diversen Opernensembles. Wenn eine Oper nicht mehr rein ethnisch «weiss» besetzt ist, passiert automatisch etwas mit dem Publikum, ohne dass man Rassismus ständig mit erhobenem Zeigefinger anspricht. Solche Wahrnehmungsveränderungen stellen sich erstaunlich rasch ein. Wichtig ist mir immer, zu fragen und zu thematisieren: Welche Stimme höre ich? Wer erzählt die Geschichte? Wessen Geschichte ist es?
Welches Wunschprojekt werden Sie als Intendant realisieren?
Mein allgemeiner Wunsch ist es, die breite Aufstellung, die das Theater St.Gallen hat, zu nutzen und sichtbar zu machen, Hürden abzubauen zwischen den Sparten. Zu zeigen: Wir sind ein Haus. Konkret werden wir das Theatergebäude nach der Sanierung mit einer Opernuraufführung wiedereröffnen, die auch andere Sparten einbezieht und sich einem gesellschaftlichen Thema widmet, das noch kaum auf Opernbühnen verhandelt worden ist.
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