, 30. Juni 2021
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«Ich habe nicht einfach Bücher gedruckt»

40 Jahre lang hat Beat Brechbühl in seinem Waldgut-Verlag Bücher gemacht, seit 1987 im Eisenwerk Frauenfeld. Nun stellt der Verlag seine Tätigkeit ein. Ein ungemein grosses und eigensinniges Engagement für Poesie und Prosa sowie für handwerkliche Druckkunst erlischt. von Eva Bachmann

Beat Brechbühl vor der «Eisenbeiz» in Frauenfeld; der Waldgut-Verlag sitzt im gleichen Gebäude. (Bilder: Sascha Erni)

Per Ende Juni 2021 wurde der Waldgut-Verlag liquidiert. Für 20ʼ000 Franken hat das Staatsarchiv des Kantons Thurgau das Verlagsarchiv erworben. Von den Büchern und den Bodoni-Blättern werden je zwei Exemplare aufbewahrt, dazu allerlei Unterlagen wie Vorschauen, Rezensionen, Buchhaltung und Akten zu den Autor:innen inklusive Korrespondenz.

Die Rechte an den Texten sind bereits zu einem guten Teil zurück an die Autor:innen übertragen worden, die restlichen werden vom Staatsarchiv weiterverwaltet. Allerdings: «Pflichten haben wir keine übernommen», stellt Staatsarchivar André Salathé klar.

«Arbeit für die Gesellschaft»

Das Konvolut geht ein in das Thurgauische Literaturarchiv, in die Nachbarschaft etwa des Huber-Verlags, der Dino-Larese-Stiftung und der Nachlässe von Dichter:innen wie Alfred Huggenberger, Olga Mötteli, Ernst Nägeli, Maria Dutli-Rutishauser und ande- ren. Wenn der Bestand dereinst geordnet und erschlossen ist, wird er wieder öffentlich zugänglich sein.

Verleger Beat Brechbühl hat den Vertrag letztlich deshalb unterzeichnet, weil sein Werk so in der Öffentlichkeit bleibe. «Ich habe nicht einfach Bücher gedruckt», sagt er, «das war für mich Arbeit für die Gesellschaft.»

Ansonsten versteht der bald 82-Jährige noch immer nicht ganz, warum nach 40 Jahren jetzt einfach Schluss sein soll. «Die Leute meinen, ich sei zu alt für alles. Ich meine das nicht.» Im Gespräch fallen dann aber doch gelegentlich Stichworte wie Namensgedächtnis, Fahrtauglichkeit oder Treppensteigen: Das Alter nagt.

Seit Jahren hat sich Brechbühl deshalb um eine Nachfolgeregelung bemüht – ohne Erfolg, darum blieb als letzte Option nur die Liquidation. Jetzt ist das grosse Aufräumen angesagt.

Tonnen von Blei

Eine im wahrsten Sinn gewichtige Hinterlassenschaft sind die Druckmaschinen und Bleisätze: Mehr als 60 Schriften habe er einst gehabt, schätzt Brechbühl. Der gelernte Schriftsetzer war ein wahrer Sammler, sein «Schriftholblick» legendär. Blei nimmt das Staatsarchiv allerdings nicht, nur Papier.

Die Setzkästen sind höchstens noch für einen kleinen Kreis von Liebhabern interessant, aber «die haben oft auch keinen Platz mehr», sagt Brechbühl. Er kennt das Problem, hat er doch über Jahre immer noch ein weiteres Regalbrett angesetzt in seiner Werkstatt, bis er eines Tages um die Tragkraft des Bodens fürchten musste.

Die Liebe zum Handwerk sieht man seiner Produktion an: Der Waldgut-Verlag hat stets ausgesprochen schöne Bücher gemacht. Hervorzuheben sind die Reihe «lektur» mit den von Hand abgezogenen Umschlägen und die Bodoni-Blätter mit grafisch gestalteter Poesie im Einblattdruck.

Beat Brechbühl (links) mit dem Bleisetzer Karl Baumann.

Worauf ist der Verleger sonst noch stolz? «Dass ich über so viele Jahre genau die Bücher herausgeben konnte, die ich wollte.» Kompromisslos ist vielleicht nur ein anderes Wort für stur, eine Eigenschaft Brechbühls, die einen zur Verzweiflung treiben konnte, das Verlagsprogramm jedoch nachhaltig prägte.

Im Waldgut-Verlag erschienen Bücher vom mongolischen Schamanen Wu Re Er Tu bis zu Epigrammen des Serben Sinan Gudzevic, der Finne Erkki Paavali Ahonen neben dem Japaner Tanikawa Shuntaro, aus der Schweiz etwa Donata Berra oder Rudolf Bussmann – Einzelnes, für dessen literarische Qualität sich Brechbühl begeistern konnte. So ist auch das Spätwerk von Jürg Federspiel in Frauenfeld herausgekommen. Und sogar ein ganzes Lebenswerk betreut hat Waldgut im Fall von Werner Lutz (1930– 2016), was für diese feine Lyrik ein Glück war, jetzt aber eine schmerzliche Kehrseite erhält: Die Gedichte werden ganz aus dem Buchhandel verschwinden.

Vom Markt genommen

Das Schicksal trifft auch andere Ostschweizer: Namentlich von Jochen Kelter und Ivo Ledergerber hat Waldgut über Jahre zahlreiche Titel verlegt. Aber auch die umfangreiche Über- und Auseinandersetzung von Evtichios Vamvas mit dem griechischen Nobelpreisträger Giorgos Seferis wird nun archiviert. Und aus regionaler Perspektive sind auch einige wichtige Einzelwerke aus dem Waldgut-Verlag zu erwähnen: die Anthologie Warenmuster, blühend von Florian Vetsch, die Erzählung Die Überfahrt von Erica Engeler, Die weisse Filzkappe von Isuf Sherifi, die Sammlung ich möchte nicht nur Vogel sein von Fred Kurer oder die wunderbaren Lichtungen von Claire Bischof, Erica Engeler, Christine Fischer und Gertrud Macher.

Die (unvollständige) Aufzählung zeigt, dass ein Verlag mit internationalem Verständnis am Standort Frauenfeld für die Literatur in der Ostschweiz wichtig war. Dies ganz besonders für die Lyrik, aber auch für Erzählungen und Essays – Genres, die generell als nicht marktgängig gelten. Zeit und Geld waren in diesem Verlag denn auch meist knapper als Ideen und Mut.

Bleiben werden von Beat Brechbühls verlegerischem Engagement die Frauenfelder Lyriktage und die Buch- und Druckkunstmesse, die schon länger in eine andere Trägerschaft übergegangen sind. Für die Bücher aber bedeutet die Liquidation des Waldgut-Verlags: nicht mehr lieferbar. Schade.

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