Saiten: Nach mehr als eineinhalb Jahren gibst du die Stimmrecht-Kolumne an Gülistan Aslan ab. Wie ist deine Bilanz?
Yonas Gebrehiwet: Am besten hat mir gefallen, dass ich meine Gefühle und Meinungen zum Ausdruck bringen und einer breiteren Öffentlichkeit präsentieren konnte. Am Anfang ist es mir zwar noch etwas schwer gefallen, mehrere Themen in einem Text zu verknüpfen, aber mit der Zeit ist es immer besser gelaufen. Auch das Schreiben selber hat mir grossen Spass gemacht, vor allem, weil ich dadurch noch schneller Deutsch gelernt habe. Die Kolumne war für mich rückblickend der ideale Einstieg in die Medienwelt. Das «Migros Magazin» hat sich aufgrund eines Saiten-Textes gemeldet, danach hat der «Rheintaler» über mich berichtet und letztes Jahr wurde ich sogar vom «Zischtigsclub» zu einem Gespräch eingeladen.
Hast du mit diesem grossen Interesse an deiner Person gerechnet?
Überhaupt nicht! Als ich angefangen habe, mich medial einzubringen – einerseits mit der Saiten-Kolumne, andererseits mit dem Eritreischen Medienbund, den wir etwa zur selben Zeit aufgebaut haben –, hätte ich niemals gedacht, dass mich überhaupt jemand ernst nimmt. Ich dachte, dass das, was ich zu sagen habe, sowieso niemanden interessiert. Nicht zuletzt auch, weil wir Eritreer damals noch kaum eine Stimme hatten in den Medien.
Hat dich diese plötzliche Öffentlichkeit auch unter Druck gesetzt?
Ein bisschen, ja. Heute bin ich nicht mehr so frei wie früher. Ich bin vorsichtiger geworden, denn ich will keine «Scheisse bauen», sagen wir, mich betrinken und negativ auffallen oder in eine Schlägerei geraten, wie es anderen in meinem Alter manchmal passiert. Solche Sachen kann ich nicht bringen, da ich als repräsentativ für die Eritreerinnen und Eritreer in der Schweiz angesehen werde. Sicher nervt mich das hin und wieder, aber ich setze mich ja für eine gute Sache ein, darum macht mir das nicht so viel aus.
Das war immer dein erklärtes Ziel: das Image der Eritreerinnen und Eritreer in der Schweiz zu verbessern. Glaubst du, dass du mit deinem Engagement etwas bewegen konntest?
Generell kann ich es nicht beurteilen, aber im Kleinen habe ich schon Veränderungen bemerkt. Zum Beispiel die Schweizerinnen und Schweizer in meinem Umfeld: Sie interessieren sich jetzt plötzlich viel stärker für mein Land und wissen mittlerweile auch einiges über Eritrea und dessen Hintergründe. Sie schätzen es offenbar, dass sie mich jeder- zeit ausfragen können und sich nicht alle Informationen mühsam selber zusammensuchen müssen.
Immerhin kann man sich in der Schweiz aus vielen verschiedenen Medien Infos zusammensuchen – anders als in Eritrea, das in Sachen Pressefreiheit weltweit zu den absoluten Schlusslichtern gehört.
Das ist in der Tat ein grosses Problem: Es gibt eine Zeitung, einen Fernseh- und einen Radiosender in Eritrea – alle staatlich. Oppositionelle Sender gibt es zwar auch, aber sie befinden sich meistens im Ausland und werden von Afewerkis Regime, so gut es geht, blockiert. Er hat praktisch die totale Kontrolle. Afewerki behauptet zum Beispiel, dass Eritrea Krieg führe mit Äthiopien, aber wer das Land verlässt, wird an der Grenze fast schon mit offenen Armen empfangen von den Äthiopiern. Die sagen: «Hallo, wie geht’s?» – von Krieg keine Spur.
Erst wenn man draussen ist, realisiert man, wie umfassend diese Propagandamaschinerie ist: Es wird schamlos gelogen, verdreht, beschönigt oder gar nicht erst thematisiert. Vom Arabischen Frühling zum Beispiel hat man in Eritrea lange Zeit gar nichts mitbekommen, weil Muammar al-Gaddafi ein enger Freund war von Diktator Afewerki – «Bruder Gaddafi» hat er bei uns immer geheissen. Von seinem Tod haben die Leute in Eritrea erst Monate später erfahren.
Wie ist die Berichterstattung über die vielen Eritreerinnen und Eritreer, die jeden Tag flüchten?
Sie gelten natürlich als Verräter, was sonst. 2014 sind über 300 eritreische Flüchtlinge auf dem Mittelmeer ertrunken. Ihre Leichen sind, soviel ich weiss, immer noch in irgendeinem italienischen Kühlhaus. Damals war beim Regime nur die Rede von «illegalen afrikanischen Migranten, die sich ein schönes Leben machen» wollten. Man übernimmt also die Argumentation des Westens – aber nicht, weil man Europa oder Amerika so toll findet, sondern um die Flüchtenden schlecht zu machen und sie als undankbar hinzustellen.
Ist das, was du in den Schweizer Medien versuchst, nicht auch eine Form von Propaganda?
Das kann man schon so sagen. Allerdings mit dem Unterschied, dass ich nicht lüge oder etwas verheimliche und meine politischen Ziele immer klar deklariere. Ich sehe mein Engagement eher in einem aufklärerischen Kontext, denn ich versuche ja vor allem zu erklären, wieso wir geflüchtet sind, wie die Situation in Eritrea ist und was uns am ehesten helfen würde, uns hier in der Schweiz zurechtzufinden. Das ist wohl auch eine Form von Propaganda, aber im besten Sinn.
Yonas Gebrehiwet, 1996, ist mit 15 aus Eritrea in die Schweiz gekommen. Er wohnt in Rorschach und ist Textiltechnologe. Von April 2015 bis Ende 2016 hat er die Stimmrecht-Kolumne von Saiten geschrieben. Jetzt hat Gülistan Aslan übernommen, zu finden auf Seite 37 des Januarhefts.
Dieser Beitrag erschien ebenfalls im Januarheft von Saiten.
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