Bereits im April hätte die kleine Ausserrhoder Gemeinde Speicher ganz im Zeichen des Klimaschutzes stehen sollen. Doch die alles plattwalzende Pandemie machte diesem Vorhaben den Garaus. Der Lockdown und die Vier-Personen-Regel verunmöglichten damals die geplante Versammlung der Klimaaktivisten.
Jetzt, gut vier Monate später, konnte das Areal des Schaulhauses Buchen endlich wie gewünscht bespielt werden. Auf dem Pausenplatz reihten sich verschiedene Stände aneinander. Es gab veganes Essen, einen «Unverpackt»-Laden, verschiedene Vertreter der erneuerbaren Energien trieben sich herum, die Permakultur und Gartenführung wurde vorgestellt und auch faire Kleidung angeboten.
Auch konkrete politische Forderungen wurden mittels Ständen angesprochen. So wurden unter anderem die Gletscher-Initiative und die Konzern-Verantwortungsinitiative aktiv beworden. Am Stand der «Wunschsammelstelle» konnte man Anliegen und Wünsche niederschreiben und abgeben oder selbst aktiv werden.
Der Stand der «Wunschsammelstelle».
Auch die Klimaseniorinnen waren mit am Start. Sie bereiten sich derzeit auf einen Gang vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg vor. 2016 hatten sie ein Begehren zur weiteren Reduktion der Treibhausgase an den Bundesrat gestellt, blitzten aber beim Bundesverwaltungsgericht ab, ebenso beim Bundesgericht. Jetzt soll sich Europa mit den Klimaseniorinnen auseinandersetzen.
Kinder und Jugendliche spielten mit Farben und Kreide, am Verpflegungstand wurden Süessmost, Bier, Kuchen und Guetzli gereicht und auf dem grünen Spielplatz konnten sich auch die Kleinsten vergnügen. Und eine Unterschriftenliste wurde herumgegeben: In Speicher will die Gemeinde einen Garten abreissen lassen, um darauf Parkplätze zu bauen.
«Revolution für das Klima!»
Sichtlich zufrieden sind die Initiantinnen des Umwelt-Aktionstages. Die SPlerinnen Ruth Saxer und Elisabeth Eugster haben zusammen mit einer Mitstreiterin als Organisationskommitee das Projekt auf die Beine gestellt. Für die beiden ist klar: Jederfrau und jedermann kann so etwas aus dem Boden stampfen, wenn nur die Bereitschaft da ist.
Mitinitiantin Ruth Saxer (links) auf dem Pausenplatz der Primarschule Buchen in Speicher.
Entstanden sei die Idee, als die Jungen von Fridays for Future allmählich jeden Freitag auf die Strasse gegangen sind. «Sie haben vollkommen recht damit», sagt Eugster. Und weiter: «Uns ist auch sehr wichtig, dass okölogisches Leben nicht Verzicht heissen muss.»
Für Saxer ist die Sensibilisierung der Bevölkerung zentral, vor allem in dieser ländlichen Region. «Wir wollen aufzeigen, was an nachhaltigen Angeboten überhaupt alles da ist. Zudem ist uns wichtig, dass wir die Dringlichkeit der nötigen Massnahmen in den Vordergrund stellen.» Die beiden Initiantinnen hoffen mit ihrem Projekt in der Politik auf offene Ohren zu stossen, damit etwas in Bewegung komme. Nicht nur in Ausserrhoden, sondern auf dem ganzen Globus.
Der nächste Umwelt-Aktionstag ist zwar noch nicht aktiv in Planung, die beiden Frauen sind aber guter Dinge, dass so etwas wieder stattfinden wird. «Revolution für das Klima!» ist die Devise bei Ruth Saxer.
«Fanatische Klimapriester»
Die 17-jährige Mathilda Osterwalder ist Mitglied der Klimagruppe Appenzell Ausserrhoden und hat ebenfalls tatkräftig mitgeholfen, dass der Aktionstag an diesem Samstag stattfinden konnte. «Wir hatten nie einen richtigen Klima-Event in Speicher. Auch Demonstrationen oder Vorträge, wie es sie beispielsweise in Teufen gegeben hat, fehlten hier bis jetzt.» Deshalb habe man sich entschieden, in Speicher ein Zeichen zu setzen und die Bevölkerung in Sachen Klima und Umwelt zum Nachdenken animieren. Am Stand der Klimajugend wurde für Klimademonstrationen mobilisiert und Petitionen verteilt.
Jung und alt besuchten den Umwelt-Aktionstag in Speicher.
Im Allgemeinen sei die Akzeptanz und die Unterstützung für die Klimagruppe in der Bevölkerung Ausserrhodens sehr hoch, sagt Osterwalder. Gleichzeitig gebe es allerdings auch Kritiker, allen voran der Ausserrhoder Ständerat Andrea Caroni.
«Er hat uns einmal als fanatische Klimapriester bezeichnet.» Diese Aussage nahm der Politiker später allerdings wieder zurück und lud die Gruppe zu einem Gespräch ein. Dieses sei jedoch ernüchternd gewesen, sagt die 17-Jährige: «Ich habe das als nicht sehr konstruktiv empfunden und mich auch nicht wertgeschätzt gefühlt.»
Poetry Slam und Bella Ciao
Gegen Abschluss des Events wurde eine grosse mobile Box angeworfen und Jugendliche und junge Erwachsene trugen Texte vor. «Ich mach mir die Welt, wiedewiedewie sie mir gefällt. Bis sie zerfällt», ruft die Herisauer Slam Poetin und Jungschauspielerin Paula Schindler mit ernstem Blick ins Mikrofon. «Die Welt ist so gross und wir sind so klein, den Unterschied mach ich doch nicht allein.» Und: «Ich flieg so schrecklich gern nach Griechenland, denn was hab ich schon in der Hand?»
Es folgten noch weitere Vorträge, allesamt aus der Feder von unter 20-jährigen Frauen. Die Altersdurchmischung ist ohnehin bemerkenswert: Von drei bis 80 Jahren war alles vertreten. Die einen aus Neugier, die anderen aus voller Überzeugung.
Den Abschluss des Tages machten ausnahmslos junge Frauen.
Und zum Schluss durfte natürlich auch das Partisanen-Lied Bella Ciao mit abgeändertem Text zum Klimawandel und Umweltschutz nicht fehlen. Wenn Revolution, dann richtig.
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