Saiten: Du hast viel Organisationserfahrung vom Openair St.Gallen her – ist das gefragt, jetzt, in der dritten Lattich-Saison?
Nathalie Bösch: Es geht zum einen darum, eigene Anlässe durchzuführen und andrerseits Leute zu animieren, in der Halle ihre Projekte umzusetzen. Meine Aufgabe wird es unter anderem sein, sie dabei zu unterstützen. Wir haben eine minimale Infrastruktur, und es gibt gewisse Mietkonditionen: 500 Quadratmeter in der Halle, ausgelegt für maximal 240 Personen, dazu eine einfache Licht- und Tonanlage. Es wird Anlässe geben, die praktisch durchorganisiert sind und solche, die mehr Unterstützung brauchen.
Was interessiert dich an der Halle?
Mir ist es wichtig, eine grosse Bandbreite von Veranstaltungen in der Halle zu haben, von grösseren Anlässen bis zu ganz kleinen Ereignissen. Wenn Leute eine gute Idee haben, möchte ich das gerne hervorkitzeln und möglich machen. Das Spektrum der Besucher soll ebenfalls möglichst vielfältig sein, von alt bis jung, aus allen möglichen Richtungen.
Generationenübergreifende Kultur: Ist das eine Lücke in St.Gallen? Oder allgemeiner gefragt: Welche Lücke füllt die Lattichhalle?
Der Lattich ist ein Ort, den es in dieser Breite sonst kaum gibt, der gleichzeitig Markt, Theater, Workshops, Tanz und Gastronomie bietet. Ich werde versuchen, diese Durchmischung hinzukriegen und zu vermeiden, dass es heisst: «Da gehen nur die oder die hin.» Neu gibt es vor der Halle einen 12 Meter langen Container, den Artcore Container, den man auch mieten kann, als Shop, Sitzungszimmer, Ausstellungsraum etc. Durch sein Schaufenster wird das Innenleben des Containers sichtbar. Er ist eine ideale Ergänzung zur Halle.
Lattich will sich eher nicht als «Kulturort» im engeren Sinn verstehen, sondern als Begegnungsplattform?
Ich sehe die Halle nicht nur für die Kultur. Vieles soll sich ja auch im Aussenbereich abspielen. Der Lattich soll als Quartiertreffpunkt zum Leben kommen, die HEKS-Gärten, die Container und der Spiele-Weg schaffen Begegnungsmöglichkeiten. St.Gallen soll zusammenkommen und sich auch mal von dem überraschen lassen, was sich hier tut.
Nathalie Bösch hat Soziale Arbeit, Sozialpolitik und Kommunikations- und Medienwissenschaften studiert und war nach Engagements in der Arbeit mit Jugendlichen fast zehn Jahre beim Open Air St.Gallen tätig. halle@lattich.ch
In der Stadt ist kulturell viel los. Zuviel, nach Deiner Meinung?
Ja, es ist viel los und die Halle bringt ein neues Element. Sie ist gross, aber rudimentär, roh, nur mit Mini-Infrastruktur und zeitlichen Beschränkungen. Als Partyraum ist sie nicht geeignet. Um 22 Uhr ist Nachtruhe, um 23 Uhr bzw. am Wochenende um 24 Uhr wird geschlossen. Vieles wird sich tagsüber abspielen, die Halle zieht andere Aktivitäten und Projekte an als andere Kulturlokale. Bei uns kann man dafür um 7 Uhr morgens starten.
Die rudimentäre Infrastruktur gab zu reden letztes Jahr. Deine Vorgänger haben auf eigene Faust eine Bühne erworben und aufgebaut. Wie geht es jetzt weiter?
Uns fehlen noch Stühle. Dafür läuft gerade ein Aufruf über Facebook. Die Publikumstribüne wird es nicht mehr geben.
Ist das kein Problem für Theater- und Tanzproduktionen?
Die, die bisher angefragt haben, wissen darum und haben sich nicht davon abhalten lassen, ihr Projekt zu realisieren. Aber es ist schon ein Thema – wenn wir von irgendwo eine Bühne erhalten, würden wir natürlich nicht Nein sagen. Aber unsere Mittel sind beschränkt.
Bräuchte der Lattich mehr Subventionen?
Für ihre Projekte müssen sich die Veranstalter selber um Unterstützungsgelder bemühen. Ein Teil der Finanzierung der Halle für die Saison 2018 ist gesichert durch ein Sponsoring der SBB, die Einnahmen aus den Vermietungen von Halle und Container, Mitgliederbeiträge des Vereins sowie den Restbetrag der Jubiläums-Unterstützung durch die St.Galler Kantonalbank. Aber ja, es fehlt noch ein «Batzen». Aktuell haben wir ein Crowdfunding über Wemakeit gestartet. Ziel sind 14’000 Franken, um den laufenden Betrieb, etwa Miete, Baueingabe und Gebühren, Container-Transporte, Versicherung und diverse Infrastrukturausgaben, sichern zu können.
Was passiert dieses Jahr im Lattich?
Es gibt die Eigenveranstaltungen, darunter vier Lattich-Sonntage mit Brunch und einem kleinen Rahmenprogramm, einen Flohmarkt und ähnliches. Dazu haben wir Buchungen und Anfragen für Theater, Tanz, Ausstellungen, Food Festivals, Hauptversammlungen, Apéros, Fotoshootings, Märkte und auch private Anlässe. Vieles ist im Gespräch. Ich bin zuversichtlich, dass ein spannendes Programm entsteht bis zum Herbst. Ein Winterbetrieb ist bis jetzt kein Thema.
Wie beurteilst du St.Gallen als Kulturstadt?
Das Angebot ist dicht, das gefällt mir, aber natürlich gehe ich auch mal raus aus St.Gallen. Was mir fehlt: Die Sonntage sind tot. Es müssen nicht gerade Events sein, die dann stattfinden, aber man soll an einem gemütlichen Ort einen Kaffee trinken und sich treffen können. Drum auch die Lattich-Sonntage. Unser Ziel ist es, dass man auch «einfach so» ins Güterbahnhofareal kommt, dem Ambiente, dem Feeling zu liebe. Freitag und Samstag ist die Gastro immer offen von Mittag bis 22 Uhr. Wir hoffen, dass der Lattich noch stärker auf dem Radar der Leute auftaucht, auch ohne speziellen Anlass.
Dein Appell an die Stadtbevölkerung vor der Lattich-Eröffnung?
Liebe Leute, wir brauchen Stühle und eure Unterstützung auf Wemakeit. Meldet euch, wenn ihr Ideen habt. Seid nicht schüüch. Und: Kommt an die Saisoneröffnung am 4. Mai und besucht unsere Agenda und den Blog auf lattich.ch.
Dieser Beitrag erschien im Aprilheft von Saiten.
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