Schöpferische Menschen fordert das Leiden dazu heraus, ihre Erfahrung in ein Werk umzugiessen, den Schmerz zu sublimieren und gegebenenfalls zu überwinden. Susan Sontag reflektierte ihre erste Krebsdiagnose im Essay Krankheit als Metapher. Lessing verarbeitete den Tod seiner Frau und seines Sohnes kurz nach dessen Geburt im berühmten Bühnenstück Nathan der Weise. Goethe schrieb sich mit den Leiden des jungen Werther seine suizidale Tendenz infolge einer enttäuschten Liebe vom Leib. Und Nietzsche kämpfte in seinen Werken immer wieder gegen seine fragile Gesundheit an: Der Schmerz sei kein Einwand gegen das Leben, schreibt er in Ecce Homo.
Am vergangenen Sonntagabend wurde die kammermusikalische Suite Wild Ride des auch als Infra Steff bekannten Ostschweizer Komponisten Stefan Signer (*1951 in Hundwil) im Theater am Gleis in Winterthur uraufgeführt. Einen guten Teil dieser Suite hat Signer 2019 während der Zeit seiner Krebserkrankung auf der Radio-Onkologie komponiert, im Haus 03 des Kantonsspitals St.Gallen.
Am 20. Mai 2004, also vor rund 20 Jahren, hatte Signer, der auch als Bandleader wirkte und zurecht «Frank Zappa der Ostschweiz» genannt wird, in ebendiesem Lokal das letzte Mal zeitgenössische Musik aus seiner Feder aufgeführt: Gas Station Music, mit dem 1992 ins Leben gerufenen Ensemble TaG (Theater am Gleis), einem «Fixstern am Firmament der neuen Musik», wie Felix Michel in der NZZ bemerkte.
Chanan Hanspals Porträt von Stefan Signer: Who is Stefan Signer?
Die Wild Ride-Suite sollte Signer nun wiederum mit dem Ensemble TaG geben: mit dessen gegenwärtigen künstlerischen Leitern Alex Jellici aus Bozen am Cello sowie David Schnee an der Bratsche, mit dem St.Galler Perkussionisten und Vibrafonisten Martin Flüge sowie dem in Unterägeri geborenen Rafael Rütti am Flügel. Zu diesem TaG-Quartett würde sich – pures Gold in der Kehle! – die Zürcher Sopranistin Lena Kiepenheuer gesellen. Man musste gespannt sein.
Zum Eintritt des Publikums in den Theatersaal webte das Ensemble TaG einen modalen Klangteppich, bis sich alle gesetzt und auf die Performance fokussiert hatten. Darauf kam Steff Signer mit seiner Saz (einer Langhalslaute, die vom Balkan bis nach Afghanistan gespielt wird) auf die Bühne, tönte einen orientalischen Mood an, gab dann Gas und sang das Intro zu dem musikalischen Bogen, der nun folgen würde, sang, dass er nun alle mitnehmen werde «straight on forward into a wild, wild ride…».
Steff Signer vor der Uraufführung am vergangenen Sonntag. (Bild: Florian Vetsch)
Dann setzte er sich an den Rand der Bühne und beobachtete von da an still die Performance seiner Suite bis zum Schluss. Lena Kiepenheuer bot das erste von den vier vertonten Rose-Ausländer-Gedichten dar, die neben instrumentalen Passagen Steff Signers Wild Ride prägen: das Gedicht Manchmal. Die Sopranistin rezitierte es zuerst und sang es dann:
Manchmal spricht ein Baum durch das Fenster mir Mut zu
Manchmal leuchtet ein Buch als Stern auf meinem Himmel
Manchmal ein Mensch, den ich nicht kenne, der meine Worte erkennt.
Ja: Manchmal sieht man aus dem Fenster einen Baum und kann sich aufbauen an seinem ruhigen Dastehen, seinem tief ins Erdreich reichenden Wurzelwerk, seinem Ragen in den Himmel, seinem weitverzweigten Überstehen der Winterzeit. Und manchmal leuchtet ein Buch, gibt Hoffnung, stiftet einen Stern. Und «erkennen» heisst im Hebräischen sehr wohl auch «lieben», ganz konkret.
Teaser von Wild Ride
Die Sängerin tritt ab. Es arbeiten das Cello und das wohlpräparierte und -traktierte Klavier, das Vibrafon wird mit Bögen bestrichen, zum Klingen gebracht – doch irgendwoher ist ein hoher Ton zu vernehmen, den niemand zu orten vermag: sirrend, kreisend kreissend, tönern… Da kommt aus dem Off David Schnee talerschwingend auf die Bühne, stellt die noch immer klingende Schüssel auf einem Stuhl ab und greift zur Bratsche.
So durchbricht die hochkomplexe zeitgenössische E-Musik ein archaisch urchiges Element. Das ist Stefan Signer pur. Musik ist Magie. Sie geschieht im Hier und Jetzt, bannt und wirkt weit hinaus.
Es folgen die Vertonungen von Rose Ausländers Gedichten Nachtzauber und Das Schönste; letzteres flüstern Lena Kiepenheuer und das Ensemble TaG nach dessen musikalischer Darbietung in die Stille der abgedunkelten Bühne:
Ich flüchte in dein Zauberzelt Liebe
Im atmenden Wald wo Grasspitzen sich verneigen
weil es nichts Schöneres gibt
Die Suite durchsetzen ferner ein expressives Pianosolo, das nachdenkliche Instrumentalstück The Villa, a Crow and Jacob (2024) sowie eine atmende, sich auflösende und wieder verdichtende, an- und abschwellende Einspielung von James Tenneys Swell Piece (1971) – dabei verschwimmt Lena Kiepenheuers Stimme zwischenzeitlich mit den Instrumenten zu einer einzigen Klangfarbe. Auch das ist magisch und brennt sich in die Hörerfahrung ein.
Am 23. Mai erscheint Steff Signer. Die musikalische Biografie von Hampi Spörri. Mit Beiträgen von Bettina Dyttrich, Heidi Eisenhut, Chanan Hanspal (übersetzt von Florian Vetsch), Veit Stauffer und Peter Surber.
Buchvernissage: 30. Mai, 19 Uhr, im Alten Zeughaus Herisau.
Doch warum griff Stefan Signer für den Wild Ride gerade auf Texte von Rose Ausländer zurück? Eine Antwort darauf vermittelt das letzte Stück, das Gedicht Noch bist du da. Rose Ausländer (1901–1988) stammte, wie Paul Celan, mit dem sie bekannt war, aus dem damals österreichisch-ungarischen und heute ukrainisch-rumänischen Czernowitz im Buchenland. In einem Kellerversteck im Ghetto war die Dichterin der Deportation und Ermordung durch die Nazis entgangen.
Ihr Gedicht Noch bist du da entstand 1977, nachdem die Dichterin beschlossen hatte, ihr Zimmer im Düsseldorfer Altersheim nicht mehr zu verlassen. Es erschien erstmals in dem Gedichtband Im Atemhaus wohnen (Fischer, Frankfurt am Main 1981) – auch hier als letztes Stück, als markanter Schlussstein.
In seinem Nachwort zur Erstausgabe schrieb Jürgen Serke: «Eine Frau im Alter von 79 Jahren, geboren in Czernowitz. (…) Kindheit und Jugend zwischen ‹Kukuruzfeldern und schaukelnden Synagogen›. Märchen und Mythen lagen in der Luft, die Ukrainer, Deutsche, Juden, Rumänen, Ungarn und Polen atmeten. Der Blick zurück in die Hauptstadt der Bukowina, ‹immer zurück zum Pruth›, aus einem sechzehn Quadratmeter grossen Zimmer des Nelly-Sachs-Hauses, einem Altersheim in Düsseldorf. Dort wohnt sie, gezeichnet von der Vergangenheit, die Krieg, Ghetto, Verfolgung, Todesangst und schliesslich Heimatlosigkeit hiess, gefesselt an ihr Bett, krank, dem Tode trotzend mit Gedichten.»
Hier zeigen sich Parallelen zu Stefan Signers Situation: der Blick aus dem Fenster des Krankenzimmers, eine tiefe Verwurzelung in der Heimat, dem Appenzellerland in Signers Fall, und der ungebrochene Wille, dem drohenden Tod mit einem schöpferischen Akt zu begegnen. In einer E-Mail vom Morgen am Tag der Uraufführung – Stefan Signer ist ein Morgenmensch – notierte der Komponist zu seiner Wild Ride-Suite:
«Die Lieder und die Musik in der ersten Hälfte stammen aus dem Spitalzimmer Radio-Onkologie 2019, The Villa, a Crow and Jacob ist ja brandneu, ebenso das Lied Noch bist du da (Rose Ausländer), das ich erst ein paar Tage vor Probebeginn abgegeben habe. Die beiden neuen Stücke komplementieren sich mit den alten, runden ab und ergeben eine neue Grundstimmung. Schliessen die Radio-Onkologie ab, denn ich wollte nicht nur diesen Aspekt des Lebens bedeutungsschwanger darstellen. Das Leben geht weiter. Das vor allem kommt durch das letzte Lied, ein Trio mit Sopran, Bratsche und Cello zum Ausdruck.»
So endet Steff Signers wilder Ausritt mit einem versöhnlichen affirmativen Ausblick, mit der Vertonung des Gedichts Noch bist du da von Rose Ausländer:
Wirf deine Angst in die Luft
Bald ist deine Zeit um bald wächst der Himmel unter dem Gras fallen deine Träume ins Nirgends
Noch duftet die Nelke singt die Drossel noch darfst du lieben Worte verschenken noch bist du da
Sei was du bist Gib was du hast
Langer Applaus, standing ovation – zweimal müssen Stefan Signer, die Sopranistin und das Ensemble TaG zurück auf die Bühne, bevor das Publikum sich aus dem Saal trollt.
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