Kategorie
Autor:innen
Jahr

Ich tanze in jeder Form!

An der Quelle des pakistanischen Sufismus: Der Schreiber, Orientalist und Teeist Jürgen Wasim Frembgen aus München kommt nächste Woche nach St.Gallen. von Florian Vetsch
Von  Gastbeitrag
Frembgen beim Teegenuss in Pakistan (Bild: pd)

Nach all den «Experten» zum Islam, die uns die Medien täglich servieren, ist Jürgen Wasim Frembgen endlich wieder einmal jemand, der Ahnung hat, der experienced ist, erfahren, einer, der wirklich Fühlung aufgenommen hat und unterhalb des Mainstreams der zigtausendfach reproduzierten Islam-Rezeption in fruchtbaren Gewässern fischt.

Der Islam werde im Westen lediglich in der Spitze des Eisbergs, als Schriftkultur, wahrgenommen, stellt er fest. Der viel grössere Anteil der mündlichen Überlieferungen werde nicht zur Kenntnis genommen; er blühe bei den Armen und in der Mittelschicht, auch und gerade bei den Frauen. In diesen Schattenbereich wirft Frembgen denn Licht, viel. Von dem Pakistan-Kenner sind im Waldgut Verlag bislang drei Bücher erschienen:

Das verschlossene Tal – Bei wehrhaften Freunden im pakistanischen Himalaja betrifft das gefährliche Harman-Tal, das der Ethnograph als einer der ersten Menschen aus dem Westen besucht hat.

Nachtmusik im Land der Sufis – Unerhörtes Pakistan lotet die mystische Dimension der Musikwelten Pakistans aus; daraus stammt dieser Wunsch des Autors: «Würden die eifernden Mullahs und andere Musik-Verächter doch nur erkennen, dass Klänge die Herzen öffnen und einige der Schleier zwischen Gott und den Menschen zu entfernen vermögen.»

Und schliesslich Am Schrein des roten Sufi – Fünf Tage und Nächte auf Pilgerfahrt in Pakistan, das den Kulten und Ritualen um den Derwisch Lal Schahbas Qalandar aus dem 13. Jahrhundert gewidmet ist.

Der Schrein des roten Sufi befindet sich in Sehwan, einer kleinen Stadt im Süden Pakistans, in der rund 40‘000 Einwohner leben; dorthin pilgern zu den fünf heiligen Wallfahrtstagen alljährlich bis zu einer Million Menschen.

Sehwan.Aug. 2009

Frembgen mit einem Pilger in Sehwan, August 2009

Die Pilger kommen nicht nur aus Pakistan, sondern auch aus Afghanistan, Indien und dem Iran, um sich den höchsten spirituellen Leitwerten des Qalandar hinzugeben: «Ich kenne nichts ausser Liebe, Rausch und Ekstase», soll derselbe gesagt haben.

Der Trancetanz Dhamaal ist vielleicht der direkteste Ausdruck dieser Maxime. In Sehwan verbindet der Dhamaal nicht nur Sunniten und Schiiten, sondern auch Muslime und Hindus. Selbst Atheisten tanzen in Verzückung mit, wenn etwa dieses Lied auf einer der vielen Bühnen um den Schrein angestimmt wird:

Ich brenne erfüllt von der göttlichen Liebe
in jedem Augenblick.
In einem Moment rolle ich mich zu Staub,
im anderen tanze ich auf Dornen.
Komm, o Geliebter!
Gib mir Leidenschaft für die Musik.
Ich tanze öffentlich auf dem Marktplatz
in der Ekstase der Vereinigung.
In Seiner Liebe wurde ich wegen des Tanzens
ein Verrufener, aber, o Frommer,
ich kümmere mich nicht um diesen schlechten Ruf
um Deinetwegen, und ich tanze vor allen.
Auch wenn mich die Welt einen Bettler nennt,
weil ich tanze,
trage ich ein Geheimnis in meinem Herzen,
das mich drängt zu tanzen.
Äussere Formen und Etikette bedeuten mir nichts,
ob in dem Mantel eines Sufi
oder umgürtet mit der heiligen Schnur eines heiligen Yogi,
ich tanze in jeder Form.

Diese Toleranz, diese uneingeschränkte Gastfreundschaft, prägt den Sufismus generell, auch ausserhalb Pakistans, was den islamistischen Fundamentalisten wahhabitischer oder salafistischer Prägung ein Dorn im Auge ist; die Taliban haben bereits mehrere Anschläge auf die Wallfahrer von Sehwan verübt.

Nicht weniger wird diesen aufstossen, dass Frauen dort für sich und in gemischten Gruppen öffentlich tanzen. Selbst Hidschras, Vertretern des dritten Geschlechts, begegnet man in Sehwan respektvoll: Lal Schahbas Qalandar schliesst niemanden aus.

Dies alles – und noch viel mehr – macht Jürgen Wasim Frembgens Buch Am Schrein des roten Sufi lebendig. Einen guten Einblick ins Thema gibt die WDR-Doku Love and Peace in Pakistan, die nur mit Frembgens Hilfe realisiert werden konnte und direkt nach Sehwan, ins pulsierende Herz des Sufismus in Pakistan, führt:

 

Frembgen wird am 24. Mai im Kult-Bau lesen. Dabei wird auch sein jüngstes Buch, in dem er sich als Vertreter des von Kazuko Okakura begründeten Teeismus outet, zum Zuge kommen. Es trägt den sympathischen Titel Tausend Tassen Tee und erschien, reich illustriert, 2014 bei Lambert Schneider.

Der Abend mit Jürgen Wasim Frembgen wird die letzte Veranstaltung der Saison 15/16 von Noisma im Kult-Bau sein. Im Herbst soll es weitergehen; feststeht schon jetzt, dass daselbst 2017 (sic!) ein DADA-Abend stattfinden wird und am 8. November der Herausgeber, Übersetzer und Dichter Joachim Sartorius sowie am 17.1.17 – «What a date!» (Clemens Umbricht) – die hochkarätige zeitgenössische Lyrikerin Silke Scheuermann lesen werden.

tausendtassentee

Jürgen Wasim Frembgen über das Abenteuer der Erfahrung als Kulturwissenschaftler und Autor in Pakistan: 24. Mai, 20 Uhr, Noisma im Kult-Bau, Konkordiatsr. 27, St.Gallen

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Tunneleröffnung

Von der Lok­re­mi­se zur Reit­hal­le gehts jetzt un­ten durch

Von  René Hornung
IMG 6792

Mit 1000 Um­dre­hun­gen durch den All­tags­irr­sinn

Das muss­te ja so kom­men! Es konn­te nicht bei ei­nem blei­ben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zwei­te gros­se, schwe­re Psy­cho­buch von Be­ni Bi­schof. Dar­in ver­wir­belt der Künst­ler er­neut Ei­ge­nes, Frem­des, Be­fremd­li­ches, Be­kann­tes, Neu­es, Un­kennt­li­ches mit lo­cke­rer Hand, Hu­mor und Hin­ter­sinn.

Von  Kristin Schmidt
2606 Psychobuch 2

Auf­he­ben, ver­kau­fen oder zer­stö­ren?

Die Son­der­aus­stel­lung «Bau­stel­le Er­in­ne­rung / ‹Hit­ler ent­sor­gen› – Ar­bei­ten am be­las­te­ten Er­be» im Vor­arl­berg Mu­se­um in Bre­genz be­schäf­tigt sich da­mit, wie ein ver­ant­wor­tungs­vol­ler Um­gang mit Ge­gen­stän­den aus der NS-Ver­gan­gen­heit aus­se­hen kann. Aus­ser­dem be­rät das Mu­se­um Pri­vat­per­so­nen, die sol­che Ge­gen­stän­de be­sit­zen.

Von  Sieglinde Wöhrer
S0 A2501 Ausstellung Baustelle Erinnerung Foto Petra Rainer 1

Ge­trennt ge­mein­sam und mit gu­ter Aus­sicht

For­rer Stie­ger Ar­chi­tek­ten ge­lingt mit dem Drei­fach­kin­der­gar­ten und der Ta­ges­be­treu­ung im Hei­lig­kreuz­quar­tier in St.Gal­len die Qua­dra­tur des Krei­ses.

Von  Ursula Badrutt
01 260504 GBO2602 0101 MAX web

Should I Stay or Should I go

Es geht um uns Men­schen und un­ser son­der­ba­res und ver­hee­ren­des Ver­hal­ten. «Hu­mans» heisst die gros­se Ein­zel­aus­stel­lung des Ost­schwei­zer Künst­lers Olaf Breu­ning. Vie­le Ar­bei­ten sind spe­zi­ell für die Schau im Mu­se­um Al­ler­hei­li­gen in Schaff­hau­sen ent­stan­den. 

Von  Ursula Badrutt
2025 06 02 Ausstellungsaufnahmen 14

25 Jah­re Rock am Wei­er

In Wil fand am Wo­chen­en­de das Rock am Wei­er statt. Seit 25 Jah­ren gibt es das Fes­ti­val, und trotz in­zwi­schen grös­se­rer Na­men ist es im­mer noch kos­ten­los. Ein Ver­ein or­ga­ni­siert es nicht-pro­fit­ori­en­tiert und för­dert re­gio­na­le Acts. Un­se­re Au­torin ist an den Ort ih­rer mu­si­ka­li­schen So­zia­li­sa­ti­on zu­rück­ge­kehrt. Ei­ne Re­por­ta­ge. 

Von  Elisa Faes
Rock am weier elisa faes 1

Kolumne: 24/7 Traumacore

Spring Is Co­ming Wi­th A 425mg Pas­si­ons­blu­men-Dra­gée In The Mouth

Von  Mia Nägeli

Ausstellung im Museum Rosenegg

Fri­sches Wis­sen fürs Mu­se­um

Von  Vera Zatti
Uu Kirchenfenster

Kabarett in Herisau

Apo­ka­lyp­se ist auch nicht al­les

Von  Vera Zatti
P1200733 x jpg

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Hor­ror un­ter dem Mi­kro­skop

Von  Jeremias Heppeler

Vie­le Spu­ren und ein Tat­ort

Ein paar Fe­dern, ein an­ge­knab­ber­ter Tan­nen­zap­fen, ein Stück Plas­tik: Tie­re und Men­schen hin­ter­las­sen Spu­ren. Die­sen wid­met das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len sei­ne ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern».

Von  Vera Zatti
1 Intro Dachs 20260515 NM SPUREN  Urs Bucher

Wor­an soll man noch glau­ben?

In ei­ner neu­en Aus­stel­lung wagt sich das Kunst­mu­se­um Thur­gau in der Kar­tau­se It­tin­gen an ei­ne Neu­ver­mes­sung des Ver­hält­nis­ses von Kunst und Re­li­gi­on.

Von  Michael Lünstroth
O0 A5990 02