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«Ich weiss von mindestens 323 Angriffen mit Chemiewaffen»

Am Samstag findet auf dem St.Galler Kornhausplatz eine Demonstration gegen den Einsatz türkischer Chemiewaffen in Südkurdistan statt. Aziz Köylüoğlu ist Journalist und berichtet aus den kurdischen Gebieten. Im Interview erzählt er von den Gasangriffen, Erdoğans Kriegspolitik und den Schwierigkeiten, in die betroffenen Gebiete zu reisen.
Von  Corinne Riedener
Aziz Köylüoğlu, 1976, ist Journalist und berichtet für «Rojnews» aus den kurdischen Gebieten in Syrien, Irak und der Türkei. (Bild: zVg)

Saiten: Wo befinden Sie sich im Moment?

Aziz Köylüoğlu: In unserem Büro im Zentrum der kurdisch-irakischen Stadt Sulaimaniyya. Von hier aus berichte ich für «Rojnews» aus Südkurdistan, Bagdad und Nordsyrien.

Wie ist die Situation in Südkurdistan?

In den Städten verläuft das Leben weitgehend normal. Es herrscht ein gewisser Alltag. Anders in den Bergen und ländlichen Gebieten, dort herrscht Krieg. Die türkische Armee fliegt seit Monaten permanent Angriffe, fast täglich werden Dörfer bombardiert, es gibt viele zivile Opfer. Bis jetzt haben dazu aber weder die irakische noch die kurdische Regierung Stellung genommen.

Was wissen Sie über die Situation in Westkurdistan?

Ich bin zwar nicht mehr vor Ort, aber ich weiss von Kollegen, dass die türkische Armee auch in Rojava täglich und systematisch Angriffe durchführt, vor allem mit Drohnen. Auch dort ist die Zahl der zivilen Opfer hoch.

«Die Volksverteidigungskräfte HPG haben 132 Angriffe mit chemischen Waffen auf Guerillas zwischen dem 23. April und dem 23. August gezählt. Seitdem gab es zahlreiche weitere Angriffe, die zum Tod von mehr als einem Dutzend Mitgliedern der Guerilla geführt haben», heisst es in einem im September veröffentlichen Dossier des Kurdischen Nationalkongress KNK. Können Sie das bestätigen?

Ja, dafür gibt es zahlreiche Beweise. Leider konnte ich die betroffenen Gebiete nicht besuchen, da uns der Zugang aus Sicherheitsgründen verweigert wurde. Ich weiss von mindestens 323 Angriffen der türkischen Armee mit Chemiewaffen, wodurch mindestens 38 Guerilla der HPG getötet wurden. Ausserdem mussten über 150 Dorfbewohner:innen ins Spital eingewiesen werden aufgrund dieser Angriffe. Das können wir belegen.

Der Einsatz von Chemiewaffen in kurdischen Gebieten hat eine lange Geschichte. Bereits in den 1990er-Jahren hat die Türkei chemische Waffen gegen die kurdische Bevölkerung eingesetzt. Zuletzt hat der Einsatz von türkischen Chemiewaffen in Serêkaniyê im Oktober 2019 für Empörung gesorgt.

1997 trat die Chemiewaffenübereinkunft (CWÜ) der Vereinten Nationen in Kraft, ein völkerrechtlich verbindlicher Abrüstungsvertrag, der die Herstellung, Lagerung und den Einsatz chemischer Waffen verbietet. 193 Staaten haben diesen bis jetzt unterschreiben, darunter auch die Türkei.

Wie?

Wir haben etliche Fotos, Videos und Augenzeugenberichte der örtlichen Bevölkerung gesammelt. Daneben gibt es zahlreiche Berichte der Volksverteidigungskräfte.

Auf manchen Videos sind grünliche und weisse Gase zu sehen. Was sind das für Chemikalien und welche Auswirkungen haben sie auf Menschen?

Die unabhängige NGO Christian Peacemaker Teams (CPT) war in den entsprechenden Gebieten unterwegs und hat Proben genommen. In der Stadt Dohuk wurde ein Spital aufgebaut, wo die Betroffenen behandelt werden. Leider wurde uns von den Peschmerga auch dort der Zutritt verweigert. Bis jetzt wissen wir nur, dass die Gase Brechreiz, Atemprobleme und starke Kopfschmerzen auslösen.

Die Peschmerga sind der Regierung der Autonomen Region Kurdistan im Irak unterstellt. Warum lassen sie die Journalist:innen nicht in die Spitäler und betroffenen Gebiete?

Weil sie mit dem türkischen Militär paktieren, um mit allen Mitteln zu verhindern, dass wir über die Gasangriffe berichten. Vieles deutet darauf hin, dass die Demokratische Partei Kurdistans (KDP) mit der türkischen Regierung zusammen gegen die PKK arbeitet. Sie haben gemeinsame Ziele und stehen sich auch religiös tendenziell nahe – anders als die wesentlich progressivere PKK, die sich für Demokratie, Gleichstellung und Ökologie einsetzt.

Demo gegen den Einsatz von Chemiewaffen in Südkurdistan:

30. Oktober, 15 Uhr, Kornhausplatz St.Gallen

Welche Auswirkungen haben die Chemiewaffen auf die Umwelt und das Ökosystem?

Alle Lebewesen sind davon betroffen. Auch viele Tiere wurden getötet, und die Dorfbewohner haben beobachtet, wie die überlebenden Tiere in andere Gebiete geflüchtet sind. Genaue Zahlen dazu gibt es aber nicht.

Trotz diverser Berichte gibt es kaum Kritik an der türkischen Regierung, geschweige denn Anklagen seitens der europäischen Staaten. Was sind die Gründe dafür?

Ich kenne die Kriegspolitik der Türkei gut. Als Mitglied der Nato kann sie ihren schmutzigen Krieg unter deren Schirm führen. Indem andere Nato-Mitglieder wie Deutschland, Frankreich oder England schweigen, machen sie sich mitverantwortlich an diesem Krieg. Aber das wundert mich nicht: So lange Regierungen ihre politischen Beziehungen auf Basis von wirtschaftlichen Interessen und nicht auf der Basis von Menschenrechten und Demokratie pflegen, wird sich nichts ändern.

Diese Woche wurden die Auslandseinsätze in den kurdischen Gebieten vom türkischen Parlament, dank einer Mehrheit von AKP, MHP und IYI-Partei, auf weitere zwei Jahre verlängert. Welche Ziele verfolgt Erdoğan?

Rojava und Kurdistan sollen besetzt und die kurdische Bevölkerung vertrieben werden. Der Krieg gegen die Kurden dient allein Erdoğans Machterhalt.

Momentan läuft es nicht gut für den türkischen Präsidenten. Die Wirtschaft ist in der Krise, die Lira verliert an Wert, der Rückhalt in der Bevölkerung schrumpft.

Das ist richtig. Sein Traum eines Neuen Osmanischen Reichs ist geplatzt, deshalb setzt er jetzt voll auf den Krieg gegen die Kurden, das ist seine einzige Zukunftsperspektive.

Mehr von Saiten zu Kurdistan, Rojava und der kurdischen Freiheitsbewegung:

im Septemberheft 2016, hier, hier oder hier.

Was sind die Forderungen der kurdischen Freiheitsbewegung?

Erstens soll eine unabhängige internationale Kommission in die Region geschickt werden, um eine Untersuchung einzuleiten. Zweitens wird gefordert, dass die irakische und die südkurdische Regierung die Chemiewaffen-Angriffe anerkennen und die türkische Kriegspolitik ernst nehmen. Und drittens sollen die internationalen Institutionen und Regierungen die Türkei für ihre Verbrechen verurteilen und entsprechende Massnahmen ergreifen.

Wie sehen Sie die Chancen, dass irgendwann wieder Friedensverhandlungen aufgenommen werden?

Die kurdischen Freiheitsbewegung hat seit den 80er-Jahren grosse Fortschritte in Sachen Demokratie, Gleichberechtigung und Ökologie gemacht. Diese Entwicklung sollte von der internationalen Gemeinschaft anerkannt werden. Sie hofft nach wie vor auf Friedensverhandlungen und fordert diese auch immer wieder. Leider will die türkische Regierung nicht abweichen von der Kriegspolitik. Wenn sie von dieser ablässt und einen Schritt auf die Kurden zu macht, wird die kurdische Bewegung die Friedensverhandlungen aller Voraussicht nach gerne wieder aufnehmen.

Aziz Köylüoğlu, 1976, ist Journalist und berichtet für «Rojnews» aus den kurdischen Gebieten in Syrien, Irak und der Türkei. Zuletzt arbeitete er zwei Jahre lang im autonomen Gebiet Rojava (Westkurdistan), seit fünf Monaten ist er in der Stadt Sulaimaniyya (Südkurdistan) stationiert. Das Interview wurde mithilfe einer Übersetzerin geführt.

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